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Ausgabe Nr. 32/2019 vom 06.08.2019, Fotos: Imago
Schauspielerin Marianne Sägebrecht
Buch: „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“
„Mama, ich komme aus Surinam“
Schon als Kind wünschte sie sich nichts sehnlicher, als nach Surinam zu reisen. Denn von dort glaubte sie zu kommen. Für Marianne Sägebrecht wird der lang gehegte Kindheitstraum im Frühjahr in Erfüllung gehen. Die spirituelle Künstlerin, die keine Angst vor dem Tod hat, sprüht noch immer vor Ideen.
Wenn du das sagst, Marianne, dann stimmt‘s“, sagte die Näherin Agnes Sägebrecht mehrmals am Tag. Nur mit diesem Satz konnte sie ihre redselige kleine Tochter zumindest für ein paar Minuten zum Schweigen bringen. Die als Energiebündel am 27. August 1945 im bayerischen Starnberg geborene Marianne Sägebrecht verfügte schon von Kindesbeinen an über eine erstaunliche Fantasie. „Ich war heute Nacht im Regenwald, dort sind die Menschen schwarz, rot, gelb und weiß. Und alle sind gut miteinander. Mama, ich komme aus Surinam.“ „Freilich“, antwortete ihre Mama, „aber jetzt bist du von dort zu mir an den Starnberger See hergeflogen.“

Auch ohne ihren Vater Georg, der 1945 im Krieg gefallen ist, und den sie nie kennenlernte, sei sie „wohl behütet im Kreis der Großfamilie“ aufgewachsen. „Ich flog durch die Lüfte, von einem Schoß auf den anderen“, erinnert sich die 73jährige an ihre Kindheit. Viele Kindheitstage verbrachte sie in der Gärtnerei des Großvaters. Er war es, der seiner Enkelin erstmals vom südamerikanischen Land, das an der Nordgrenze Brasiliens liegt, erzählte. „Ich habe meinen Teddy in einen Koffer gepackt und wollte nach Surinam. Im April 2020 werde ich endlich in mein Sehnsuchtsland reisen, um das Weltkulturerbe und die verschiedenen Kulturen und Religionen, die dort friedlich miteinander leben, kennenzulernen. Ich werde darüber einen Dokumentarfilm drehen.“ All die Jahre vor Erfüllung ihres Lebenstraumes im kommenden Frühjahr seien für sie ein Geschenk gewesen, „denn alles passierte zu seiner Zeit“. Vor ihrer Filmkarriere ließ sie sich zur medizinisch-technischen Assistentin ausbilden. Elf Jahre war sie mit Fritz Gmata verheiratet, Tochter Daniela erblickte 1967 das Licht der Welt. Das Paar ließ sich 1975 scheiden. Zu ihrem Ex-Mann hat sie ein freundschaftliches Verhältnis. „Wir sehen und besuchen uns häufig. Schon allein wegen unserer gemeinsamen Enkeltochter Alina, sie ist mittlerweile 25.“

Ab 1976 machte sich Sägebrecht als Wirtin des Münchener Künstler- und Kabarett-Lokals „Muttibräu“ einen Namen. Mit „Opera Curiosa“ gründete sie ein Revuetheater, das bundesweit für Furore sorgte. Es dauerte nicht lange, bis Filmemacher auf das erfrischende bayerische Temperament aufmerksam wurden. Ohne jeglichen Schauspielunterricht hatte sie 1983 ihren ersten Leinwandauftritt in dem Streifen „Die Schaukel“ von Percy Adlon. Die Liebeskomödie „Zuckerbaby“ (1985), der Kultstreifen „Out of Rosenheim“ (1987) und ihre Rolle als Haushälterin „Susan“ in „Rosenkrieg“ (1989), an der Seite von Michael Douglas und Kathleen Turner, machten Sägebrecht international bekannt.

„Wenn ich mir den ,Rosenkrieg‘ anschaue, krieg‘ ich heute noch eine Gänsehaut und muss fast weinen, das war eine schöne Zeit“, schmunzelt Sägebrecht. Dennoch hat sie damals den Vertrag mit Hollywood nicht unterschrieben. „Hätte ich es getan, würden mir wahrscheinlich heute ein paar Häuser in Los Angeles gehören.“ Aber sie hat sich auf den berühmten Hollywood-Hügel gesetzt, um schon nach ein paar Minuten zu wissen, dass sie lieber nach Hause zu ihrer Familie wollte.

„Viele meinten, ich hätte sie nicht mehr alle, solch große Angebote abzulehnen“, erzählt die Schauspielerin. Sie hat jedoch kein einziges Mal diese Entscheidung bereut. „Alles im Leben ist für irgendetwas immer gut. Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, beschreibt sie ihr Lebensmotto.

Mutig vorwärts blickt sie selbst im fortgeschrittenen
Alter. „Und zufrieden, denn das Schöne ist, dass ich noch
Pläne habe und mich nicht vor dem Sterben fürchte.“ Über den Abschied spricht sie in ihrem neuen Buch mit dem Titel „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“ (Gütersloher Verlagshaus). „Der Lebensplan wird einem sowieso in die Wiege gelegt“, ist Marianne Sägebrecht überzeugt. Für sie war das Sterben schon als Kind nichts Befremdliches. „Ich bin in einem Dorf, wo jeder jeden gekannt hat, aufgewachsen. Ich habe die Hand einer sterbenden Bäuerin gehalten. Es hat immer geheißen, die Menschen sterben nicht, sondern sie gehen heim zu ihrem Schöpfer. Alle wollen bis ans Ende ihrer Tage nur fit, gesund und glücklich sein. Das spielt es im wahren Leben nicht. Die meisten Menschen wollen nicht kapieren, dass Trauer genauso sein muss wie Freude.“

Deshalb engagiert sie sich seit vielen Jahren in einem Hospiz, eine Arbeit, die sie erfüllt. „Das Teilen und Dienen sind für mich etwas Selbstverständliches. In meinem Alter helfen zu können, finde ich am allerfeinsten.“ Wesentlich dabei sei der Glaube, für die spirituelle Künstlerin das höchste Gut überhaupt. „Als ich sechs war, sagte unser katholischer Pfarrer zu mir, ich sei eine alte Seele. Schon mit 13 durfte ich in der Kirche die Geschichte der Apostel lesen. Mit 14 kam ein Kaplan aus Indien in unser Dorf. Er hat uns geöffnet, nicht nur für die katholische, sondern für den ökumenischen Gedanken und für die Botschaften des Dalai Lama.“

Während die meisten Schauspieler ihres Kalibers ein eigenes Management in Anspruch nehmen, hat Marianne Sägebrecht so etwas noch nie gebraucht. „Meine Tochter Daniela macht mein Sekretariat, und ich vertraue seit 27 Jahren meinem Film-Anwalt.“

Im Sternzeichen der „Jungfrau“ geboren, braucht sie zum einen Ordnung, Struktur und ihre bayerische Heimat. Der „Schütze“-Aszendent lässt sie jedoch auch zur „Wanderbärin“ werden. „Dann nehme ich meinen symbolischen Rucksack und will raus in die Welt. In Surinam, das spüre ich, wird schon nach mir gerufen“, meint die bald 74jährige, die ihr Herz auf der Zunge trägt, noch immer voller Tatendrang.
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