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Ausgabe Nr. 8/2019 vom 19.02.2019, Foto: imago
Shakin‘ Stevenstritt am Freitag in Wien auf. Ein agil gebliebener 70jähriger …
Der Hüftschwung ist ein wenig lahmer geworden
In den Achtzigern war der Waliser Shakin‘ Stevens nicht nur der Schwarm der Teenager, der die Massen zum Kreischen brachte, sondern auch der Künstler in Großbritannien, der am meisten Platten verkaufte.
Allein auf der Insel konnte er 33 seiner Lieder unter die Besten 40 in der Hitparade bringen. Mit Hits wie „This Ole House“, „Green Door“ und „Oh Julie“ gelangen ihm aber auch hierzulande Top-Platzierungen. Und doch wirkte Michael Barratt, wie Stevens bürgerlich heißt, mit seinem Rockabilly-Sound und den Elvis-Bewegungen wie aus der Zeit gefallen. Mittlerweile ist er 70 Jahre alt und derzeit auf seiner ersten Europatour seit Jahrzehnten – am Freitag tritt er im Gasometer in Wien auf. Die WOCHE-Reporterin Katja Schwemmers sprach mit dem Sänger, der sich zu Beginn seiner Karriere als Milchmann durchschlug.

Herr Stevens, Sie sind derzeit auf großer Tour. Und das mit 70 Jahren, haben Sie sich dafür extra in Form gebracht?
Ach, es kommt im Leben ohnedies irgendwann der Punkt, ab dem der Gang ins Fitnessstudio unerlässlich wird. Ich treffe mich jede Woche mit meiner Ernährungsberaterin, um sicherzugehen, dass ich nichts Falsches esse. Das hilft. Ich rauche nicht mehr, ich trinke keinen Alkohol mehr – das habe ich schon vor vielen Jahren aufgegeben. Und ich bemühe mich, meine acht Stunden Schlaf zu bekommen. Ich weiß, das klingt nicht sehr nach Rock ‘n‘ Roll.

Hat der Herzinfarkt, den Sie im Jahr 2010 erlitten haben, zu Ihrem gesunden Lebensstil geführt?
Er war der Grund, warum ich das Rauchen aufgab. Ich musste mich auf die richtige Spur bringen und hatte damals keine gute Zeit. Ich wusste schon eine Weile, dass mit mir etwas nicht stimmte. Dann kam der Zusammenbruch … Glücklicherweise ist wieder alles in Ordnung gekommen. Ich bin quasi wieder zusammengeflickt worden und habe mich relativ schnell erholt.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt. Wie nehmen Sie den Prozess des Alterns wahr?
Das Alter macht mir keine Sorgen. 70 ist doch das neue 40. Als Künstler präsentiere ich mich freilich heutzutage auf andere Art als damals. Meine Musik hat viele Elemente von Rhythm and Blues und Roots-Musik. Das Publikum scheint das zu akzeptieren. Es erwartet nicht, dass ich herumspringe wie früher. Ein bisschen Wackeln und Schütteln von Körperteilen gibt es trotzdem hier und da, damit niemand enttäuscht ist.

Und wenn Sie jetzt auf ausgedehnter Europatour sind …
… ist das ein Geschenk. Ich mache das ja schon seit sehr jungen Jahren. Ich hatte zwar tagsüber verschiedenste Arbeiten, wobei ich das verdiente Geld noch der Mutter gab. Aber abends spielte ich in Pubs und schlief danach im Auto.

Welchen Tätigkeiten gingen Sie damals nach?
Zunächst war ich Milchmann, habe also die Milch vor die Tür geliefert.Diesen Beruf gibt es heute gar nicht mehr. Ich habe das ein Jahr lang gemacht. Aber ich hatte diverse Arbeiten: Ich habe Litfaßsäulen mit Postern beklebt, auf dem Bau und im Warenhaus gearbeitet. Das Einzige, was ich jedoch immer wollte, war hinaus in die Welt zu gehen und zu singen, singen, singen.

Um der Armut Ihrer Kindheit entfliehen zu können?
Nein, weil ich die Musik liebte und immer noch liebe. Aber es stimmt, wir waren arm, von 13 Geschwistern war ich der Jüngste der Familie. Es waren harte Zeiten für meine Mutter. Es gab nur drei kleine Räume in unserem Haus in Cardiff. Die Betten standen tagsüber senkrecht an den Wänden, wir konnten nicht einmal einen Schrank aufstellen. Aber meine Mutter war wundervoll, sie machte es uns trotzdem schön.

War sie glücklich, als Sie Ihren späten Durchbruch schafften? Immerhin zählten Sie bereits 32 Lenze?
Sie war absolut glücklich. Meine Mutter kam immer mit meinen Geschwistern zu den Konzerten, wenn ich daheim in Cardiff spielte. Einmal, da ging es ihr schon nicht gut, ließ ich den Lichtkegel auf sie richten, als sie im Publikum saß. Sie stand auf und winkte mit der Hand wie die Königin. Sie bekam viel Applaus, sogar mehr als ich am Ende. Ich vermisse meine Mutter bis heute. Mein Vater, der noch vor meinem großen Erfolg verstarb, hatte immer ein Bild von mir in seiner Geldbörse, das er allen zeigte und stolz sagte: „Das ist mein Sohn.“

Entdeckt wurden Sie durch eine Musical-Rolle im Londoner Theaterviertel West End. Sie verkörperten Elvis Presley. Mit all seinen Beinbewegungen …
Ich mochte Elvis, das Musical war ein Glücksfall für mich. Es lief 19 Monate, gewann diverse Preise. Prominente wie David Bowie und Carl Perkins sahen sich das Stück an und kamen hinter die Bühne. Irgendwann standen dann ein Produzent und ein Manager vor mir, die mir den ersten Solo-Plattenvertrag verschafften. Doch es passierte längere Zeit nichts. Bis ich mit einer Buck-Owens-Coverversion von „Hot Dog“ den ersten Hit in England landete. „Marie, Marie“ war mein erster Erfolg auf dem Kontinent.

Wie sieht Ihr Leben heute aus?
Ich lebe mit meiner Frau in Bucks, im Südosten von England, am Ufer eines Flusses. Wir sind immer beschäftigt. Und wenn ich einmal gerade keine Tour vorbereite, vertreibe ich mir die Zeit mit Golfspielen.

Und in Pension zu gehen, könnte Sie nicht reizen?
Nein, ich will noch viele Konzerte spielen. Das hier ist nicht meine Abschiedstour. Und ein neues Album ist auch in Arbeit.

Am Freitag, 22.2., treten Sie im Gasometer in Wien auf …
Ja, endlich wieder Wien. Da habe ich zuletzt 2002 beim Donauinselfest gespielt. Das Festival ist mir in bester Erinnerung, weil auch Billy Swan dabei war, mit dem ich spontan ein Duett auf der Bühne sang. Das wird schwer zu toppen sein, aber ich gebe mir Mühe.
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