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Ausgabe Nr. 15/2019 vom 09.04.2019, Fotos: Suntinger
Fastentücher in Kärnten
Angebot: 3N im Seeschlössl Velden inkl. Frühstück, 14.4.–17.4., zweitägige Besichtigung von Fastentüchern in Kärnten inkl. Transfer, Buch „Fastentücher in Kärnten“, 395 Euro p.P. im DZ,
Tel.: 04274/2824, www.seeschloessl.at, www.schlosshotels.co.at

Ausflugstipp: Fastentücher im Oberland mit Roland Stadler, 19. April, ganztägig, Besichtigungen der Fastentücher in Millstatt, Baldramsdorf und Maria Bichl, Fahrt zur Tresdorfer Passion, Abfahrt um 9.30 Uhr in Klagenfurt, 70 Euro p.P.,
Tel.: 0463/5877 2115
www.kath-kirche-kaernten.at
Das Fastentuch in Gurk ist das älteste bemalte Fastentuch Europas.
Fastentücher schmücken
unsere Kirchen
Einst waren Fastentücher in ganz Europa verbreitet. Im Laufe der Zeit ist ein Großteil verloren gegangen. Erhalten geblieben sind sie hauptsächlich in Kärnten, wo sie während der Fastenzeit in den Kirchen aufgehängt sind. Der Theologe Roland Stadler besichtigt mit Interessierten schöne Exemplare.
Sie sind groß, bunt und alt. In einigen Kirchen Kärntens verhüllen seit Aschermittwoch riesige Fastentücher die Altäre. „Ursprünglich wurden nur die Kruzifixe der Klosterkirchen verhüllt. Der Übergang von der Kreuzverhüllung bis hin zur Verhüllung ganzer Altarräume erfolgte fließend“, erzählt Roland Stadler, Theologe und Leiter des Referats für Tourismusseelsorge der Katholischen Kirche in Kärnten.

Der Brauch entstand im neunten Jahrhundert in Klöstern. Einst waren die Fastentücher in Europa weit verbreitet. Doch viele gingen durch das Auf- und Abhängen kaputt, wurden nicht gut aufgehoben und aufgrund des schlechten Zustandes weggeschmissen. „Fastentücher galten damals nicht als Kunstwerke, sie waren vielmehr Dekoration“, weiß Stadler.

In unserem Land sind die meisten in Kärnten zu finden. Mehr als die Hälte der 336 Pfarren besitzen Fastentücher, weil auch heute noch neue entworfen werden. Etwa 100 Fastentücher sind älter als 200 Jahre. „Warum gerade hier so viele Tücher erhalten sind, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Vielleicht liegt es daran, dass Brauchtum und Tradition einen großen Stellenwert in Kärnten haben“, mutmaßt der 51jährige Theologe, der auch am Buch „Fastentücher in Kärnten“ mitgewirkt hat.

Stadler zeigt Interessierten mehrere Fastentücher in Kärnten. Gäste des Seeschlosses Velden kommen in den Genuss einer zweitägigen Führung. Und sehen etwa das dekorative Fastentuch in der Kirche von Millstatt. Mit fast neun Metern Höhe gehört es zu den größten Tüchern überhaupt. „Es stammt aus dem Jahr 1593 und wurde vom dort ansässigen Georgs-Ritter-Orden in Auftrag gegeben. Der Orden war kurz darauf pleite“, erzählt Stadler.

Fastentücher waren ursprünglich farblos. Die künsterische Gestaltung setzte ab dem zwölften Jahrhundert ein. Im norddeutschen Raum wurden sie eher bestickt, im Alpenland bemalt. „Anfangs wurde auf den Fastentüchern die Heilsgeschichte dargestellt. Von der Erschaffung der Welt bis hin zum Tod Jesu und seiner Auferstehung. Die Fastentücher dienten als Armenbibeln und unterstützten den Priester bei der Predigt. Denn die Menschen konnten damals weder lesen noch schreiben“, erklärt Stadler.

Die riesigen Flächen entstanden, indem mehrere Tücher miteinander vernäht wurden. Diese Tätigkeit führten Frauen durch. „Einige waren arm und hatten Hunger, weshalb sie an den Fäden der Leinentücher kauten. Dadurch entstand der Ausdruck ,am Hungertuch nagen‘. In einigen Regionen wird das Fastentuch deshalb Hungertuch genannt, in Tirol heißen sie Leidenstücher und in Norddeutschland Schmachtlappen.“

Im Laufe der Zeit veränderte sich das Aussehen der Tücher. „Die Darstellung auf den Fastentüchern beschränkte sich nun auf die Passion Christi. Dabei kamen stets die Hauptmotive Geißelung, Dornenkrönung und Kreuzigung vor.“

Im Barock entstand auch der „Zentraltyp“, der in der Mitte die Kreuzigung Christi zeigt und bei dem die Passionsszenen rundherum medaillonförmig angeordnet sind. Der älteste Vertreter dieser Art ist das Fastentuch in St. Stefan am Krappfeld, zu dem Stadler seine Gäste führen wird. Es stammt aus dem Jahr 1612.

Weitere Stationen sind die Fastentücher von Baldramsdorf und jenes von Maria Bichl, das in der Christkönigskirche in Klagenfurt hängt. „Die beiden Tücher sind einander ähnlich. Es ist nicht geklärt, ob der eine Maler vom anderen abgemalt hat.“

Das Tuch in Sternberg aus dem Jahr 1629 hat eine traurige Geschichte. „Es wurde von Hans Khevenhüller, der zum Protestantismus konvertierte, für die katholische Kirche gestiftet. Ein Jahr später musste er aufgrund der Gegenreformation das Land verlassen.“ Es ist eines der wenigen Fastentücher, das noch an seinem ursprünglichen Platz hängt, und zwar im Chorbogen.

Stadler nimmt seine Besucher auch mit nach Latschach am Faaker See, nach Kraßnitz, zum erst zehn Jahre alten Fastentuch in Straßburg/St. Nikolaus und nach Gurk, wo das älteste bemalte Fastentuch Europas hängt. Mit seinen fast neun mal neun Metern ist es das größte Kärntens, das in 99 Bildfeldern insgesamt 108 Szenen zeigt. „Es besteht aus zwei Tüchern. Die Seite mit den Szenen des Neuen Testamentes ist jedoch nicht zu sehen, weil sie restauriert wird.“

Die Zweiteilung in Altes und Neues Testament weist darauf hin, dass die Fastentücher früher als Vorhang verwendet wurden. Am Mittwoch in der Karwoche wurde die Passion gelesen. „Bei der Textstelle ,der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei‘ wurden die Fastentücher heruntergenommen“, erklärt der Theologe.

Heute werden die Fastentücher am Karfreitag oder Karsamstag entfernt. „Das richtet sich danach, wann die starken Männer Zeit haben, die riesigen Tücher abzuhängen“, schmunzelt Stadler. widlak
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