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Ausgabe Nr. 46/2018 vom 13.11.2018, Fotos: zvg, duty
Die tote Gams in den Bergen, der Büffel in Afrika. Das war einmal.
Winkelmayer ernäht sich vegan.
Der geläuterte Jäger
Jahrzehntelang war Rudolf Winkelmayer aus Pachfurth (NÖ) leidenschaftlicher Jäger. Mehr als 100 Tiere hat der ehemalige Tierarzt in seinem Leben geschossen, war sogar auf Jagdreisen in Afrika. Bis er vom Töten genug hatte. Heute isst er nicht einmal mehr Fleisch.
Wenn Dr. Rudolf Winkelmayer, 63, heute in den Wald geht, dann um das Zwitschern der Vögel zu genießen oder um in gesunder Luft zu laufen. Vor zehn Jahren war das noch anders. Da verschlug es den pensionierten Tierarzt in den Wald, um Tiere zu töten. „Ich komme aus einer Jägerfamilie. Mein Vater war Jäger und hat mich schon als Kind oft zur Jagd mitgenommen. Mit 16 Jahren habe ich dann die Jagdprüfung gemacht und gleich meinen ersten Rehbock geschossen. Ich war natürlich stolz, bin aber danach in Tränen ausgebrochen. Damals konnte ich meine Gefühle nicht einordnen. Rückblickend weiß ich nun, dass ich Mitleid mit dem Bock hatte“, erzählt Winkelmayer, der eine Tierarzt-Praxis in Pachfurth (NÖ) führte und auch heute noch dort lebt.

Über die Jahre hat sich Winkelmayer einen Freundeskreis aus Jägern aufgebaut, mit denen er regelmäßig Jagdreisen unternahm. „Ich war oft unterwegs. In Afrika habe ich Antilopen, Büffel und Leoparden geschossen, Elche in Norwegen. Damals fand ich das in Ordnung. Heute widert mich das an“, meint der ehemalige Amtstierarzt, der auch heimische Tiere wie Rehe und Hirsche erlegte.

„Insgesamt waren es um die 100 Stück Schalenwild, dazu gehören Rotwild oder Schwarzwild, die ich in meinem Leben geschossen habe. Aber auch Niederwild wie Hasen oder Fasane kamen vor meine Flinte. Doch die zählt ein Jäger nicht mit“, sagt Winkelmayer, der meint, aus Spaß geschossen zu haben, wie es 90 Prozent der Hobbyjäger in unserem Land tun würden. „Kein Jäger geht an einem kalten, verregneten Novembermorgen des Naturschutzes wegen in den Wald.“ Der Niederösterreicher, der auch im Landesjagdverband verankert war, hielt dort Vorträge über Wildbret-Hygiene und Wildtiergesundheit. Daneben ist er Lebensmittelwissenschaftler und bekam dafür im Jahr 2006 vom damaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer den Berufstitel Professor verliehen.

„Als Jäger habe ich natürlich auch Wildfleisch gegessen, es zuhause selbst gekocht. Rinder oder Schweine wollte ich seit jeher aber nicht gerne auf meinem Teller haben. Die taten mir immer leid, weil sie schlecht gehalten werden. Als Amtstierarzt habe ich zu viel gesehen. Wer Fleisch essen möchte, muss sich im Klaren sein, dass dies nicht ohne Tierleid geht“, erklärt Winkelmayer. Das war auch der Grund, warum er mit dem Jagen aufgehört hat. „Dafür habe ich mich mit Tierethik auseinandergesetzt. Also mit den Pflichten von Menschen gegenüber Tieren und den Rechten von Tieren. Dann wurde mir klar: Töten als Freizeitvergnügen ist ethisch nicht vertretbar. Und Jagd-
reisen sind besonders pervers“, ist der 63jährige überzeugt. „Von heute auf morgen beendete ich das Schießen, verkaufte alle meine 16 Gewehre und verbannte meine Jagdtrophäen in Kisten auf den Dachboden. Von meinen Jagdfreunden erntete ich dafür Fassungslosigkeit, alle haben sich von mir abgewendet.“

Winkelmayer machte eine Kehrtwende. Er hörte nicht nur mit dem Schießen auf, sondern verzichtete zunächst auf Fleisch, bis er allen tierischen Produkten entsagte und sich nun vegan ernährt. „Diese Ernährungsweise hat in unserer Gesellschaft mittlerweile einen hohen Stellenwert. Die Jäger spüren, dass ihnen ein rauer Wind dieser Menschen entgegenbläst. Töten zum Spaß ist immer weniger anerkannt“, freut sich Winkelmayer, der auch Bücher über Tier- und Jagdethik geschrieben hat.

Noch gibt es genug Waidmänner in unserem Land, etwa 130.000 Menschen besitzen eine Jagdkarte. Gerade jetzt, im November, der Hauptsaison, wird Wildbret erlegt. Im Vorjahr fanden 286.000 Stück Rehwild, 61.500 Stück Rotwild, 40.300 Stück Schwarzwild und 21.000 Stück Gamswild den Tod. Aber auch 94.200 Hasen, 67.700 Füchse, 22.800 Marder und 10.200 Wiesel mussten durch die Jäger-Kugel sterben. „Gerechtfertigt sind aber nur Regulierungsabschüsse von Rehwild, Rotwild, Schwarzwild und Wildschweinen. Doch das könnten die 550 Berufsjäger oder speziell ausgebildete Hobbyjäger erledigen. Niemand muss auf Murmeltiere, Hasen, Füchse, Fasane oder Wildenten schießen.“
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