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Ausgabe Nr. 7/2019 vom 12.02.2019, Foto: imago
Univ.-Prof. DI Dr. Norbert Vana:
Wir empfehlen, den direkten Kontakt von Babys und Kleinkindern mit Handys oder Smartphones, vor allem im Bereich des Kopfes, zu vermeiden, außer es geht um ein kurzes „Hallo“ des Kindes am Mobiltelefon.
Kleine Kinder brauchen mehr Schutz
Obwohl das Sprechen, Nachrichtensenden und Informieren über das Mobiltelefon oder einen tragbaren Computer zum Alltag geworden ist, herrscht große Unsicherheit über mögliche Langzeitfolgen durch Mobilfunk. Experten des Wissenschaftlichen Beirats Funk (WBF) erklären, welche Bedenken unberechtigt sind und wann doch Vorsicht geboten ist.
Rund achtzehntausend Mobilfunkstationen sind in unserem Land verteilt und statistisch gesehen verbringt jeder Einzelne von uns durchschnittlich drei Stunden am Tag mit dem Mobiltelefon. Im Jahr 2008 lag dieser Wert noch bei 15 Minuten.

Trotz der vermehrten Nutzung von Mobiltelefonen, Smartphones und Tablets (tragbare, flache Computer) bestehen weiterhin Unsicherheiten und Ängste über Zusammenhänge zwischen Erkrankungen wie Krebs, Tinnitus, Schwindel oder Schlafprobleme und Mobilfunk. Um die Wirkung dieser Strahlung auf die Gesundheit des Menschen zu erforschen, prüfen unabhängige Strahlenschutzexperten, Sozialmediziner, Psychologen, klinische und Gesundheitspsychologen, HNO-Ärzte, Neurologen sowie Arbeits- und Betriebsmediziner des Wissenschaftlichen Beirats Funk, kurz WBF, seit 15 Jahren fast jährlich internationale, wissenschaftlich seriös gearbeitete Studien und Forschungsarbeiten zu diesem Thema. „Unsere Bewertung erfolgt nie aufgrund einer einzelnen Studie, sondern stets aufgrund des Gesamtbildes aller relevanten Studien dazu, etwa zum Thema Mobilfunk und Krebs“, sagt der Strahlenschutzexperte Univ.-Prof. DI Dr. Norbert Vana, Vorsitzender des WBF.

Drei Experten geben Auskunft zu den jüngsten Erkenntnissen aus mehr als einhundertsiebzig aktueller Vorjahresstudien aus aller Welt.

Univ.-Prof. DI Dr. Norbert Vana,
WBF-Vorsitzender, Technischer Strahlenschutz an der TU Wien:

„Schlafstörungen und Kurzsichtigkeit sind echte Gefahren.“

Herr Dr. Vana, schon Babys wird das Mobiltelefon ans Ohr gehalten. Ist das problematisch?
In einer australischen Studie zeigte sich, dass durch ein Mobiltelefon, das länger auf einem Modell eines Kinderkopfes lag, der international gültige Strahlengrenzwert, der für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene gilt, bei Babys und Kleinkindern bis zu drei Jahren überschritten werden kann.

Wie kann es dazu kommen?
Ein Kinderkopf ist kleiner, besteht aus mehr Wasser, außerdem sind die Schädelknochen nicht ganz zusammengewachsen.

Worauf sollten Eltern achten?
Wir empfehlen, den direkten Kontakt von Babys und Kleinkindern mit Handys oder Smartphones, vor allem im Bereich des Kopfes, zu vermeiden, außer es geht um ein kurzes „Hallo“ des Kindes am Mobiltelefon.

