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Ausgabe Nr. 25/2019 vom 17.06.2019, Foto: Vogus
Die Schauspielerin Katharina Stemberger wurde am 28. Dezember 1968 in Wien geboren. Als Filmproduzentin machte sie sich zusammen mit ihrem Mann Fabian Eder, 55, durch gesellschaftspolitisch relevante Filme wie „Griechenland blüht“ (2011), „Lampedusa – keine Insel“ (2014) oder „Wohin und nicht zurück“ (2015) einen Namen. Seit 2018 ist sie Vorstandsvorsitzende des Integrationshauses Wien und künstlerische Co-Leiterin des zeitgenössischen Theaterfestivals „Hin & Weg“.
Wenn ich boxe, fühle ich mich leichter“
Vom 2. bis 28. Juli soll bei den Schloss-Spielen Kobersdorf (B) mit Johann Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ das Publikum zum Lachen gebracht werden. Über ihre Rolle in dem Stück, was Nestroys zeitlose Komik auszeichnet und über ihre Leidenschaft fürs Boxen erzählt Katharina Stemberger, 50, im WOCHE-Gespräch.
Frau Stemberger, Sie spielen in „Das Mädl aus der Vorstadt“ die reiche „Frau von Erbsenstein“. Welcher Frauentyp ist sie?
Die Frau von Erbsenstein ist eine der besten Frauenrollen von Johann Nestroy. In seinen Stücken sind die Frauenrollen ja nicht immer so ergiebig. Aber die Frau von Erbsenstein ist wirklich lustig. Der Verehrer kommt ihr abhanden und sie läuft in ihrer Wut und Eifersucht zur Hochform auf.

Wie gehen Sie persönlich mit Wut und Eifersucht um?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es verpönt ist, negative Emotionen zuzulassen. Starke Gefühle wie Wut und Eifersucht werden weggeatmet oder wegmeditiert. Das ist nicht immer gut, auch Negatives soll einem bewusst sein. Mir gelingt das mit dem Boxen. Anfangs dachte ich mir, so ein Blödsinn, ich will doch niemandem weh tun. Darum geht‘s aber nicht. Sondern darum, dass ich mich leichter und befreiter fühle, wenn ich gegen den Sandsack boxe oder Schlagkombinationen übe. Wir alle müssen Unangenehmes wegstecken. Da tut es gut, negative Gefühle in einem geschützten Raum zuzulassen.

Wie lange boxen Sie schon?
Seit zwei Jahren gehe ich mehrmals pro Woche in einen Boxklub am Wiener Gürtel, kein Schickimicki-Klub, denn so was mag ich gar nicht. Bettina Pernstich (www.pernstich.club) hat sich auf Frauenboxen spezialisiert. Mein heißer Tipp für alle Frauen, die sich befreiter fühlen möchten.

Heißt das, den Frauen geht‘s besser, wenn sie sich durchs Leben boxen?
Ich kann es nur empfehlen. Denn während sich die Männer wie blind gewordene Stiere aufführen dürfen, gilt eine wütende Frau als emotional, hysterisch oder als eine, die sich nicht im Griff hat. Dabei sind Wut oder Zorn manchmal gute Trägerraketen.

In jedem Fall verlieren Wut und Zorn nicht an Aktualität. „Das Mädl aus der Vorstadt“ wurde 1841 uraufgeführt. Was macht Nestroy so zeitlos?
Johann Nestroy war ein Menschenkenner. Er kann die komplexesten Gemütszustände in Worte fassen. Und komisch wird es, weil er die Situation und die Not der Figuren ernstnimmt. Der von Wolfgang Böck gespielte „Schnoferl“ beschreibt zum Beispiel, wie seine Liebesgeschichten gelaufen sind. Weil das so schön ist, möchte ich es zitieren, wenn er sagt: „Für mich war die Liebe kein buntes Gemälde in heiterer Farbenpracht, sondern eine in der Druckerei des Schicksals verpatzte Lithografie, Grau in Grau, Schwarz in Schwarz, Dunkel in Schmutzig – verwischt. Die pragmatische Geschichte meines Herzens zerfällt in drei miserable Kapitel. Zwecklose Träumereien, o‘brennte Versuche und wertlose Triumphe.“ Ist das nicht genial, weil es lustig und traurig zugleich ist. Jeder findet sich darin wieder.

„Ehrlich währt am längsten“ ist der Untertitel des Stückes. Wie ehrlich sind Sie?
Als ein Mensch, dem Gerechtigkeit sehr am Herzen liegt, versuche ich die Dinge so anständig wie möglich zu machen. Ungenau werde ich meistens, wenn ich Menschen schonen möchte. Denn ich mag es nicht, jemandem mit dem Stellwagen ins Gesicht zu fahren. Das wäre vielleicht manchmal ehrlich, aber weder nett noch rücksichtsvoll.

Am 2. Juli ist die Premiere. Wie geht‘s mit den Proben voran?
Sehr gut, wir sind bester Dinge. Kobersdorf ist ein schönes Dorf. Ich habe ein Zimmer im Schloss. Das ist perfekt, weil ich in fünf Minuten zum Proben auf der Bühne stehe. Nach dem Aufstehen schwimme ich ein paar Runden im Badeteich am Waldesrand, ein schönes Platzerl. Nach der Probe sitzen wir noch zusammen, trinken einen Spritzer und gehen schlafen. Den ganzen Tag draußen bei hochsommerlichen Temperaturen zu proben, ist doch äußerst anstrengend.

Waren Sie schon öfters im Burgenland?
Ja, als Kind, mit elf, zwölf Jahren, habe ich in Willersdorf im Südburgenland die Ferien als Stallknecht verbracht, weil ich ein pferdenarrisches Mäderl war.

In Kobersdorf spielen Sie bis 28. Juli. Gibt’s danach einen Familienurlaub?
Nein, ab 9. August geht‘s für mich gleich weiter. Ich habe voriges Jahr mit Ernst Molden und Zeno Stanek das Theaterfestival „Hin & Weg“ in Litschau am Herrensee im Waldviertel (NÖ) gegründet. Es war so erfolgreich, dass wir heuer mit wunderbaren zeitgenössischen Theaterproduktionen weitermachen.

Heißt so viel wie der Urlaub mit der Familie muss warten …
Ja, vielleicht im September, mein Mann (Anm. der Regisseur Fabian Eder) und ich haben nichts Konkretes geplant. Anna-Helena, unsere Tochter, hat gerade die Matura absolviert. Nicht nur für sie, sondern auch für uns Eltern beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt. Wir müssen nicht mehr im Juli und im August urlauben.

Hat Ihre Tochter schon Zukunftspläne?
Sie weiß es noch nicht genau. Deshalb habe ich zu ihr gesagt, das Einzige, was wir Eltern dir schenken können, ist Zeit. Und ich habe ihr einen Tipp weitergegeben, den ich von meiner Mutter bekommen habe. Ich sagte zu meiner Tochter, sie möge sich das aussuchen, was ihr den allergrößten Spaß macht und dann schauen, dass sie davon leben kann.
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