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Ausgabe Nr. 47/2018 vom 20.11.2018, Foto: picturedesk.com
Bauer Armin Capaul kämpft gegen Profitgier

Dafür braucht die Kuh ihr Horn:
• Feinfühlige Antennen: Das mit Blut- und Nervenbahnen durchzogene Horn wächst ab dem Alter, in dem das Jungtier anfängt, Heu und Gras zu fressen. Außen hat es eine harte Hülle, innen einen knöchernen Hornzapfen, der hohl ist und eine Verbindung zur Stirnhöhle besitzt. Es ist also ein äußerst empfindsamer Körperteil, mit dem die Wiederkäuer Berührungen wahrnehmen und sensibler auf ihre Umgebung reagieren.

• Körpersprache: Mit der Stellung der Hörner durch Bewegung ihres Kopfes kommunizieren Kühe ständig mit anderen Herdenmitgliedern und bringen ihre momentane Stimmung zum Ausdruck. Die anderen Rinder erkennen, ob und wie weit sie sich ihr konfliktfrei nähern können. Wodurch Rangkämpfe mit Körperkontakt meist vermieden werden.

• Körperpflege: Hörner werden auch gerne zum Fellkratzen an entlegenen Körperstellen benötigt.
„Die Kühe sollen ihre Hörner behalten“
Etwa 80 bis 90 Prozent der Kühe in der Schweiz, in Deutschland, aber auch in unserem Land gehen bereits hornlos durchs Leben. Doch nun hat der Schweizer Armin Capaul, 67, eine Volksabstimmung zur Rettung der Kuhhörner erkämpft.
Die Natur macht nichts vergeblich“, sprach der griechische Philosoph Aristoteles vor gut 2.300 Jahren. Also muss
wohl auch das Horn einer Kuh zu irgendetwas nütze sein.

Das meint auch der Schweizer Armin Capaul, der dem Enthornen den Kampf angesagt hat. Fast im Alleingang hat es der 67jährige geschafft, für seine Hornkuh-Initiative 155.000 Unterschriften zu sammeln. Um 55.000 mehr als erforderlich, um in der Schweiz eine Volksabstimmung durchzusetzen.

Von einem „basisdemokratischen Wunder“ war in den Zeitungen zu lesen, nachdem der „Hornkuh-Rebell“ anfangs eher als „Hornkuh-Spinner“ verspottet wurde. Umso glücklicher ist der kauzige Bergbauer deshalb, dass die Eidgenossen am 25. November tatsächlich zu den Wahlurnen gerufen werden. „Auch wenn mich die Kampagne fast 50.000 Euro gekostet hat und ich dafür mein Sparbüchli plündern musste“, gesteht Capaul, der sich in einer malerischen Almlandschaft um acht Kühe, zehn Kälber, einen Stier, zwei Hütehunde sowie um etliche Ziegen, Schafe, Esel und Hühner kümmert.

Ein totales Enthornungsverbot fordert der Vollbartträger freilich nicht. Er setzt vielmehr auf ein finanzielles Anreizsystem zum Wohl der Vierbeiner. Demzufolge soll Vater Staat „tierfreundlichen“ Milchbauern, die behornte Tiere halten, für ihren Mehraufwand entschädigen.

„Pro Jahr schweben mir ungefähr 450 Euro Direktzahlung für jede Kuh mit Hörnern vor“, erklärt Armin Capaul. Was jedoch für die Eidgenossen Mehrausgaben von mindestens 25 Millionen Euro zur Folge hätte.

„Geld, das wir anderorts einsparen müssten“, sagt Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Die Schweizer Regierung lehnt die Hornkuh-Initiative deshalb ab.

Noch vor Jahrzehnten waren hornlose Kühe freilich gar nicht vorstellbar, gehörten zur Identität vieler Landschaftszüge. Heute trotten in Ländern mit moderner Viehwirtschaft jedoch schon mehr als achtzig Prozent aller Tiere hornlos durchs meist kurze Leben. Auch in unserem Land sind behornte Rindviecher kaum noch zu finden. Selbst auf den abgelegensten Almwiesen.

Grund für diese Entwicklung ist unter anderem die Umstellung von Anbindehaltung auf Laufställe vor mehr als 30 Jahren. Dadurch konnten die Milchbauern mehr Kühe pro Quadratmeter unterbringen und auch die Einrichtung war preiswerter. Zu viele Kühe auf zu engem Raum führten aber zu zahlreichen Rangeleien und Kämpfen. Und ganz abgesehen davon stieg auch die Verletzungsgefahr beim Melken. Also mussten die Hörner ab.

„Die Tiere wurden somit aus Platzmangel und Profitgier an die Haltungssysteme angepasst anstatt umgekehrt“, kritisieren Tierschützer.

Einigkeit herrscht hingegen bei der Annahme, dass eine Enthornung ohne Betäubung äußerst schmerzhaft sei. Denn im Gegensatz zu den menschlichen Fingernägeln, die sich einfach wegknipsen lassen, sind die scheinbar toten Kuhhörner lebendes Material und wesentlicher Körperbestandteil der Tiere (siehe Kasten li.).

„Dennoch war noch bis vor Kurzem auch hierzulande das Enthornen von Kälbern, die jünger als 14 Tage sind, ohne Schmerzausschaltung erlaubt“, ärgert sich Tierarzt Dr. Hans Christ, der Enthornungen seit jeher nur unter Betäubung vorgenommen hat.

„Dabei werden bei den narkotisierten Kälbchen die Hornanlagen, also der kreisförmige Ansatz, aus dem das Horn wachsen würde, mit einem glühend heißen Brennstab für jeweils 60 Sekunden ausgebrannt und die Nerven- und Blutbahnen verödet.“

Dass die Kälber nach dieser Prozedur noch tagelang leiden, bestreitet der Tierarzt aber vehement. „Das habe ich während meiner 30jährigen Tätigkeit noch nie feststellen können.“ Der Bergbauer Armin Capaul ist anderer Meinung und hofft bei der Abstimmung vor allem auf zahlreiche Frauenstimmen. „Sie bringen einfach mehr Gefühl für Tiere auf“, meint der 67jährige und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu, „Wer unseren Sieg an der Wahlurne verhindern will, müsste vorher das Frauenwahlrecht wieder abschaffen.“ hwie
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