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Ausgabe Nr. 44/2018 vom 29.10.2018, Foto: Matthias Brandstetter
„Küss die Hand, gnä‘ Frau.“ Thomas Schäfer-Elmayer, 72, ist Experte für gutes Benehmen und Tanzschulleiter.
Das gute Benehmen ist uns abhanden gekommen
Wie geht Flirten mit Anstand im Internet? Wo-rauf muss bei Komplimenten geachtet werden? Mann oder Frau, wer betritt zuerst das Lokal? Fragen wie diese beantwortet der Benimm-Experte Thomas Schäfer-Elmayer in seinem neuen Nachschlagewerk „Der große Elmayer – Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen sollten“. Im WOCHE-Gespräch gibt er einige seiner Benimm-Tipps preis.
Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen sollten“, das listet Thomas Schäfer-Elmayer, 72, in seinem neuen 500-Seiten-Nachschlagewerk auf. Professor Elmayer ist hierzulande die erste Instanz für gutes Benehmen. Er leitet in der dritten Generation die von seinem Großvater gegründete Tanzschule, die seit dem Jahr 1919 als eine der besten Adressen für Umgangsformen gilt. Ob es sie noch gibt, und was zeitgemäßes gutes Benehmen ausmacht, darüber sprach Thomas Schäfer-Elmayer mit der WOCHE.

Herr Elmayer, fast jede zweite Beziehung bahnt sich bereits im Internet an. Gelten für die Partnersuche in der virtuellen Welt andere Anstandsregeln als für das Kennenlernen und Flirten in der wirklichen Welt?
Grundsätzlich gelten für beide Welten dieselben Anstandsprinzipien. In meinem neuen Buch nenne ich diese Faktoren die 21 Säulen unserer Umgangsformen (siehe Kasten li.). Diese Werte bilden die Basis für ein vertrauensvolles Zusammenleben. Wobei anzumerken ist, dass das Flirten in der wirklichen Welt natürlich viel facettenreicher ist, weil Mimik, Gestik, Haltung, Gang, Auftreten, Hygiene und Blickkontakt dem Gegenüber wichtige Informationen vermitteln können.

Sie widmen den Komplimenten und Flirts ein eigenes Kapitel in Ihrem Buch. Worauf muss geachtet werden, damit es bei Freundlichkeiten zu keinen Missverständnissen kommt?
Den Damen Komplimente zu machen, ist tatsächlich viel heikler geworden. Während charmante und anerkennende Worte, vor allem in Wien, immer selbstverständlich und freundlich in Empfang genommen wurden, nach dem Motto, „gegen Lob kann man sich nicht wehren“, kommt es heute leider oft zu Abwehrreaktionen statt der „huldvollen“ Annahme eines Kompliments, weil es mit „Anmache“ verwechselt wird. Daher ist es nahezu zu einer Kunst geworden, einer Dame Komplimente mit charmantem Augenzwinkern zu machen. Wobei nicht außer Acht gelassen werden darf, dass Komplimente gegenüber Herren ebenso ein freundlicher Ausdruck von Anerkennung, Sympathie und Wertschätzung sind. Daher sollten wir auch diese Chance zur Verbesserung unserer Atmosphäre nutzen und pflegen.

Mann und Frau besuchen gemeinsam ein Restaurant. Wer öffnet die Tür, wer betritt zuerst das Lokal?
Geht die Tür nach außen auf, so öffnet der Herr die Tür und lässt zunächst der Dame den Vortritt. Wenn die Tür nach innen aufgeht, betritt der Herr das Lokal zuerst und hält der Dame die Tür von innen auf. Dann fragt er sie, ob er ihr aus dem Mantel helfen darf. Der Herr geht voraus zum reservierten Tisch. Sollte aber der Servicemitarbeiter das Paar zum Tisch geleiten, dann folgt ihm die Dame vor dem Herrn. Wenn kein Tisch reserviert wurde, dann sucht der Herr einen Tisch aus und fragt seine Begleiterin, ob ihr dieser recht ist und wo sie sitzen möchte.

