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Ausgabe Nr. 37/2019 vom 10.09.2019, Foto: picturedesk.com
Erling Braut Haland im Spiel gegen Real Madrid.
„Meine jungen Spieler gehen furchtlos auf den Rasen“
Nach elf gescheiterten Anläufen dribbelt Fußball-Meister Salzburg in der kommenden Woche gegen
Genk aus Belgien erstmals in der Champions League über den grünen Rasen. Der Trainer Jesse Marsch, 45, marschiert dabei mit einer blutjungen Mannschaft von „Baby-Bullen“ auf Rekordkurs.
Vor einem Jahr erst durfte der Supertricksler Dominik Szoboszlai, 18, eines der ersten Male wählen, war der Blondschopf Erling Braut Haland, 19, noch einen Kopf kleiner und durfte der Weltenbummler Maximilian Wöber, 21, mangels Führerschein noch nicht Auto fahren. Heute sind die drei nicht nur hochkarätige Spieler Salzburgs, sondern mit einem Marktwert zwischen zehn und zwölf Millionen Euro sogar die teuersten der rot-weiß-roten Bundesliga.

Kein Zufall, denn der Fußballmeister hat sich der hochprofessionellen Talentesuche verschrieben. Selbst beim ersten Champions-League-Antritt nach elf verpassten Anläufen geht der Meister nicht auf Nummer sicher, sondern setzt beim Auftakt am kommenden Dienstag daheim gegen Belgiens Genk auf die Begeisterung seiner halbwüchsigen Helden. „Diese jungen Spieler gehen furchtlos in die Duelle, sie beschäftigen sich nicht mit der Vergangenheit“, glaubt Trainer Jesse Marsch fest an die Vorteile der Jugend. „Diesen Zugang müssen wir für uns als Mannschaft nützen.“

Der 45jährige möchte überzogene Erwartungen von seinen „Baby-Bullen“ fernhalten und gibt grünes Licht
für Begeisterungsfußball. „Keiner soll sich Gedanken über den Druck machen, sondern die Chance nützen, auf diesem Niveau spielen zu können. Es soll eine Freude für uns sein.“

Doch auch abseits von Doppelpässen und Toren könnten die Salzburger in der Königsliga ein paar Rekorde purzeln lassen. Darüber, dass sich Experten zuletzt ehrfürchtig vor der „jungen“ Mannschaft Ajax Amsterdams verneigten, die im Frühjahr mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren das Semifinale der Champions League erreichte, kann Marsch nur schmunzeln. Seine Elf, die zuletzt WSG Tirol in der Bundesliga 5:1 auseinandernahm, wies zum Abpfiff einen Altersschnitt von 23,8 Jahren auf. Würde Marsch zusätzlich einige der Jung-Asse wie Antoine Bernede, 21, Patson Daka, 20, Sekou Koita, 19, Jerome Onguéné, 21, Enock Mwepu, 21, oder Marin Pongracic, 21 aufs Feld schicken, würde er mit im Schnitt 21 Jahren die jüngste Champions-League-Mannschaft stellen und dennoch eine schlagkräftige Truppe haben. Allerdings lautet sein Plan, seine „Wunderkinder“ mit älteren Führungsspielern abzusichern. „Wir haben mit Ramalho, Ulmer oder Junuzovic routinierte Spieler, die ihre Erfahrungen einbringen werden.“

Vieles spricht dafür, dass Salzburg in der Gruppenphase gegen die Gegner Liverpool, SSC Napoli und Genk gute Figur machen wird, denn etliche der Jung-Bullen gelten heute schon als potenzielle „Superstars“. „Dominik Szoboszlai ist trotz seiner jungen 18 Jahre ein Spieler, der vor allem das Auge für die letzte entscheidende Aktion hat“, verrät Jesse Marsch, warum Arsenal London zuletzt 20 Millionen Euro für den Ungarn bot. Haland wiederum traf in den vergangenen fünf Spielen für Salzburg, verwertete bei der Unter-21-WM unglaubliche neun Mal in einer Partie und debütierte in Norwegens Nationalteam. „Erling hat keine Schwachpunkte, er ist ein Spieler mit viel Kraft, Talent und Mentalität“, lobt der Trainer seinen begehrten Knipser, der in den vergangenen zwei Jahren 20 Zentimeter wuchs und zehn Kilo zunahm. Bereits länger im Nationalteamkader steht der Wiener Wöber, er verweist mit 21 Jahren bereits auf Transfers zu Ajax Amsterdam und Sevilla. „Max ist ein Innenverteidiger mit allen Qualitäten und hat enormes Potenzial“, urteilt der amerikanische Trainer.

Um seine jungen Wilden allerdings auf Kurs zu halten, muss Marsch im Training zwischen Vaterfigur und autoritärem Chef wechseln. „Die Aufgabe des Trainers ist herauszufinden, was jeder einzelne braucht. Die Beziehung zwischen Spieler und Trainer ist vielleicht das Wichtigste überhaupt, ich versuche, diesem Thema durch viele persönliche Gespräche gerecht zu werden.“ Marsch möchte die Stärken des US-Sports wie Teamgeist und Begeisterung auf seine Kicker übertragen, erkennt jedoch auch Problemfelder. „Ein wesentlicher Unterschied der USA zu Europa besteht darin, dass alles extrem gesehen wird. Erfolg oder Misserfolg, dazwischen gibt es nicht viel. Wir sagen in Amerika, ,schwimmen oder untergehen‘“, schmunzelt er. „Unser Ziel mit der Mannschaft ist daher, so lang und schön wie möglich zu schwimmen.“
W. Kreuziger
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