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Ausgabe Nr. 5152/2018 vom 18.12.2018, Foto: Fotolia
Fast jede Woche wird hierzulande eine Frau ermordet. Die Täter sind meist Männer.
Frauen leben gefährlich
Mehr als 40 Frauen starben heuer durch eine Gewalttat. Während in fast allen europäischen Ländern mehr Männer als Frauen ermordet werden, ist es bei uns genau umgekehrt. Der Tatort ist meistens das eigene Zuhause. Die Zahl der „fremden Tatverdächtigen“ bei Mord allgemein hat aber zuletzt zugenommen.
Nicht der dunkle Park oder die schlecht beleuchtete Straße sind die gefährlichsten Orte für Frauen, sondern das eigene Zuhause. Zuletzt war es das Kinderzimmer, in dem eine 16jährige Steyrerin (OÖ) starb. Ein 17jähriger Afghane, der Freund des Mädchens, soll sie erstochen haben und danach durch ein Fenster geflüchtet sein. Der Bursch bestreitet die Tötungsabsicht, ein Unfall habe zum Tod der 16jährigen geführt.

Mehr als 40 Mal wurden Frauen heuer schon Opfer einer Bluttat, heißt es aus dem Innenministerium. Von Jänner bis November waren es 41 „vollendete Morde“. Im selben Zeitraum wurden 29 Männer ermordet. 34 Frauenmorde durch Männer aus dem engsten Bekanntenkreis, durch Ehemänner, Ex-Partner oder Brüder, hat Maria Rösslhumer für heuer aufgelistet. „Wir zählen die Morde aufgrund von Medienberichten“, erklärt die Geschäftsführerin des Vereines „Autonome Österreichische Frauenhäuser“ (AÖF). Denn die offiziellen Zahlen ließen zu wünschen übrig. „In Spanien gibt es monatlich eine Statistik über Frauenmorde. Warum ist das bei uns nicht möglich? Vor allem, wenn die Morde und die schwere Gewalt zunehmen, wäre das wichtig für uns, um vorbeugend handeln zu können.“

Nicht nur die Zahl der Frauenmorde steigt, auch jene der „fremden Tatverdächtigen“ bei den Mordanzeigen allgemein. Im Vorjahr gab es laut Bundeskriminalamt 76 österreichische und 13 ausländische Tatverdächtige. Heuer waren es bis November 41 hiesige und 35 ausländische Tatverdächtige. Darunter kommen je sieben aus Serbien und dem Kosovo, vier aus der Slowakei, drei aus Kroatien, je zwei aus Deutschland, der Türkei, Afghanistan, Russland und Mazedonien.

Der 17jährige Bursch, der jetzt verdächtigt wird, die 16jährige Steyrerin ermordet zu haben, stammt aus Afghanistan. Er war laut Berichten 2016 als unbegleitet minderjähriger Flüchtling in unser Land gekommen, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Im Vorjahr wurde ihm „subsidiärer Schutz“ zuerkannt. Ein Aufenthaltstitel, wenn Leben oder Gesundheit im Herkunftsland bedroht sind.

In Oberösterreich beschäftigt die jüngste Bluttat sogar die Landespolitik. „Wir haben ein Problem steigender Kriminalität unter jungen Asylwerbern, insbesondere mit einer Problemgruppe junger Afghanen“, bekennt ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer. Allerdings sei „die überwiegende Anzahl der Asylsuchenden nicht kriminell“.

Maria Rösslhumer will nichts beschönigen. „Menschen aus Afghanistan oder Syrien kommen aus Kriegsgebieten. Der Krieg stumpft ab, womöglich ist jemand dort schon Gewalttäter gewesen. Sie kommen aus Ländern, in denen es patriarchale Strukturen gibt, wo die Männer das Sagen haben. Je patriarchaler Gesellschaften sind, desto eher passiert Gewalt an Frauen. Dass sich Frauen hier etwa modern kleiden, halten die Männer und Burschen oft schwer aus. Mit ihnen muss intensiv gearbeitet werden, damit sie verstehen, dass es nicht ihr Recht ist, über eine Frau zu bestimmen. Denn wenn Männer kein partnerschaftliches Miteinander gelernt haben, dann wird sich das natürlich fortsetzen.“

