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Ausgabe Nr. 49/2018 vom 04.12.2018, Foto: zVg
Grünes Licht für Verhüttungsanlage in Zeltweg (Stmk.). Anrainer befürchten Umweltbelastung.
„Asbest gefährdet unsere Kinder“
In Zeltweg (Stmk.) soll am Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerkes ein Verhüttungswerk gebaut werden. Aller Voraussicht nach wird hier bald asbesthaltiges Material aus den Steinbrüchen der Region zu Produkten für die Kunststoff- und Bauindustrie verarbeitet. Die Bewohner aus der Umgebung befürchten eine massive Umweltbelastung. Projektbefürworter verweisen hingegen auf strenge Umweltauflagen und auf die Schaffung von bis zu 80 Arbeitsplätzen.
Seit rund vier Jahren findet in der Region Aichfeld (Stmk.) ein Tauziehen um eine geplante Verhüttungsanlage am Gelände des ehemaligen Kohlekraftwerkes Zeltweg statt. Jetzt hat das Bundesverwaltungsgericht grünes Licht für die Errichtung gegeben.

Rund 110.000 Tonnen Gestein aus der Region sollen hier jährlich zu Rohstoffen vornehmlich für die Kunststoff- und Baustoffindustrie aufbereitet werden. Die in Graz ansässige Betreiberfirma „Minex“, eine Tochter der deutschen Refratechnik, beziffert die Kosten für das Werk mit 80 Millionen Euro und stellt außerdem bis zu 80 Arbeitsplätze in Aussicht.

An der geplanten Anlage stößt sich vor allem die Bürgerinitiative „Für ein lebenswertes Aichfeld“. Weil das zu verarbeitende Gestein krebserregendes Asbest enthält, das während des Transports und über die Schornsteine in die Luft gelangen kann, befürchten deren Mitglieder, dass es in der Region zu einem Anstieg von schweren Erkrankungen kommt. Durch mehrere Einsprüche konnte die Bürgerinitiative bereits den eigentlichen Baustart im Jahr 2017 verhindern und hat nun auch gegen den neuen Termin 2019 Revision eingelegt, was allerdings keine aufschiebende Wirkung mehr hat.

Der Obmann der Bürgerinitiative, Alexander Stöhr, sieht Gefahr in Verzug. „Unter dem Verhüttungswerk müssen wir uns ein komplexes industrielles Verfahren vorstellen, in dem aus erzhaltigem Gestein unter Einsatz von Salzsäure, Hitze und Laugen verschiedene metallische Rohstoffe, vornehmlich Magnesiumverbindungen, gewonnen werden. Das Gestein dafür stammt aus der Nähe von Kraubath an der Mur. Es ist ein sogenanntes Serpentingestein, das unter Fachleuten auch als ‚Kraubather Ultrabasit‘ bezeichnet wird und Asbest enthalten kann. Im industriellen Prozess wird das Gestein mechanisch feinst vermahlen, wodurch die für den
Menschen so gefährlichen Asbestfasern freigesetzt werden können.“

Die Medizinerin der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA), Barbara Machan, unterstreicht die Gefahr durch Asbest für den menschlichen Körper. „Aufgrund ihrer Fasereigenschaften und ihrer Feinheit können Asbestfasern eingeatmet werden und bis in die kleinsten Lungenbläschen und bis zum Rippenfell gelangen. Der menschliche Organismus kann sie nicht abbauen, in der Folge lösen sie Verkalkungen am Rippenfell, Vernarbungen der Lungen (Asbestose) und oft erst nach Jahrzehnten Lungen- beziehungsweise den äußerst gefürchteten Rippenfellkrebs aus.“

Neben der Gefahr für den Menschen durch Asbest rechnet die Bürgerinititative „mit einem Anstieg der Lärm- und Luftschadstoffbelastung. Zudem werden die Abwässer der Anlage in die Mur geleitet, es sind Auswirkungen auf das Mikroklima zu erwarten“, sagt Stöhr.

„Minex“ will an dem Bauvorhaben dennoch festhalten, wie Geschäftsführer Ludwig Koch erklärt. „Der Standort Zeltweg ist deswegen so interessant, weil das zu verarbeitende Gestein nur 20 Kilometer entfernt abgebaut wird. Das erspart uns lange Transportwege. Zudem gibt es hier die nötige Infrastruktur in Form von Straßen und Schienen.“

Vordergründig will das Unternehmen hier Magnesiumhydroxid gewinnen. Dies wird als Flammenhemmer eingesetzt, das sind Stoffe, die Brände verhindern sollen. Zum Einsatz kommen sie etwa in Kunststoffgehäusen für Steckdosen oder auch in Auto-Plastikteilen.

Die Kritik der Bürgerinitiative weist er zurück. „Wir halten sämtliche gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte ein. Im Abgasstrom, das heißt über Schornsteine, beträgt die Ausstoßgrenze 10.000 Asbest-Fasern pro Kubikmeter Luft. Die Fasern verteilen sich ja folglich, sodass auf einen Kubikmeter Luft im Endeffekt weniger als eine Faser kommt. Auch bezüglich der Abwässer, die in die Mur geleitet werden, halten wir uns an sämtliche Vorlagen. Eine entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfung wurde bereits vor zwei Jahren positiv abgeschlossen.“

Auch der zuständige Referent der Umweltbehörde Steiermark, Bernhard Strachwitz, versichert: „Wenn Asbest vorkommen sollte, werden die diesbezüglichen gesetzlichen Grenzwerte eingehalten.“

Doch Stöhr widerspricht. „Das Asbestvorkommen wurde erst gar nicht ausreichend überprüft, dies hätte durch einen unabhängigen Geologen geschehen sollen. Auch die Grenzwerte sehen wir kritisch. Laut einem externen Gutachten ist nach dem Bau des Werkes ein Asbestfaser-Niederschlag in der Region von bis zu 1.000 Fasern pro Quadratmeter Boden innerhalb von einer Woche möglich. Es wäre unverantwortlich, die Kinder aus der Region dann noch im Sandkasten spielen zu lassen, denn bereits eine einzige Asbest-Faser im menschlichen Körper kann Krebs auslösen.“

Rückendeckung bekommt er vom Landtagsklubobmann der steirischen Grünen, Lambert Schönleitner. „Die Menschen in der Region sind zu Recht verunsichert, denn die Asbestgefahr wurde bisher viel zu wenig ernst genommen. Zudem wissen wir, dass durch dieses Werk die gesamtsteirischen CO2-Emissionen um ein Prozent in die Höhe klettern würden.“ Er will die Bürgerinitiative daher weiter unterstützen, die nun eine Petition an den steirischen Landtag einbringen möchte. Darin sprechen sie sich gegen den Bau des Werkes aus. Etwa 2.000 Unterschriften wurden bereits gesammelt. rb
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