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Ausgabe Nr. 18/2019 vom 29.04.2019, Foto: Getty Images
Für Radfahrer gelten seit Anfang April neue Regeln, die viele noch nicht kennen und daher für Verwirrung sorgen.
Streit um besseren Schutz für Pedalritter
Immer mehr Menschen schwingen sich auf Fahrräder. Das Miteinander im Straßenverkehr, insbesondere zwischen Radfahrern und Autofahrern, ist jedoch nicht immer leicht. Mit Anfang April trat jetzt eine Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO) in Kraft, die Radfahrern mehr Rechte einräumt. Doch die meisten Pedalritter kennen die neuen Regeln gar nicht und auch Verkehrsexperten üben Kritik.
Wir radeln gern. Rund 460.000 Drahtesel wurden im vorigen Jahr hierzulande verkauft, um zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor, womit es in unserem Land bereits sechseinhalb Millionen fahrtüchtige Fahrräder gibt. Benutzt werden sie laut einer Umfrage von rund jedem Dritten mehrmals pro Woche. Um damit in die Arbeit zu fahren oder Erholung in der Freizeit zu finden.

Das Verhältnis zwischen Radfahrern und Autofahrern im Straßenverkehr ist jedoch nicht immer einfach. Mit 1. April trat nun eine Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO) in Kraft, die den Radlern mehr Rechte im Straßenverkehr einräumt. Unter der Bevölkerung sind die neuen Regelungen aber noch weitgehend unbekannt.

Neu ist etwa dies: Wenn ein Radfahrstreifen, also ein durch eine Markierung von der restlichen Fahrbahn getrennter Bereich für Radler endet und in die Fahrbahn übergeht, dürfen sich die Radfahrer nach dem Reißverschlusssystem wechselweise mit den Autos einordnen. Bis jetzt hatten sie Wartepflicht.

Endet hingegen ein Radweg, ein etwa durch einen Grünstreifen baulich von der Fahrbahn getrennter Bereich für Radfahrer, haben sie Nachrang.

Schon vor der Novelle galt, was vielen aber nicht bekannt war, dass geradeaus fahrende Radfahrer auch Vorrang gegenüber jenen Fahrzeugen haben, die aus dem Parallelverkehr nach rechts abbiegen. Ein Beispiel für eine solche Situation ist ein Radfahrer auf einem Radfahrstreifen, der auf einen nach rechts abbiegenden Pkw trifft. Hier darf der Radfahrer zuerst geradeaus die Kreuzung queren, erst dann der Autofahrer rechts abbiegen.

Zudem wurde klargestellt, dass Zebrastreifen nicht mit dem Fahrrad befahren werden dürfen. Radler müssen absteigen und ihr Fahrad schieben. Die neuen Rad-Regeln gelten auch für Elektro-Fahrräder, sogenannte E-Bikes, bereits jedes fünfte verkaufte Fahrrad fällt in diese Kategorie.

Neu ist weiters, dass der Radfahrausweis schon von Neunjährigen gemacht werden kann, vorausgesetzt, sie besuchen bereits die vierte Schulstufe. Bislang durften Kinder, sofern sie einen Radausweis vorweisen konnten, ab zehn Jahren alleine radeln, ohne einen solchen erst ab zwölf Jahren. Die Radhelmpflicht für Kinder unter zwölf Jahren bleibt unverändert, die erlaubten Verkehrsflächen ebenfalls. Ist ein Radweg beziehungsweise Radfahrstreifen vorhanden, muss er benutzt werden. Gehsteige sind für Radfahrer tabu.

Tretroller dürfen jetzt bereits ab acht Jahren ohne Begleitperson verwendet werden. Bislang mussten Kinder mit Radausweis auf den zehnten Geburtstag warten, ohne Ausweis auf den zwölften. Die flinken Zweiräder dürfen in Schrittgeschwindigkeit auch auf Gehsteigen gefahren werden, sofern keine Fußgänger gefährdet sind.

Für Elektro-Tretroller, die bis zu 25 Stundenkilometer schnell durch die Gegend flitzen, gilt diese Regelung nicht. Ihre Verwendung wird voraussichtlich im Juni neu geregelt. Sie sollen rechtlich weitestgehend wie Fahrräder behandelt werden.

Für den Juristen des Österreichischen Automobil-, Motorrad- und Touring Clubs (ÖAMTC), Nikolaus Authried, sieht Gefahr in Verzug. „Viele Menschen kennen die neuen Fahrrad-Regeln noch nicht, weshalb es zu gefährlichen Situationen kommen wird. Brenzlig kann es für Radler etwa beim wechselweisen Einordnen durch das Reißverschlusssystem am Ende eines Radfahrstreifens werden, wenn ein hoher Geschwindigkeitsunterschied zwischen Autos und Radfahrern besteht.“

Der Sprecher des Vereins Mobilität mit Zukunft (VCÖ), Christian Gratzer, sieht durch die Novelle zwar „leichte Verbesserungen für Radfahrer, um aber das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, den Radverkehr bis 2025 zu verdoppeln, braucht es einen Ausbau der Infrastruktur für den Radverkehr sowie noch mehr rechtliche Verbesserungen.“ Darunter falle etwa das in vielen Ländern bereits erlaubte Rechtsabbiegen bei Rot
für Radler. Zudem solle für Autos und Lastwagen aus Sicherheitsgründen ein Mindestabstand von eineinhalb Metern beim Überholen von Radfahrern festgeschrieben werden.

Dass Radfahrer mit Autofahrern im Straßenverkehr nicht immer gute Erfahrungen machen, zeigt eine aktuelle Umfrage des VCÖ unter 2.000 Pedalrittern. Demnach geben sechs von zehn Befragten an, dass sich Autofahrer ihnen gegenüber oft rücksichtslos verhalten und fast genauso viele empfinden das Queren von Hauptstraßen als gefährlich.

Auch die Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) spricht eine deutliche Sprache. Jährlich verletzen sich beim Radfahren auf öffentlichen Verkehrsflächen hierzulande rund 31.000 Personen so schwer, dass sie im Spital behandelt werden müssen. Insgesamt 40 Radfahrer wurden im Jahr 2018 im Straßenverkehr getötet. Knapp die Hälfte davon (43 Prozent) waren mit einem Elektro-Fahrrad unterwegs. Sie sind wegen des unterstützenden Elektroantriebes gerade für Senioren äußerst attraktiv. Dementsprechend fallen auch die Unfallzahlen aus – drei Viertel aller tödlich verunglückten Fahrer eines Elektro-Fahrrades waren älter als 65 Jahre, das Durchschnittsalter lag bei rund 71 Jahren.

Dass die Straßen im Zuge der neuen Fahrrad-Regeln für Radler nun sicherer werden, bezweifelt der stellvertretende SPÖ-Klubobmann und ehemalige Verkehrsminister Jörg Leichtfried. „Unterschiedliche und komplizierte Vorrangregeln sind der Verkehrssicherheit nicht zuträglich. Ich glaube außerdem nicht, dass jetzt allen Verkehrsteilnehmern klar ist, was gilt.“ Leichtfried fordert daher „einheitliche klare Regeln und mehr Radwege, wo es möglich und sinnvoll ist.“ rb
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