Die AÖF-Geschäftsführerin setzt sich für Gewaltvorbeugungs-Kurse ein, auch in Jugend- und Flüchtlingsorganisationen. Doch für solche Seminare gibt es immer weniger Geld. „Der Bildungsminister müsste viel mehr in Gewaltprävention investieren, damit wir in alle Schulen gehen können. Jeder Jugendliche sollte zumindest einmal im Leben ein solches Seminar erlebt haben.“

Auch Rosa Logar, die Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen familiäre Gewalt, wünscht sich mehr Geld von der Politik, um die Gewalt an Frauen einzudämmen. Die Gewaltschutzzentren in allen Bundesländern haben im Vorjahr 8.700 Meldungen der Polizei bekommen. Sie bieten den Opfern Unterstützung an.

„Ohne erhöhte Mittel werden wir das Ziel nicht erreichen, den Terrorismus in der Familie zu bekämpfen. So wie Terror in der Gesellschaft Sicherheitsmaßnahmen und Ressourcen braucht, so ist es auch in der Familie. Wenn wir 30 getötete Opfer von Terroranschlägen hätten, würde vermutlich längst Geld in die Vorbeugung investiert werden. Doch leider, wenn es ,nur‘ Opfer im Familienkreis sind, sind wir selber schon so abgestumpft, dass wir das irgendwie als normal empfinden. Wenn das 30 Terrorismusopfer wären, dann würden wir aufschreien. Aber bei den Frauenmorden fehlt der Aufschrei.“

In unserem Land leben Frauen gefährlich. Die „Todes-Bilanz“ des EU-Statistik-Amtes Eurostat zeigt Erschreckendes. In nur drei Ländern werden mehr Frauen als Männer bei „gefährlichen Angriffen“ getötet, in Slowenien, Norwegen und bei uns. Unser Land liegt dabei an der Spitze. Das hat kürzlich das Magazin „kripo.at“ berichtet.

„Diese Entwicklung ist alarmierend. Wieso kann der Staat die Frauen nicht schützen?“, fragt Maria Rösslhumer. Meist gibt es genug Warnzeichen. „Die gefährlichste Zeit ist während einer Trennung oder Scheidung. Dann geschehen die meisten Morde. Oft sind die Täter bereits polizeibekannt.“ Doch sie würden viel zu selten in Untersuchungshaft genommen, kritisiert die Expertin. Immer wieder passiere es, dass die Staatsanwaltschaft die Täter auf freiem Fuß anzeige. Für Frauen und Kinder kann das tödlich enden. Etwa bei jenem Fall, bei dem ein Mann drei Anzeigen wegen schwerer Körperverletzung, Vergewaltigung und gefährlicher Drohung „gesammelt“ hatte. „Er wurde auf freiem Fuß angezeigt und hat dann seinen eigenen Sohn in der Schule erschossen.“

Jede fünfte Frau in unserem Land kennt körperliche oder sexuelle Gewalt. Aber auch Worte können verletzen. „Wenn der Freund sie heruntermacht, sie bloßstellt, das sind schon die ersten Warnzeichen einer gewalttätigen Beziehung“, weiß Maria Rösslhumer. „Das steigert sich in der Regel, je länger ein Mann Macht über eine Frau hat.“

Vor allem junge Frauen wissen sich oft nicht zu helfen und verwechseln Liebe mit Machtmissbrauch. „Doch sie sollten ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern können, ohne Angst haben zu müssen, dass ihr Freund womöglich auszuckt, wenn sie ihm widersprechen.“ Hilfe und Rat bekommen Frauen und Mädchen rund um die Uhr bei der „Frauenhelpline“ 0800/222 555. Im Vorjahr sind dort rund 6.600 Anrufe eingegangen, mehr als 3.000 Frauen und Kinder mussten in Frauenhäuser flüchten.

Dem Familienfest Weihnachten sehen nicht alle Frauen mit Freude entgegen. „Gerade bei Festen entstehen Erwartungen“, erklärt Maria Rösslhumer. „Wenn sie nicht erfüllt werden, kann die Situation relativ schnell eskalieren, es kommt zum Streit, aus dem Streit kann eine Gewaltattacke werden. Gerade in Familien, in denen Gewalt vorherrscht, ist diese Zeit noch viel angespannter.“
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