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Ausgabe Nr. 48/2018 vom 27.11.2018, Foto: picturedesk
Cheftrainer Andreas Felder hat für Stefan Kraft und dessen Kollegen neue Rituale eingeführt.
„Die Angst ist ein ständiges Thema“
Nach einem historischen Seuchenjahr für die ÖSV-Schispringer ohne einen einzigen Weltcupsieg und ohne Medaille bei Olympia soll nun der Dreifachweltmeister Andreas Felder, 56, als Cheftrainer den Umschwung schaffen. Im Interview verrät er, warum er für die Heim-WM in Seefeld Edelmetall erwartet.
Der einstige Dreifachweltmeister Andreas Felder, 56, ist neuer Cheftrainer unserer Schispringer. Im Gespräch gibt er sich nach einer verkorksten Saison zuversichtlich.

Herr Felder, nach einer misslungenen Saison sollen Sie unseren Schispringern heuer wieder Flügel verleihen. Was ist denn im Vorjahr schiefgegangen?
Es sind sicher an mehreren Fronten Fehler passiert, wir versuchen jetzt, alle Details nachzujustieren. Vor allem möchte ich aber den Hebel bei einer blitzsauberen Basistechnik ansetzen, denn bei einigen Springern wurde die Sprungtechnik vernachlässigt und falsche Bewegungsmuster schliffen sich ein. Das liegt daran, dass sich einige besonders schwer tun, einen ehemals erfolgreichen Stil zu verlassen und ihn zu wenig an neue Regeln und neues Material anpassen. Außerdem habe ich neue Rituale eingeführt, um den Teamgeist zu stärken, einen gemeinsamen Frühsport mit Yoga und ein gemeinsames Frühstück an einem Tisch.

Worin waren uns im vorigen Jahr der Olympiasieger Andreas Wellinger und der Tourneesieger Kamil Stoch voraus?
Sie arbeiten in Deutschland und Polen eben schon länger und hartnäckiger an einem detaillierten Technikkonzept. Ein Punkt ist beispielsweise, dass unsere ÖSV-Athleten immer stark über die Fußballen vom Schanzentisch abgesprungen sind, was dynamische Vorteile hat. Reduzierst du aber, wie manch Erfolgreicher das vorzeigt, den Balleneinsatz, kannst du den Schi sauberer mitnehmen und den Sprung besser durchziehen. Außerdem ist gegenüber vor zwei Jahren, als die Anzüge mehr Angriffsfläche boten, eine neue Technik in der Anlaufspur nötig. Weiters arbeiten wir in der Luftfahrt an einer stabileren und aerodynamischen Position.

Wird der sogenannte H-Stil der neue Standard?
Es stimmt, viele Spitzenspringer lösen das früher extrem geformte „V“ der Schi in Richtung leichtes „H“ auf, indem sie in der Luft die Schienden voneinander lösen. Der H-Stil ist eher ungewollt bei Gregor Schlierenzauer zum Schlagwort geworden, denn bei ihm haben sich oft die Schienden berührt, was wir unterbinden wollten.

Spüren Sie schon Aufwind, dass die neuen Ansätze bei Ihren Schützlingen fruchten?
Licht und Schatten wechseln stark. Beim Weltcupauftakt zeigte sich, dass die Jungen aufgeholt haben, es aber insgesamt zur Spitze noch ein weiter Weg ist. So ehrlich müssen wir sein. Die Athleten müssen sich über die Wettkämpfe steigern und dürfen unter Stress nicht in alte Muster zurückfallen. Andererseits geht es auch einem Kamil Stoch nicht besser, er hatte beim Auftaktspringen Mühe, sich zu qualifizieren.

Sind die jungen Daniel Huber und Philipp Aschenwald künftige Siegspringer?
Daniel Huber hat auf jeden Fall das Zeug dazu, mit den Großen mitzuspringen, er hat im Sommer sogar einen Grand Prix gewonnen. Aschenwald wiederum hat in der vorigen Saison überlegen den Continentalcup gewonnen. Die Jungen müssen sich aber aus dem Schatten der bekannten Namen lösen, das fällt ihnen schwer. Der Generationswechsel geht immer weiter, bei der vorigen Junioren-WM haben wir zwei Medaillen geholt, bei den Teenagern sind wir im Nachwuchs gut aufgestellt.

Die Abwaage der Springer findet seit heuer ohne Schuhe statt. Was bedeutet das?
Stefan Kraft und seine Kollegen müssen entweder an Gewicht zunehmen oder mit kürzeren Schiern springen. Zehn Zentimeter Schilänge entsprechen dabei rund fünf Kilo Gewicht, da zeigt sich, was das ausmachen kann. Mit dieser Maßnahme will der Weltverband FIS verhindern, dass einige Springer allen anderen davonfliegen.

Kann es sein, dass bei einigen unserer Adler nach der schlimmen Sturzserie von Thomas Morgenstern, Lukas Müller und Thomas Diethart noch immer Angst mitspringt?
Es ist schon möglich, dass beim einen oder anderen im Grenzbereich Angst zu spüren ist. Im Schisprung ist das sicher ein ständiges Thema. Vor allem, wenn der Springer schon älter ist, kämpft er damit, sich zu überwinden. Vermittelten die Burschen jedoch einen unsicheren oder zweifelnden Eindruck, so lag das eher nicht an der Sturzangst, sondern daran, dass sie unsicher waren, ob ihr System mit Technik und Material zusammenpasst.

Apropos Material, sind wir da noch unter den Besten? In der Anlaufspur macht sich immer wieder das eine oder andere km/h an Tempo bemerkbar, das fehlte.
Es liegt meistens eher an anderen Dingen, wenn einer in der Anlaufspur langsam ist, etwa an mangelnder Form oder einer unentspannten Hockeposition. Es gibt auch Springer wie Michael Hayböck, der dort oft unter den schnellsten ist, selbst wenn der Sprung gar nicht so gut ist. Sicher, die Deutschen haben schon einen streng geheimgehaltenen super Schliff am Schi. Aber insgesamt glaube ich nicht, dass es am Material liegt, wenn wir nachhinken.

Wieviel Zeit geben Sie Ihren Springern noch, um wieder vorne dabei zu sein?
Egal, wie schlecht es im Vorjahr gelaufen ist, der Anspruch, den wir als Springer unseres Landes haben müssen, ist, bei der Heim-WM in Seefeld (T) im Februar Medaillen zu machen. Das erwarte ich auch und dafür geben wir Vollgas. Wolfgang Kreuziger
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