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Ausgabe Nr. 27/2019 vom 02.07.2019, Fotos: Leo Zhukov, zVg
Thomas Pechhacker aus Purgstall (NÖ) ist Trial-Weltmeister.
V. li.: Alex, Thomas, Mama Margret, Elias,
Papa Fritz und Lukas Pechhacker
Drahtesel-Artist in drei Metern Höhe
Er springt mit seinem Rad akrobatisch auf Baumstämme, Metallcontainer, drei bis vier Meter hohe Steinblöcke und damit auch regelmäßig aufs oberste Treppchen der weltgrößten Bewerbe. Der Trial-Weltmeister Thomas Pechhacker, 23, trickst am Wochenende vor den historischen Gebäuden der Salzburger Altstadt.
Seinen vielleicht entscheidensten Wettkampf focht er mit sechs Jahren aus, damals legte das Christkind ein Trial-Fahrrad unter den Baum. „Wir waren drei Brüder und bekamen nur dieses eine Rad“, erinnert sich Thomas Pechhacker, 23, lächelnd. „Dementsprechend groß war die Rauferei darum, wer es fahren darf. Ich wollte immer besser sein als mein großer Bruder Lukas, das hat mich stark gemacht.“

Zu dieser Zeit hätten Papa Fritz und Mama Margret nicht davon zu träumen gewagt, dass auf ihrem Grund ein zukünftiger Held mit Weltruhm auf dem Rad flitzt, obwohl die Voraussetzungen gut waren. „Mein Vater fuhr früher selbst Motorrad-Trial-Bewerbe und auch mein Onkel und meine Tante waren im Trial aktiv“, weiß der junge Niederösterreicher um die Kraft seiner Gene.

Heute ist Pechhacker amtierender Weltmeister im Rad-Trial der „20-Zoll-Klasse“, Zweiter der aktuellen Weltrangliste und – was am wichtigsten ist –, jeder seiner mittlerweile drei Brüder besitzt ein eigenes Rad. Thomas selbst hat mittlerweile sogar drei, sie kosten rund 3.000 Euro pro Stück. „Unsere Modelle sind extra leicht und stabil ausgeführt, haben keinerlei Dämpfungen und statt einer Schaltung eine direkte Übersetzung“, beschreibt der Athlet sein Arbeitsgerät, mit dem er und seine Brüder Elias, 7, Alexander, 21, und Lukas 26, auch noch den elterlichen Grund in Purgstall an der Erlauf (NÖ) zur Gänze vereinnahmt haben. „Trial-verrückt, wie wir sind, haben wir im Garten der Eltern auf 300 Quadratmetern ein Trainingsgelände mit bewerbsartigen Hindernissen errichtet“, beschreibt der Sportler. Dort übt er rund 30 Stunden pro Woche präzise das, worauf es im Trial ankommt – einen Parcours mit Felsen, Containern und Rampen innerhalb einer fix vorgegebenen Zeit so oft wie möglich fehlerfrei zu durchfahren. „Bodenberührungen mit dem Bein ergeben Punktabzüge, auch mit dem Pedal oder der Hand darfst du nirgends ankommen, bei einem Sturz scheidest du aus“, nennt der Champion die Eckpfeiler der Bewertung. Yoga und Mentaltraining gehören ebenso zu seinem täglichen Programm. „Für mich ist Trial-Fahren wie Meditation. Du musst üben, das Denken wegzuschalten, denn es behindert dich und erzeugt Fehler.“

Pechhackers 179 Zentimeter großer Körper ist von blauen Flecken gesäumt, seine Hände voller Schwielen und seine Schienbeine vernarbt von Verletzungen an den scharfen Pedalen. Sie sind stumme Zeugen eines steinigen Weges an die Spitze, denn der Rad-Artist verbucht im Training schmerzhafte Fehlversuche. „Ich stürze etwa 200 Mal ab, bevor ich die schwierigsten Sprünge sicher meistern kann“, verrät der Weltmeister. „Deswegen ist das Üben von Abstürzen und deren Verhinderung ein großer Teil meines Trainings.“

Seine Freundin Claudia kann halbwegs gut damit leben, dass ihr Freund ab und an vier Meter tief fällt. „Meine Mutter musste mehr daran nagen, dass ich gefährliche Kunststücke mache. Aber ich hatte trotz der Bedenken in all den Jahren nie eine gravierende Verletzung“, sagt Pechhacker.

Derzeit beschäftigt ihn das Rad noch rund um die Uhr. Am Wochenende absolviert er den Altstadtweltcup in der Stadt Salzburg, im Herbst will er seinen Weltmeistertitel in China verteidigen. Wenn Zeit bleibt, fährt er überdies noch gern ins nahegelegene Erlauftal oder in die Ötschergräben und springt dort im Bachbett auf Naturfelsen herum.

„In Zukunft möchte ich mich selbst mehr in Richtung Design entwickeln. Mein Vater hat eine Tischlerei, die ich übernehmen könnte“, erzählt er. Bis dahin bleibt das Rad-Tricksen sein Brotberuf, denn mit Bruder Alex ist er ein gefragter Show-Trial-Fahrer. „Für uns wurde das ein schönes finanzielles Standbein. Zuletzt hatten wir 15 Buchungen im Jahr für Radveranstaltungen, Feiern oder Kirtage“, berichtet er. „Und ich bin mit dem Rad sogar in einem Bierzelt herumgesprungen.“ Kreuziger
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