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Ausgabe Nr. 34/2019 vom 20.08.2019, Foto: Reuters
Brasilien rodet Regenwald, andere Länder forsten auf
Klimaretter Wald
Mehr Bäume sind der wirkungsvollste Klimaschutz. Auch in unserem Land. Doch die grüne Lunge leidet unter Trockenheit, steigenden Temperaturen und Schädlingen. Der Klimawandel verursacht Millionenschäden. Unser Wald der Zukunft sieht jedenfalls anders aus. Weniger Fichten, dafür mehr Lärchen, Tannen oder Eichen.
Die Ämter in Äthiopien blieben am 29. Juli zu. Statt am Schreibtisch zu sitzen, halfen die Beamten, mehr als 350 Millionen Baumsetzlinge zu pflanzen. Ein neuer Weltrekord. Auch wenn Erfahrungen zeigen, dass bei solchen Großaktionen vier von zehn Jungbäumen bald wegen Krankheiten oder Wassermangel eingehen. Doch die äthiopische Regierung hat noch mehr vor. Bis Oktober will sie vier Milliarden Bäume setzen. Immerhin war das Dürregeplagte Land noch vor etwas mehr als hundert Jahren zu einem Drittel mit Wald bedeckt. Jetzt ist es nur noch ein Bruchteil davon.

Auf der anderen Seite der Erdkugel hingegen nehmen die Rodungen zu. Satelliten-Aufnahmen zeigen, dass Brasilien im heurigen Sommer deutlich mehr Regenwald abgeholzt hat als in den Jahren zuvor. Auf den gerodeten Flächen weiden meist Rinder, danach wird Soja angebaut. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, den viele auch als „Zwilling von Donald Trump“ bezeichnen, hält wenig vom Pariser Klimaabkommen. Die Umweltschutz-Politik „schnürt dem Land die Luft zum Atmen ab“, sagt er.

Doch immer mehr Länder forsten auf. In Indien wurden kürzlich 220 Millionen „Mini-Bäume“ an einem Tag gesetzt. Der bayerische CSU-Ministerpräsident Markus Söder will in den nächsten fünf Jahren 30 Millionen Bäume in den Staatsforsten pflanzen: „Aus dem reinen Wirtschaftswald soll ein Klimawald werden.“ Island kämpft mit zwölf Millionen Setzlingen gegen den Klima-Kollaps. In Wien werden allein am 19. Oktober bei der Aufforstungsaktion „Wald der jungen WienerInnen“ 10.000 Bäume und Sträucher in waldarmen Gebieten gepflanzt. Und Linz (OÖ) will in den nächsten drei Jahren 1.000 zusätzliche Schattenspender einsetzen.

Denn Bäume sind der wirkungsvollste Klimaschutz. Davon sind Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich in der Schweiz überzeugt. Sie könnten zwei Drittel des vom Menschen bisher verursachten CO2-Ausstoßes binden. Die Voraussetzung dafür sind neue Wälder vor allem in Russland, den USA, Kanada, Australien, Brasilien und China. Die Erde könnte ein Drittel mehr Wald als bisher vertragen, ohne dass Städte oder Anbaugebiete darunter litten, glauben die Wissenschaftler.

Bei uns wächst der Wald stetig. Jährlich kommen 3.400 Hektar dazu, das sind etwa 4.762 Fußballfelder. Fast die Hälfte unseres Landes ist mit Wald bedeckt. In der Steiermark und in Kärnten sind es fast zwei Drittel. Doch die grüne Lunge leidet, und mit ihr die Waldbesitzer. Fehlender Regen, steigende Temperaturen und Schädlinge setzen den Bäumen zu. Allein der größte Waldbesitzer unseres Landes, die Bundesforste, rechnen heuer mit einem Klimawandel-Schaden von 35 Millionen Euro. Dem ausgegliederten Staatsbetrieb gehören rund 15 Prozent der hiesigen Waldfläche.