Schauplatz U-Bahn, während der Grippewelle: Der eine niest lautstark, der andere hustet mitten in die Menschenmenge hinein. Wie reagiert der von
„Bakterienschleudern“ umzingelte Fahrgast?

Ich fürchte, dass in einer Situation wie dieser eine unmittelbare Reaktion kaum möglich sein wird. Manchmal könnte es durchaus sinnvoll und hilfreich sein, einer verkühlten Person ein Papiertaschentuch anzubieten. In der Grippezeit kann ich nur jedem empfehlen, sich selbst so gut wie möglich zu schützen, vitaminreich zu essen und so oft es möglich ist, die Hände gründlich zu waschen.

Ob auf der Straße oder im Einkaufszentrum, Rempeln, Drängen und Stoßen sind leider keine Seltenheit mehr. Deutet das zunehmend rücksichtslose Verhalten auf eine Verrohung unserer Gesellschaft hin?
Ich glaube oder hoffe, dass wir uns derzeit noch in einer Übergangsphase befinden. Wir messen dem Mobiltelefon einen zu hohen Stellenwert bei und haben noch nicht gelernt, richtig damit umzugehen. Wir sind durch das ständige Telefonieren so abgelenkt, dass wir unsere unmittelbare Umgebung und die Menschen um uns manchmal kaum noch wahrnehmen. Bei all diesen Entwicklungen orte ich dennoch eine große Sehnsucht vieler Menschen nach gutem Benehmen. Der raketenhafte Erfolg meines neuen Buches, das nach nur zwei Wochen auf Platz acht der Bestsellerliste landete, ist für mich ein deutliches Indiz dafür.

In unserem Land leben inzwischen viele Kulturen. Wie weit müssen sich Menschen, die in unser Land kommen, an unsere Werte und unsere Benimm-Kultur anpassen?
Natürlich ist von Menschen, die in einen neuen Kulturkreis kommen, zu erwarten, dass sie sich rasch anpassen und vor allem die Sprache, die in ihrer neuen Heimat gesprochen wird, möglichst rasch lernen. Da ich selbst zwanzig Jahre im Ausland gelebt und gearbeitet habe, ist mir durchaus auch bewusst, dass Menschen ihre ursprünglichen Sitten, Bräuche, Traditionen und ihre Sprache lieben. Wo allerdings zwischen den beiden zu entscheiden ist, hat die neue Heimat mit ihren Bräuchen und Gesetzen den Vorrang.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“, heißt es. Kinder lernen gutes Benehmen in erster Linie von ihren Eltern. Wenn die Eltern keine Umgangsformen pflegen, können sich die Kinder kaum etwas abschauen. Lässt sich Ihres Erachtens gutes Benehmen später noch erlernen?
Wer das Pech hat, im Elternhaus kaum oder keine Umgangsformen mitbekommen zu haben, dem bietet sich natürlich die Chance, dieses Manko auszugleichen. Vorausgesetzt, er hat den festen Willen, sich gutes Benehmen anzueignen. Ich bin der Meinung, und ich erhalte auch regelmäßige Bestätigungen dafür, dass mit Erwachsenenschulungen zum Thema gutes Benehmen, die ich seit Jahren anbiete, nachhaltige Erfolge erzielt werden können.

Wie sehr hat sich das Benehmen von Menschen des öffentlichen Interesses verändert? Kennen Sie heimische Politiker, die sichvorbildlich gut benehmen?
Ich habe diese Frage zwar nicht wissenschaftlich untersucht, vermute aber, dass es in früheren Zeiten in der Politik und bei der Prominenz nicht viel anders zuging als heute, nur waren die Medien nicht so präsent. Wirklich vorbildhaft benimmt sich unser junger Bundeskanzler. Selbst Menschen, die gar nicht auf seiner politischen Linie liegen, müssen dies wohl neidlos anerkennen.

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