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Ausgabe Nr. 25/2019 vom 17.06.2019, Foto: Getty Images
300 Millionen Pappkaffeebecher landen hierzulande jährlich im Müll. Weil immer mehr Menschen ihren Kaffee unterwegs trinken wollen.
Mitnehm- Kaffee wird zum Problem
Sie quillen aus Mistkübeln und verschmutzen Straßen sowie Parkanlagen. Millionen von Einweg-Kaffeebechern werden nach ihrem Gebrauch einfach weggeworfen. Doch auch die Herstellung
ist alles andere als umweltfreundlich. Für die Pappbecher müssen jedes Jahr zigtausende Bäume gefällt werden. Die Stadt Wien setzt daher auf Mehrwegbecher.
Das macht wirklich Sinn“, sagt Gisela Feichtinger und wirft ihren leeren Kaffeebecher in die dafür vorgesehene Öffnung eines Rückgabeautomaten in der Wiener U-Bahn-Station Landstraße. Unmittelbar danach erhält die 60jährige Pensionistin durch einen kleinen Schlitz eine Gutschrift über einen Euro. Diesen Betrag hat sie als Pfand für ihren Mehrweg-Plastikbecher in einer Bäckerei ums Eck bezahlt. „Mit der Gutschrift kann ich mir jetzt erneut Kaffee oder Kuchen kaufen und auch die Umwelt wird geschont“, sagt die rüstige Seniorin.

In unserer schnelllebigen Zeit trinken immer mehr Menschen ihren Kaffee unterwegs, ein Trend, der Ende der Neunziger Jahre aus den Vereinigten Staaten (USA) zu uns geschwappt ist. Die Pappbecher werden nach dem schnellen Koffeingenuss einfach weggeworfen und verschmutzen Straßen, öffentliche Plätze und die Natur. Laut der Umweltorganisation Greenpeace werden hierzulande jährlich 300 Millionen Einwegbecher verbraucht, 84 Millionen davon allein in Wien.

Um die Pappbecherflut einzudämmen, hat die Stadt Wien mit der Firma Cup Solutions das Projekt „MyCoffeeCup“, deutsch „Mein Kaffeebecher“, ins Leben gerufen. Die derzeit rund 35 teilnehmenden Geschäfte, wie bestimmte Filialen von „Der Mann“, „Karma Food“ oder „Wiener Rösthaus“, bieten ihren „Coffee to go“, also ihren Kaffee zum Mitnehmen seit Anfang Mai auch in Mehrwegbechern aus Plastik an. Sie können im Geschäft oder in Rückgabeautomaten in den U-Bahn-Stationen Landstraße, Schwedenplatz oder Neubaugasse abgegeben werden.

Angesichts von drei Milliarden verbrauchten Wegwerfbechern pro Jahr will auch Deutschland die Bechermassen stoppen. Die SPD-Umweltministerin Svenja Schulze möchte daher ebenfalls auf Mehrwegkonzepte setzen, zudem könnte sie sich vorstellen, „dass auf Kaffee aus Einwegbechern ein Preisaufschlag fällig wird.“ Am liebsten würde Schulze die Pappbecher aufgrund der ab 2021 geltenden Einmal-Plastik-Verordnung der EU verbannen, denn auch die Pappbecher sind innen mit Plastik beschichtet und können daher nur schwer
wiederverwertet (recycelt) werden. Die EU-Verordnung verbietet aber nur Produkte wie Wattestäbchen und Besteck aus Plastik, weshalb das heimische Umweltministerium die Umsetzung kritisch sieht, wie ein Sprecher erklärt.

Die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks, die hierzulande mit rund 20 Filialen vertreten ist, und mit Kaffeegetränken mit Vanille- über Schoko- bis Karamellgeschmack aufwartet, geht einen ersten Schritt und bezahlt Kunden 50 Cent Rabatt, wenn sie einen eigenen Becher im Lokal befüllen lassen. Einwegbecher werden von der Kette aber immer noch ausgegeben. Genaue Zahlen wollte das Unternehmen nicht verraten.

Für die Umwelt ist vor allem die Becher-Herstellung ein Problem, erklärt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). „In aller Regel wird Neumaterial statt wiederverwerteter Papierfasern verwendet. Denn sie sind durch Druckchemikalien belastet und somit als Verpackungsmaterial für Lebensmittel ungeeignet.“ Für die Pappbecher müssen daher, umgelegt auf unser Land, jährlich etwa 4.300 Bäume gefällt werden. Zudem verschlingt die Produktion der Papierfasern rund 32 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr, so viel wie mehr als 10.000 Haushalte jährlich verbrauchen. Für die Beschichtung der Becherinnenseiten aus Polyethylen (PE) und der Becherdeckel aus Polystyrol (PS) werden zudem rund 2.200 Tonnen Rohöl verbraucht, außerdem entstehen pro Jahr rund 11.000 Tonnen Kohlendioxid- (CO2)-Emissionen.

Angesichts dieser Zahlen hebt der Geschäftsführer der
Firma Cup Solutions, Christian Chytil, die Umweltfreundlichkeit seiner Mehrwegbecher hervor. „Die schmutzigen Becher aus den Automaten werden von einem
Fahrradkurier abgeholt und in den Wiener Bezirk Florids-
dorf gebracht, wo unsere spezielle Spülstraße für die Reinigung von 4.500 Bechern nur 200 Liter Wasser benötigt.
Der Strom dafür kommt aus unserer Photovoltaikanlage. Zudem können die Becher 500 Mal verwendet werden
und sind voll recycelbar. Die Umweltbelastung des Mehrwegbechers ist damit zehn Mal geringer als die des Einwegbechers.“ Das Projekt sei gut angelaufen, nach dem ersten Jahr werde entschieden, ob das Projekt auch auf andere Bundesländer ausgeweitet werde, erklärt Chytil.

Wiens Umweltstadträtin Ulli Sima (SPÖ) rechnet vor, im ersten Jahr eine Million Einwegbecher einzusparen und somit 16 Bäume zu retten. „Gelingt es uns, alle 84 Millionen in Wien verbrauchten Becher zu vermeiden, wären es 1.344 Bäume.“ Zudem könnte der jährliche Energiebedarf von 2.500 Haushalten eingespart werden. Auch Lisa Kernegger von der Umweltschutzorganisation „Global 2000“ zeigt sich vom Mehrwegkonzept überzeugt. Der Kaffee zum Mitnehmen sei aber auch ein Phänomen unserer schnelllebigen Gesellschaft. „Ein bisschen mehr Gemütlichkeit würde das Problem zumindest teilweise lösen“, ist Kernegger überzeugt. rb
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