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Ausgabe Nr. 42/2019 vom 15.10.2019, Foto: picturedesk.com
Der Kärntner Peter Handke, 76, erhält den Literaturnobelpreis.
Ein besessener Einzelgänger
Peter Handke erhält am 10. Dezember den Literaturnobelpreis. Die Vergabe an den Kärntner ist umstritten, weil er im Jahr 2006 an der Beerdigung von Slobodan Milosevic teilgenommen hat. Der Serbe war als Kriegsverbrecher angeklagt. Dennoch bleibt die literarische Leistung des Kärntners Handke unumstritten. Eine späte Ehrung für einen Besessenen, der den Preis einst abschaffen wollte.
Er ist vielfach geehrt, von der höchsten Auszeichnung, die ein Literat bekommen kann, hielt Peter Handke, 76, wenig. „Die Auszeichnung bringt mit ihrer falschen Kanonisierung der Literatur nicht viel Gutes. Daher sollte man den Nobelpreis endlich abschaffen“, tönte der im kärntnerischen Griffen geborene Schriftsteller vor fünf Jahren. Seiner damaligen Ansicht nach bringe der Literaturnobelpreis einen Moment der Aufmerksamkeit, aber für den Leser bringe er nichts.

Dennoch hat das Nobelpreis-Komitee in der schwedischen Hauptstadt Stockholm entschieden, Handke mit dem 830.000 Euro dotierten Preis zu ehren. „Die besondere Kunst von Peter Handke ist die außergewöhnliche Aufmerksamkeit für Landschaften und die materielle Präsenz der Welt, die Kino und Malerei zu zwei seiner größten Quellen der Inspiration werden ließen“, begründete die Akademie die Zuerkennung. Handke sei einer der einflussreichsten Autoren Europas, heißt es und nun neben Elfriede Jelinek, die den Preis im Jahr 2004 erhielt, der zweite Schriftsteller unseres Landes mit dieser Auszeichnung. Die Verleihung findet am 10. Dezember in Stockholm statt und Handke hat zugesagt, zu kommen. Er lebt sonst zurückgezogen in Frankreich.

Fern von Kärnten, von Griffen, seinem Geburtsort, dem seine Mutter Maria Siutz entfliehen wollte. Sie hat nie verstanden, warum der Vater und die Brüder so stolz auf ihre slowenischen Vorfahren waren. Sie waren heimatlose Tagelöhner, Knechte, Wanderarbeiter. Sie musste raus aus dem kleinen Grenzort. Es war Frühjahr des Jahres 1942. Der Zweite Weltkrieg tobte und Maria Siutz versuchte in Klagenfurt ihr Glück. Der Gasthof Tigerwirt schien ihr die geeignete Adresse zu sein, um der Schufterei zu entkommen. Immerhin galt er als Treffpunkt der gehobenen Klagenfurter Gesellschaft. Auch der deutsche Wehrmachtssoldat Erich Schönemann verkehrte dort. Er war fast kahlköpfig, kleiner als Siutz, dreizehn Jahre älter als die 22jährige und verheiratet. Sie machten gemeinsame Ausflüge, er schenkte ihr Parfüm und ein charmantes Lächeln. Daheim in Norddeutschland wartete die Ehefrau mit dem neugeborenen Kind. Doch auch die Nächte im Tigerwirt blieben nicht ohne Folgen. Noch bevor sich Erich Schönemann an die heimatliche Ehefront verabschiedet, stellt Siutz fest, dass sie von ihm schwanger ist. Festgehalten ist dies in der Biografie „Meister der Dämmerung“ von Malte Herwig, erschienen im DVA-Verlag. Erst im Sommer 1962 sollte der enteilte Vater seinen Sohn zum ersten Mal sehen.

Der tat am Nikolaustag, dem 6. Dezember, 1942, um 18.45 Uhr, seinen ersten Schrei. Als Teufel verkleidete Dorfbewohner machten draußen nach altem Brauch mit Ketten und Gebrüll einen Höllenlärm. Noch heute glaubt Handke, „dass mein Grundschrecken von den Stunden vor der Geburt herrührt, wo diese Teufel, die als Teufel verkleideten Typen, mit den Ketten und Ruten durch das Dorf gegangen sind und alles niedergemacht und gebrüllt haben.“ Handke kommt heimatlos zur Welt. Die Familie, Habenichtse, die überall in der Fremde waren. In seinen Romanen und Erzählungen findet sich später diese Zerrissenheit wieder. Handke lässt seine Hauptakteure über das Grenzgebirge der Karawanken den Weg in das ehemalige Jugoslawien machen, auf der Suche nach den slawischen Wurzeln. Belege dafür sind „Die Wiederholung“, 1986, und „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, 1994.

Seinen Familiennamen verdankt er einem anderen deutschen Soldaten, den seine Mutter noch während der Schwangerschaft geheiratet hatte. Bruno Handke stammte aus der Hauptstadt Berlin und war hingerissen von der jungen Maria. Er war ihr jedoch zuwider, immerhin gab sie ihrem Spross aber einen Vater und als verheiratete Frau hatte sie Anspruch auf ein Ehestandsdarlehen. Als ihr Sohn ein Jahr alt war, übersiedelte sie nach Berlin zu den Schwiegereltern, kehrte aber nach einem weiteren Jahr wieder nach Griffen zurück. Dort wurde der Bub eingeschult. Er galt als guter Schüler, absolvierte die Volksschule, dann zwei Jahre die Hauptschule, ehe er ans Gymnasium des Priesterseminars Marianum in Maria Saal wechselte. Dort entdeckte er das Schreiben für sich. Viele Eindrücke hielt er in Tagebüchern fest, die er über die Schulzeit hinaus führte. Sie zeigen einen großen Einzelgänger und Literaturbesessenen bei der Arbeit. Oft machte ihn die „schreckliche Grenzenlosigkeit der Depression“ zu schaffen, dann wieder ganz gewöhnliche Alltagsprobleme. Vor allem in Zeiten, in denen er sich alleine um die im Jahr 1969 geborene Tochter Amina kümmern musste. Sie entstammt Handkes Ehe mit der Schauspielerin Libgart Schwarz. Das Paar trennte sich 1974. Liaisonen, unter anderem mit der französischen Schauspielerin Jeanne Moreau und ihrer deutschen Kollegin Katja Flint folgten. Eine zweite Ehe ging Handke mit der Französin Sophie Semin ein. Die Hochzeit fand 1995 statt, bereits vier Jahre zuvor wurde ihre Tochter Léocadie geboren. Dass Semin im Jahr 2001 das gemeinsame Heim in Chaville, südwestlich von Paris, verließ, liegt an Handkes eigenbrötlerischem Leben. „Um mit ihm gemeinsam leben zu können, müsste man ein Schloss mit zwei Flügeln besitzen. Aber man hat halt kein Schloss“, sagt Semin.

Aber einen Wald. Darin ging der Schriftsteller vier Stunden lang spazieren, nachdem er erfahren hatte, dass er der 22. Nobelpreisträger unseres Landes ist.
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