Vor allem der Borkenkäfer setzt dem Wald zu. „Durch die Trockenheit werden die Bäume geschwächt, der Käfer kann sich leichter einbohren, den Baum schädigen und bis zum Absterben bringen“, erklärt eine Sprecherin. Ein gesunder, gut mit Wasser versorgter Baum tötet eindringende Käfer durch den Harzfluss ab, der mit dem Einbohren ausgelöst wird. „Bei geschwächten Bäumen reichen wenige Käfer und der Baum stirbt in kurzer Zeit ab.“ Zudem bieten steigende Temperaturen und Trockenheit die idealen Bedingungen für die Vermehrung der Käfer. „Je nach Witterung können so im Lauf des Jahres drei Käfergenerationen entstehen.“

Die Bekämpfung ist aufwändig. Mit tausenden Borkenkäferfallen werden bei den Bundesforsten die Wälder überwacht. Befallene Bäume müssen sofort gefällt werden. Die Mühe zahlt sich aus. „Während die Borkenkäferrate in den vergangenen Jahren österreichweit gestiegen ist, war sie bei den Bundesforsten in den vorigen drei Jahren rückläufig“, heißt es bei den „Staatsforsten“.

Auch die privaten Waldbesitzer ächzen unter dem Klimawandel. Mehr als die Hälfte der Fläche ist sogenannter Kleinwald mit weniger als 200 Hektar Fläche, der oft zu Bauernhöfen gehört. Die privaten Großwaldbesitzer sind hingegen häufig in der katholischen Kirche und bei ehemaligen Adelsgeschlechtern zu finden. Felix Montecuccoli etwa, der Präsident der Vereinigung „Land&Forst Betriebe Österreich“ bewirtschaftet 960 Hektar Wald. Er fordert schon seit Längerem eine auf zehn Jahre aufgeteilte „Waldmilliarde“, vor allem für die Forschung, welche Baumarten künftig am ehesten bestehen werden. Aber auch Hilfe bei der Wiederaufforstung mancher Flächen sollte es geben.

Die Fichtenwälder, die noch weite Teile unseres Landes bedecken, werden bald Vergangenheit sein. Die Zukunft gehört dem Mischwald, der dem Klimawandel besser trotzen kann. Die Fichte galt bisher als „Brotbaum der Forstwirtschaft“, weil sie schnell wächst und ihr Holz vielseitig verwendbar ist, für Papier und als Bauholz. Doch ihr Anteil wird in den nächsten Jahrzehnten um ein Drittel sinken. Mit ihren Flachwurzeln kann sie Stürmen und der zunehmenden Trockenheit wenig entgegensetzen.

Trotzdem wird die Fichte der häufigste Nadelbaum bei uns bleiben. Nicht im Waldviertel (NÖ) oder im Osten, wo es zu trocken für sie ist, sondern in höheren Lagen entlang des Alpenbogens.

Als schnellwüchsige und robuste Fichten-Alternative für sauren Untergrund gilt die Douglasie. Sie ist vor allem in Nordamerika zuhause, war ursprünglich aber auch in unseren Breiten heimisch. Auch die Eiche gilt Fachleuten als „Baum der Zukunft“. Sie wächst zwar im „Rotzbubenalter“ oft krumm, nach 15 Jahren ändert sich das und sie zieht sich gerade.

Ein bis zwei Millionen Jungbäume werden jährlich im Staatswald gesetzt. „Vor allem auf Flächen, die von Stürmen, Borkenkäfern, Schneedruck, Lawinen oder sonstigen Naturkatastrophen in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dabei werden bereits Bäume gepflanzt, die mit den Klimaverhältnissen in 50 oder 100 Jahren besser zurechtkommen, zum Beispiel mehr Lärchen und mehr Tannen“, sagt eine Expertin.

In den vergangenen Jahren war die Temperatur bei uns um bis zu zwei Grad höher als im langjährigen Durchschnitt. Das bringt auch ungewöhnliche neue „Waldbewohner“. Forscher der Universität Wien haben an sechs Standorten in Ober- und Niederösterreich sowie in Wien verwilderte Hanfpalmen gefunden. Die Tropen-Sinnbilder überstehen mittlerweile den Winter bei uns auch außerhalb des Glashauses.
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