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Ausgabe Nr. 25/2019 vom 17.06.2019, Foto: AdobeStock
Die Wirkstoffe der Hanfpflanze helfen vielen Patienten, aber nicht allen. Die falsche Anwendung steigt und Ärzte warnen.
Die Grenzen der Hanfbehandlung
Sie sind die Aufsteiger in der Behandlung chronischer Schmerzen, bringen den Geplagten Ruhe und Entspannung. Die Rede ist von Cannabinoiden, wie medizinisches Cannabis richtig heißt. Doch die Hoffnungen sind immer öfter zu hoch gesteckt und nicht jeder Patient ist geeignet.
Wie kein anderes Medikament haben die Wirkstoffe aus der Hanfpflanze jüngst die Welt der Schulmedizin und die der Patienten verändert. Vor allem in der Schmerztherapie helfen Cannabinoide, wo herkömmliche Medikamente nicht (ausreichend) wirksam werden.

„Konkret geht es um die beiden Hanf-Wirkstoffe THC und CBD, die als Kapseln,Tabletten oder Tropfen verabreicht werden. Sie wirken in jenem Teil unseres Nervensystems, das die Weiterleitung von Schmerzen blockiert, Stress besser verarbeiten lässt, ausgleichend auf die Psyche wirkt, den Appetit reguliert, eine zu hohe Muskelspannung vermindert und das Vergessen fördert“, erklärt Dr. Martin Pinsger, Facharzt für Orthopädie und Schmerzspezialist aus Bad Vöslau (NÖ, www.schmerzkompetenzzentrum.at, Tel.: 02252/76948).

Die hohe therapeutische Wirksamkeit dieser Cannabis-Abkömmlinge hat den Ruf der Hanfpflanze weltweit rehabilitiert. Mittlerweile sind Millionen Patienten dankbar, Zugang zu den freilich verschreibungspflichtigen Medikamenten Dronabinol (mit dem psychoaktiven Wirkstoff THC) und Cannabidiol (ohne diesen) zu haben.

Ihr Einsatz umfasst einen großen Patientenkreis. Die größte Gruppe sind chronische Schmerzpatienten mit Rückenschmerzen durch Knochenschwund, rheumatischen Leiden, chronischer Migräne, Multipler Sklerose oder anhaltenden Nervenschmerzen, etwa nach einem Unfall.

Das Überraschende ist, Cannabinoide sind kein Schmerzmedikament im eigentlichen Sinn, verrät Dr. Karl Wohak, Intensivmediziner, Schmerzspezialist und ärztlicher Leiter der Klinik Diakonissen Schladming (Stmk.) „Der Wirkstoff THC macht den Schmerzzustand erträglich. Die muskelentspannende sowie die beruhigende Wirkung verringert auf der einen Seite einen Teil der Schmerzen. Zusätzlich kann mit diesen Medikamenten das Schmerzgedächtnis im Gehirn ausgeblendet werden. Das lässt Abstand von den Schmerzen gewinnen.“

Weitere erfolgreiche Einsatzgebiete der Cannabis-Abkömmlinge sind Belastungsstörungen nach einem Trauma, kindliche Epilepsie sowie eine verbesserte Überlebensrate bei einem Glioblastom, dem gefährlichsten aller Hirntumore. Hinzu kommt eine allgemein entzündungshemmende Wirkung.

Große Hoffnungen, die oft nicht zu erfüllen sind

Die Fortschritte in der Therapie mit Wirkstoffen der Hanfpflanze verführen aber leider auch zu Fehleinschätzungen. „Wie bei jedem Wirkstoff gibt es bei Cannabinoiden Grenzen der Wirksamkeit und Patienten, die nicht geeignet sind oder unerwünschte Wirkungen verspüren“, warnt Dr. Pinsger. „Cannabinoide sind kein Wundermittel. Unter den chronischen Schmerzpatienten sprechen vier von zehn gut auf sie an, aber es gibt Patienten, die nicht ausreichend Wirkung verspüren. Auch Menschen, die psychisch labil sind, an Psychosen, Ängsten oder Zwangsvorstellungen leiden, alkoholkrank oder von Schlafmitteln abhängig sind, können nicht mit THC behandelt werden. Die geringe, aber dennoch bewusstseinsverändernde Wirkung kann Psychosen auslösen. Weiters gibt es unerwünschte Wirkungen wie Mundtrockenheit, Unsicherheiten oder Gleichgewichtsstörungen. Patienten mit schweren Herzerkrankungen sollten vor der Verschreibung von THC mit ihrem Kardiologen sprechen, denn es kann
zu Rhythmusstörungen kommen.“

Der völlig falsche Weg sei, THC als Alleintherapie zu verschreiben, versichern die Schmerzspezialisten. „Ein Medikament mit THC muss von dafür geschulten Ärzten verschrieben werden. Jeder Patient benötigt stets eine für seine Erkrankung vorgesehene Basistherapie. Das Cannabinoid ist nur ein Zusatz. Andernfalls wird es nicht die gewünschte Wirkung auf Schmerz, Schlaf und Muskelentspannung haben“, betont Dr. Wohak. „Wer sich ausschließlich auf die Cannabinoid-Kapseln, -Tabletten oder -Tropfen verlässt, wird keine Besserung erfahren“, bestätigt Dr. Pinsger.

Eine Patientengruppe, die für eine Cannabinoid-Therapie ungeeignet ist, sind Patienten jünger als 25 Jahre. Die Psyche des jungen Menschen sei, so die Experten, noch zu labil und die Erfahrung mit Cannabinoiden kann daher zum Einstieg in den Drogenkonsum werden.
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