Gibt es auch noch andere empfohlene Vorsichtsmaßnahmen für Kinder?
Ja, das häufige Schauen auf das Mobiltelefon hat eine Reihe negativer Folgen für die Gesundheit der Kinder, sie haben aber nichts mit der Mobilfunkstrahlung zu tun. Das blaue Licht zum Beispiel, das aus dem Bildschirm scheint, durchdringt den Glaskörper des Auges und kann zu Reizungen auf der Netzhaut führen. Bestimmte Anteile im Bildschirmlicht regen wiederum das Gehirn an. Das kann Schlafstörungen beim Kind verursachen und den Schlaf-Wach-Rhythmus stören. Weitere Folgen des täglichen und in Summe über Stunden dauernden Spielens mit dem Mobiltelefon können Haltungsschäden, Konzentrationsstörungen und Kurzsichtigkeit sein.

Dr. Christian Wolf, stv. Vorsitzender des WBF,
Internist und Arbeitsmediziner:

„Die Funktion des Herzschrittmachers kann gestört werden.“

Herr Dr. Wolf, worauf sollten Menschen mit einem
medizinischen Gerät achten?

Beim Telefonieren mit einem Mobiltelefon sollte ein Abstand des Handys von zwanzig bis dreißig Zentimetern zu implantierten medizinischen Geräten eingehalten werden, wie einem Schrittmacher oder Defibrillator. Aus grundsätzlichen Überlegungen sollte das Mobiltelefon nicht in einem Sakko oder einer Tasche direkt über einem implantierten medizinischen Gerät getragen werden.

Warum gibt es diese Empfehlung?
Es könnte bei einem Herzschrittmacher oder einem Defibrillator zu Fehlfunktionen kommen. Bei einer Insulinpumpe könnte die Übertragung der Daten gestört werden. Das haben Versuche an Körpermodellen gezeigt.

Wie verhalte ich mich als Betroffener richtig?
Ich möchte betonen, dass so ein Fall eintreten kann, aber sicher nicht täglich passiert. Wer das Gefühl hat, sein medizinisches Gerät funktioniert nicht richtig, sollte sich immer an den behandelnden Arzt wenden.

Dr. Gerald Haidinger, Zentrum für Public Health an der Med-Uni Wien, Abteilung Epidemiologie
„Nachts sollte das Mobiltelefon nicht neben dem Kind liegen.“

Herr Dr. Haidinger, häufig besteht Angst, durch Mobilfunkstrahlen an Krebs zu erkranken. Ist sie berechtigt?
Den Auswertungen der Studien, die bisher vorliegen, zufolge gibt es derzeit keine starken Anhaltspunkte dafür, dass Mobilfunkstrahlen das Risiko für Krebserkrankungen erhöhen. Es gibt aber leider noch keine gute wissenschaftliche Langzeitstudie dazu.

Tatsächlich, zu wenige Studien?
Zu wenige wissenschaftlich-seriöse. Die meisten Daten stammen von Aussagen Betroffener. Ein Beispiel, ein Mensch erkrankt an einem Hirntumor. Nun wird er oder ein Mensch, der ihm nahesteht, befragt, mit welchem Mobiltelefon der Erkrankte wann, wie lange und an welchem Ohr die vergangenen fünf bis fünfzehn Jahre telefoniert hat. Solche Erinnerungen sind keine gute Basis für harte Studienfakten. Ein Abgleich mit den objektiven Daten der Mobilfunkbetreiber brachte zutage, dass die Selbsteinschätzung oft fehlerhaft ist. Ergebnisse von Studien auf Basis von Fragebögen oder Interviews sind mit großer Vorsicht zu interpretieren. Wir wissen einfach nicht, ob die Mobiltelefonie einen kleinen Einfluss auf das Risiko für Krebserkrankungen hat. Einen großen hat sie bestimmt nicht, weil wir keinen starken Anstieg der Zahl der Fälle sehen.

Also bedarf es keiner Vorsichtsmaßnahmen?
Ich würde sagen, aufgrund der Datenlage sollten Eltern bei ihren Kindern die Nutzung des Mobiltelefons, auch aus psychologischen Gründen beschränken. Dennoch, in der Nacht sollte das Mobiltelefon nicht neben dem Kopf des schlafenden Kindes liegen. Bei längeren Telefonaten sind Freisprechanlagen oder Kabel-Kopfhörer immer
eine Alternative.
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