Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 43/2018 vom 22.10.2018, Foto: Fotolia
Die Fiaker sollen aus der Wiener Innenstadt verschwinden.
„Wir gehören zu Wien wie Schnitzel und Stephansdom“
Weil die Fiakerpferde Straßenbeläge beschädigen und Dreck hinterlassen, will sie der Bezirksvorsteher der Inneren Stadt verbannen. Die Fiaker fühlen sich schikaniert. Tierschützer hingegen zeigen sich erfreut über den Vorstoß.
Hoho, Burli. Ganz ruhig, bist ja mein braves Pferderl“, sagt Isabella Zeilinger und streicht ihrem „Beethoven“ sanft über die Nüstern.

Die 32jährige Fiakerin hängte vor zwölf Jahren ihren Beruf als Konditorin an den Nagel und kutschiert seitdem Touristen durch Wien. Eine Arbeit, die sie „mit ganzer Leidenschaft“ macht, obwohl „die Bezahlung zum Sterben zuviel und zum Leben zu wenig ist“, erklärt sie.

Weil die Pferde mit ihren Hufeisen „Straßenschäden von jährlich 750.000 Euro verursachen, und sich die Innenstadt-Bewohner über den Pferdemist und Gestank beschweren“, möchte der Vorsteher des ersten Bezirkes, Markus Figl (ÖVP), die Fiaker am liebsten aus der Inneren Stadt verbannen. Dazu will er sie für die Straßensanierungen zur Kassa bitten, ohne genaue Details zu nennen.

Zeilinger kontert, „Wir zahlen genug Steuern, um Straßen reinigen oder sanieren zu lassen. Abgesehen davon sind viele Straßenschäden auf Frost zurückzuführen.“ Bezüglich der Pferdeäpfel verweist sie auf die „Pooh-Bags“, das sind Kot-Auffangbeutel, die am Pferde-Hinterteil befestigt sind. „Es kommt vor, dass Exkremente danebengehen, die Kritik ist aber überzogen“, sagt sie.

Derzeit sind in Wien 116 Fiaker-Kutschen unterwegs. Wobei nicht mehr als die Hälfte, also 58 Wagen, pro Tag im Fahrbetrieb sein dürfen. Dies wird durch sogenannte Platzkarten geregelt. Der erste Bezirk möchte diese Karten reduzieren, beziehungsweise ganz abschaffen, um die Fiaker ins Grüne zu drängen.

„Damit ist die Praterallee gemeint“, sagt der Fiaker Johann Horvath, während er seine Pferde „Max“ und „Moritz“ füttert. „Das wäre unser Ruin. Die Touristen wollen den Stephansdom, die Hofburg und das Schloss Schönbrunn sehen.“

Der Fiaker, der seit 28 Jahren in Wien seine Runden dreht, ist es überdies leid, als „Tierquäler“ beschimpft zu werden. „Die Gesetze sind streng. Die Pferde arbeiten einen Tag und haben den darauffolgenden Tag frei. Regelmäßig kommt ein Amtstierarzt und untersucht die Pferde“, sagt Horvath.

Der Tierschützer Martin Balluch vom Verein gegen Tierfabriken (VGT) zeigt sich hingegen erfreut über den Vorstoß des ersten Bezirkes. „Eine moderne Großstadt wie Wien ist kein Platz für Pferde. In New York (USA) sind Pferde seit Jahren nur noch im Central Park unterwegs. Denn auf dem Asphalt stürzen die Tiere oft. Zudem brechen sie bei hohen Temperaturen zusammen. Seit vorigem Jahr gibt es zwar hitzefrei ab 35 Grad für Fiakerpferde, aber das reicht noch nicht“, meint Balluch.

Der Tierarzt und WOCHE-Kolumnist Hans Christ relativiert. „Pferde sind Steppentiere. Sie haben ein Fell zur Temperaturregulation. 30 bis 35 Grad sind für sie kein Problem. Das ist keine Tierquälerei“, ist Christ überzeugt. Er spricht sich aber gegen straßenbelagsschonende Plastikhufe aus, die gerade getestet werden. „Die sind nicht gut für die Gelenke der Pferde, denn Plastik ‚stoppt‘ die Hufe auf dem Asphalt. Eisenhufe rutschen etwas mehr.“

Der Vizepräsident der Wiener Wirtschaftskammer Josef Bitzinger verweist auf die Bedeutung der Kutschen
für den Tourismus. „Fiaker gibt es in Wien seit 300 Jahren. Sie müssen dem Stadtbild unbedingt erhalten bleiben.“ Er weist darauf hin, dass das Innenministerium unter Minister Herbert Kickl (FPÖ) eine berittene Polizeistaffel plant. „Diese Pferde werden noch mehr Mist machen, da sie über keine Kot-Auffangbeutel verfügen. Und die sind überall, an Fiaker-Routen werden sie sich bestimmt nicht halten“, erklärt Bitzinger.

Rückendeckung bekommen die Fiaker auch von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Er möchte die
Fiaker als „wichtiges Kulturgut“ erhalten. „Wenn Straßen benützt werden, entstehen Kosten. Egal, um wel-
che Verkehrsmittel es sich handelt. Wir werden eine Lösung finden, damit die Fiaker auch in Zukunft in Wien Bestand haben“, so Ludwig. rb
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung