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Ausgabe Nr. 34/2019 vom 20.08.2019, Foto: Getty Images
Hypochonder sind in Ängsten „gefangen“
„Scheinkranke“ sind in der Tat krank
Magendrücken. Da steckt bestimmt Magenkrebs dahinter. Kopfschmerzen. Die können nur von einem Hirntumor kommen. Nehmen solche Ängste überhand, steckt ein ernstes psychisches Problem dahinter, Hypochondrie. Die Beschwerden sind mitnichten Einbildung. Ob Sorgen um die Gesundheit „hypochondrisch“ oder angebracht sind, kann jeder selbst testen.
Der schon wieder“, mag mancher Arzt denken, wenn ein Patient nach kurzer Zeit erneut mit unerklärlichen Beschwerden auftaucht. Klagte der Patient in der vergangenen Woche über heftige Brustschmerzen und die Sorge, einen Herzinfarkt erlitten zu haben, sind es nun Kopfschmerzen, die ihn einen Hirntumor befürchten lassen. Das Problem, organisch fehlt dem „Kranken“ nichts, dennoch spürt er Symptome, oft aus einer massiven Angst vor Krankheiten heraus.

Der Körper leidet unter einer Angststörung

Die Sorge um die eigene Gesundheit kann überlebenswichtig sein. Doch wer unter Hypochondrie, also Krankheitsängsten leidet, sieht stets die sich anbahnende Katastrophe. „Geringfügige Körpersignale wie Kopfweh oder ein Ziehen hier und dort werden stets als Vorbote einer schweren Erkrankung interpretiert. Die Patienten können tatsächlich Schmerzen spüren. Doch die haben keine Ursache in einer organischen Fehlfunktion. Ihr Schmerzempfinden sitzt im Gehirn und wird durch die Angst vor Krankheit befeuert“, erklärt Dr. Michael Ackerl, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Oberpullendorf (B).

Die Hypochondrie gehört zu den somatoformen Störungen. Das bedeutet, körperliche Beschwerden zu haben ohne organische Ursachen. Hypochondrie ist keine Wehleidigkeit, sondern eine psychische Störung, genauer gesagt eine Angststörung. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist jeder 18. Patient, der zum Arzt geht, ein Hypochonder. Wie es zu dieser Störung kommt, ist noch ungeklärt. Die Betroffenen sind häufig ängstliche und vorsichtige Menschen. Ihre Erziehung und Lebenserfahrungen wie der Tod oder Krankheit eines nahen Angehörigen könnten bei der Ausbildung der Störung eine Rolle gespielt haben. Hypochonder zeigen vielfach auch Symptome einer Depression oder einer Zwangsstörung.

Ordner voller Befunde und Informationen

Hypochonder sind in der Angst vor Krankheiten „gefangen“. „Der Besuch beim Arzt beruhigt diese Art Patienten nur kurzfristig. Schon bald kommen ihnen Zweifel an der Diagnose, dass alles in Ordnung ist. Oder sie fürchten, dass sich seit dem vorigen Arztbesuch eine gefährliche Krankheit in ihrem Körper ausbreitet.“ Und es folgen die nächsten Arztbesuche, meist ein wahrhaftiger Ärzte-Marathon. „Dieser Kreislauf geht bei Hypochondern über Monate und Jahre, ohne dass je ein Arzt bei einer Untersuchung eine organische Ursache für die Symptome oder die Schmerzen finden konnte. Manche Patienten legen ganze Ordner an, mit Informationen über diverse Krankheiten und ihre Befunde zu allen Untersuchungen“, beschreibt der Psychiater Vorkommnisse aus dem eigenen Praxisalltag. Wer länger als sechs Monate unter anhaltenden, unbegründeten Krankheitsängsten leidet, gilt diagnostisch als Hypochonder.

Der Psychiater kann Hypochondern helfen

Tatsächlich sind Hypochonder krank, aber anders, als sie denken. „Um ihre Ängste vor Krankheiten besser bewältigen zu können, müssen sie erkennen, dass die Beschwerden auf einer psychischen Störung basieren. Sonst ist keine Besserung möglich. Es gibt keine Medikamente, die hier helfen. Das kann nur eine Verhaltenstherapie“, klärt Dr. Ackerl auf. „Die ist zwar langwierig und daher auch kostspielig, aber wenn sie konsequent durchgeführt wird, gibt es für die Betroffenen Besserung.“

Eine wichtige Rolle bei der Behandlung durch eine Verhaltenstherapie spielt die kognitive Umstrukturierung. Das heißt, die Patienten müssten zur Einsicht kommen, dass es ganz normale Körperreaktionen gibt. Ein Schwächeanfall etwa könne durch Stress ausgelöst worden sein und Freude zu Herzstolpern führen.

Zum anderen sollen die Patienten lernen, Ängste auszuhalten beziehungsweise Dinge in Relation zu sehen.

Hierfür kann eine Pro- und Contra-Liste dienlich sein, „Was spricht dafür, was dagegen, dass ich krank bin?“ So sollen „Fehlgewichtungen“ erkennbar werden. Und es werden Vereinbarungen getroffen, nicht jede Woche, sondern vielleicht nur jeden dritten Monat zum Arzt zu gehen. Auf diese Weise sollen die Arztbesuche von der Angst abgekoppelt werden.

Im Durchschnitt dauert es bis zu zehn Jahre, bis Betroffene für die richtige Therapie bereit sind. „Der Patient muss zu der Einsicht gelangen, dass das Problem eine psychische Ursache hat. Das ist nicht leicht. Hypochonder fühlen sich oft nicht ernst genommen. Und sie glauben anfangs nicht, dass es keine organische Ursache für ihre Symptome oder Schmerzen gibt. Das ist der Grund, warum so viel Zeit vergeht. Sicherlich liegt es auch ein wenig daran, dass Ärzte bei diesen Patienten viel Einfühlungsvermögen zeigen sollten. Es ist nicht einfach, einem Hypochonder seine Situation zu erklären, so, dass dieser akzeptieren kann, nicht an einer körperlichen, sondern an einer psychischen Störung zu leiden.“
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