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Ausgabe Nr. 49/2018 vom 04.12.2018, Foto: Fotolia
Der Klimawandel lässt sich kaum mehr aufhalten.
Die Schweden haben Flugscham
Das Fliegen ist für fünf Prozent der Treibhausgase verantwortlich. Doch auf diesem Auge sind unsere Politiker blind. Im Gegenteil, sie subventionieren das klimaschädlichste Verkehrsmittel auch noch mit Steuervorteilen. In Schweden hingegen verzichten immer mehr Bürger auf das Flugzeug und bleiben am Boden.
Björn Ferry hat Durchhaltevermögen. Vor acht Jahren gewann er olympisches Gold im Biathlon. 12,5 Kilometer Langlaufen und Schießen absolvierte er in gut einer halben Stunde. Als Kommentator für das schwedische Fernsehen ist er künftig deutlich länger unterwegs. Denn Ferry will keine Flugreisen absolvieren. Der 40jährige fährt zu „seinen“ Wettkampf-Orten in Italien und Slowenien mit dem Zug. In ein Flugzeug ist der ehemalige Sportler seit zwei Jahren nicht mehr gestiegen und so soll es bleiben, „jedenfalls solange es keine Elektroflugzeuge gibt“. Dass eine Reise von Schweden in die Alpen länger als ein paar Stunden dauert, damit kann er leben. „Das Meiste
lässt sich mit Nachtzügen machen.“ Und ein paar Stunden Aufenthalt in Hamburg (D) seien kein Problem, „da gibt es gutes Bier.“

Immer mehr Schweden machen es dem Biathleten nach. Sie bleiben auf dem Boden. Das neue Schlagwort „Flyg-
skam“ (übersetzt Flugscham) ist in aller Munde. Im Internet zeigen die Skandinavier, wie sie auch große Dis-
tanzen mit dem Zug bewältigen. Selbst schwedische Minister verzichten bei Fahrten nach Paris (F) oder Berlin
(D) auf den Flieger. Zum ersten Mal seit Jahren sind die Zahlen innerschwedischer Flugpassagiere gesunken, die Auslastung von Nachtzügen hingegen gestiegen.

Der Luftverkehr ist der größte Klimasünder. Ein Flugzeug stößt doppelt so viel Kohlendioxid (CO2) aus wie ein Auto und 31 Mal so viel wie die Bahn. Das Kerosin, das pro Jahr bei uns getankt wird, ist für so viel Kohlendioxid verantwortlich wie eine Million Diesel-Autos.

Schon jetzt sind Flüge für fünf Prozent der Erderwärmung verantwortlich. Und der Flugverkehr nimmt rasant zu. In den nächsten 20 Jahren sollen 40.000 neue Maschinen gebaut werden. Trotzdem schonen die Politiker weltweit wohl keine Branche so sehr wie die Luftfahrt.

„Es ist allerhöchste Zeit, dass endlich die Kerosin-Steuer umgesetzt wird“, fordert deshalb Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Wer mit Öl heizt, wer Benzin oder Diesel tankt, muss Mineralölsteuer an den Staat zahlen. Rund 4,3 Milliarden Euro nimmt der Finanzminister so ein. Sogar die Bahn blecht Energieabgaben, 33 Millionen Euro waren das im Vorjahr. Für das „Flugbenzin“ Kerosin gilt hingegen eine Ausnahme.

„Der Ursprung der Steuerbefreiung ist das sogenannte Chicagoer Abkommen aus dem Jahr 1944“, erklärt Christian Gratzer. Damals wollten die Staaten dem privaten Luftverkehr Starthilfe geben. „Doch das ist mittlerweile überholt. Mit einer Kerosinsteuer könnte der Klimasünder Flugverkehr gebremst werden und es würden Einnahmen für weitere Klimaschutz-Maßnahmen hereinkommen. Etwa für die Verbesserung der grenzüberschreitenden Bahnverbindungen, damit Kurzstreckenflüge wegfallen.“

Nach wie vor fliegt nur eine kleine Gruppe häufig. Nur jeder sechste geht mehrmals im Jahr in die Luft. Jeder zweite zwischen 16 und 69 Jahren fliegt höchstens ein Mal im Jahr oder gar nicht. Und jeder Dritte in dieser Altersgruppe fliegt nie. Christian Gratzer: „Das Flugzeug ist nach wie vor ein exklusives Verkehrsmittel. Es nutzen auch viele Geschäftsreisende, wobei etwa durch Videokonferenzen viele Flüge verhindert werden könnten.“

Einen anderen Weg geht das Vorarlberger Unternehmen „Haberkorn“ mit rund 800 Mitarbeitern hierzulande. Unter dem Motto „Ein Weg Zug, ein Weg Flug“ sparen sie seit dem Jahr 2008 Kohlendioxid bei ihren Dienstreisen. „Wir haben die Flugkilometer seither um mehr als ein Drittel reduziert“, erzählt Sabrina Dünser, die Nachhaltigkeitsbeauftragte der Firma. Die Zahl der Zugkilometer hat sich von 24.000 auf 145.000 versechsfacht. Betroffen ist vor allem die Strecke Vorarlberg-Wien, die Mitarbeiter und Chefs zumindest in einer Fahrtrichtung mit dem Zug zurücklegen sollten. Damit sparen sie nicht nur Treibhausgase ein, viele schätzen die verordnete Zugfahrt auch, so Dünser, „weil sie ungestört arbeiten können.“

Der Klimawandel ist eine Tatsache. Das war zuletzt sogar in einem Bericht amerikanischer Regierungsbehörden zu lesen. Schon jetzt leiden die Menschen darunter. Werde nicht gegengesteuert, verliere Amerika bis zum Ende des Jahrhunderts ein Zehntel seiner Wirtschaftskraft, warnen die US-Beamten und Experten.

Auch in unserem Land spüren wir den Klimawandel. Extreme Trockenheit, Schädlingsbefall, Unwetter, neue Krankheiten und zu große Hitze in den Städten sind nur ein paar Aspekte der Erderwärmung. Die Pasterze am Großglockner, der größte Gletscher unseres Landes, ist zuletzt um sechs Meter geschmolzen.

Vom Klimagipfel in Kattowitz (Polen), der noch bis 14. Dezember dauert, sind wenige Lösungen zu erwarten. Um die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen, im Vergleich zum Niveau vor Beginn der Industrialisierung, müssten die derzeitigen Maßnahmen zumindest verdreifacht werden. Das hat kürzlich die UNO-Umweltbehörde festgestellt. 20.000 Teilnehmer werden zur Klimakonferenz in Polen erwartet. Zumindest bei hiesigen Teilnehmern regiert auch die „Flugscham“. ÖVP-Umweltministerin Elisabeth Köstinger fährt mit dem Auto dorthin, Bundespräsident Alexander Van der Bellen nahm den Zug.
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