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Ausgabe Nr. 34/2019 vom 20.08.2019, Foto: Getty Images
Duff McKagan
„Ich hatte Glück und bekam eine zweite Chance“
In den späten Achtzigern und frühen Neunzigern des vorigen Jahrhunderts war Duff McKagan nicht nur der Bassist der amerikanischen Hard-Rock-Band „Guns n‘ Roses“, sondern litt, wie alle in der Band, an ausgeprägten Suchtproblemen. Seit vielen Jahren nüchtern und agil hat sich McKagan, inzwischen 55 Jahre alt, Familienvater und in diversen Geschäftsfeldern erfolgreich, einem Herzensprojekt gewidmet und mit „Tenderness“ erstmals ein akustisches Folk-Album aufgenommen. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat sich mit ihm darüber unterhalten.
Sie haben viele der Stücke auf „Tenderness“ während der zweijährigen „Not In This Lifetime“-Welttournee mit „Guns n‘ Roses“ geschrieben. Wie dürfen wir uns das vorstellen? Erst spielen Sie zwei Stunden lang laute Rockmusik im Stadion, dann ziehen Sie sich ins Hotelzimmer zurück und schreiben ruhige Folklieder?
(lacht) Ja. Genauso ist es gewesen. Die Stille im Zimmer hat etwas Atemberaubendes, wenn du vorher da draußen im Orkan gewesen bist. Und frisch von der Bühne kommend bist du wunderbar warmgespielt. Ursprünglich sollte „Tenderness“ jedoch kein Album werden, sondern ein Buch. Mein drittes. Ich wollte meine Kolumnen und Blogeinträge der vergangenen Jahre zusammenführen, doch ziemlich bald änderte ich meinen Plan und begann, ein akustisches Album zu machen. Es sollte sanft klingen und eindringlich zugleich. Die Idee war, starke Melodien und aussagekräftige Texte mit ruhiger, unaufdringlicher Musik zu vereinen.

Wie war eigentlich die Tournee mit „Guns n‘ Roses“? Haben Sie sich untereinander verstanden?
Es war wirklich wunderbar. Die beste Zeit, die wir je miteinander verbracht haben. Axl (Rose, 57) ist ein Meister und arbeitet unglaublich hart. Ihn jeden Abend auf der Bühne zu betrachten, war ein Geschenk. Slash, 54, genauso. Das sind einzigartige und inspirierende Burschen.

Sie haben Ihr Album gemeinsam mit dem Country-Sänger Shooter Jennings und dessen Band aufgenommen. Gemeinsam mit ihnen werden Sie auch auf Tour gehen …
Das stimmt, sie spielen wundervoll. Shooter ist ein angenehmer Mensch, wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren. Ich kann nur sagen: Wer uns gemeinsam spielen sehen will, der muss zu den Konzerten kommen. Mehr als diese eine Tournee werden wir nicht gemeinsam bestreiten. (Ein Konzert in unserem Land gibt es leider nicht, Anm. d. Red.)

Die akustischen Arrangements passen gut zu Ihrer Stimme.
Ich habe auch auf drei Alben meiner Band „Loaded“ gesungen, aber tatsächlich war das mehr ein Schreien. Auf „Tenderness“ singe ich tiefer und weicher, fast so, als hätte ich Watte geschluckt. Dieser ruhige Gesang passt zu mir, und anders hätte ich das in den Hotelzimmern auch nicht machen können, die anderen Gäste hätten mich gelyncht.

Das hätte Sie in den Achtzigern aber nicht gekümmert, oder?
Vermutlich wäre ich zu betrunken gewesen, um überhaupt noch etwas davon mitzukriegen, dass mir andere Menschen ans Leder wollen.

Ist es richtig, dass Sie seit 25 Jahren trocken sind?
Das dürfte hinkommen. An die Zeit, als ich gesoffen habe, kann ich mich kaum noch erinnern. Das ist so lange her. Meine Töchter sind 22 und 19 Jahre alt, sie sind auf die Welt gekommen, als ich schon trocken war. Ich hatte großes Glück. Ich habe eine zweite Chance bekommen.

Sind Ihre Töchter auch musikalisch?
Sie haben zumindest einen erstklassigen Geschmack, sie lieben Johnny Thunders und Iggy Pop. Ich war ja früher selbst ein Punk. Ich habe im Jahr 1979 in Punkrock-Bands zu spielen begonnen, bis ich von Seattle (US-Staat Washington) nach Los Angeles (US-Staat Kalifornien) zog und wir „Guns n‘ Roses“ gegründet haben. Im Herzen bin ich immer noch dieses Punk-Kind. In gewisser Weise ist auch „Tenderness“ für mich ein Punk-Album, zumindest was die Haltung angeht, drei Akkorde und die Wahrheit.

Ihre Wahrheiten sind unbequem. Sie singen „A little Tenderness is what we need“. Warum brauchen wir mehr Zärtlichkeit?
Weil das Leben leichter ist, wenn wir freundlich miteinander umgehen. Ich reise viel, ich sehe mich als Weltbürger, und außerdem lese ich viel, am liebsten Bücher über Themen der Menschheitsgeschichte. Ich liebe mein Land, aber ich liebe den ganzen Planeten, ich respektiere andere Weltanschauungen und Kulturen. Und ich stelle diese Spaltung der Gesellschaft, dieses Anwachsen der Extreme, in Bezug zur Vergangenheit. Ich bin überzeugt, dass dies jetzt nur eine Phase ist, dass in ein paar Jahren ganz andere Probleme akut sind. Also sage ich in „Tenderness“ sinngemäß: Holt einmal tief Luft, es wird schon wieder alles in Ordnung kommen.
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