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Ausgabe Nr. 39/2018 vom 25.09.2018, Fotos: toppress, picturedesk
Die in Wien lebende Sängerin Vanessa Zips, 23, singt die Titelrolle der Heidi. Schon mit neun Jahren gehörte sie dem Kinderchor der Wiener Volksoper an. Ihr Hobby ist Reiten.
Michael Schanze
Michael Schanze bringt Heidi zum Singen
Am Mittwoch, dem 10. Ok-tober, gibt es in Wien eine Weltpremiere. Die Geschichte des kleinen Schweizer Waisenmädchens Heidi nach dem Roman von Johanna Spyri kommt zum ersten Mal als Musical auf die Bühne. Die Texte und Melodien dazu schrieb der Publikumsliebling Michael Schanze, der in den vergangenen Tagen mit einem körperlichen Gebrechen zu kämpfen hatte.
Vom freundlichen Dorfe Maienfeld führt ein Fußweg durch grüne, baumreiche Fluren bis zum Fuße der Höhen. Sie schauen von dieser Seite groß und ernst auf das Tal hernieder. Wo der Fußweg anfängt, beginnt bald Heideland. Mit dem kurzen Gras und den kräftigen
Bergkräutern duftet es dem Kommenden entgegen. Der Fußweg geht steil und direkt zu den Alpen hinauf.

Auf diesem schmalen Bergpfad stieg am hellen, sonnigen Junimorgen ein großes, kräftig aussehendes Mädchen, das aus dieser Gegend stammte, hinauf. Es führte ein Kind an der Hand, dessen Wangen so glühten, dass selbst die sonnenverbrannte, völlig braune Haut des Kindes flammend rot leuchtete. Es war auch kein Wunder: Das Kind war trotz der heißen Junisonne so verpackt, als hätte es sich gegen bitteren Frost zu schützen. Das kleine Mädchen mochte kaum fünf Jahre alt sein …“

Mit diesen Zeilen beginnt die ebenso berührende wie fröhliche Geschichte rund um das Waisenmädchen Heidi. Der Roman „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ wurde von der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827 bis 1901) im Jahr 1880 veröffentlicht. Ein Jahr später folgte die Geschichte „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“. Spyri beschreibt einen steinigen Weg, den das Mädchen zu gehen hat. Seit dem Tod der Eltern, da war Heidi erst ein halbes Jahr alt, kümmert sich die Schwester der Mutter um das Mädchen. Als die Tante dann aber eine Stelle in Deutschland erhält, bringt sie Heidi zum Großvater auf eine Schweizer Alp. Der Alm-Öhi, wie er genannt wird, lebt abgeschieden von der Welt. Es heißt, er habe im italienischen Genua einen Mord begangen. Darüber wird viel gemunkelt und die Menschen im Dörfli meiden ihn, den Griesgram, dessen Herz verschlossen ist. Bis das lebensfrohe kleine Mädchen Heidi, sein Enkerl, in sein Leben tritt.

Die Geschichte der Spyri kommt im Oktober nun zum ersten Mal als Musical auf die Bühne. Weltpremiere ist am 10. Oktober im Wiener Museumsquartier. Der beliebte Moderator und Sänger Michael Schanze, 71, schrieb dafür die Musik und die Texte. Ein Projekt, das den in den späten 70er Jahren „1, 2 oder 3“ fragenden Moderator mit dem „Plopp“ zwei Jahre an Arbeit gekostet hat. Eine Arbeit, die Feingefühl verlangte, denn in den Texten sollte das Alpenländische vermittelt werden, andererseits die Melodie beschwingt und modern klingen.

„Ich wollte kein ,Musikantenstadl-Szenario‘ schaffen. Zu Beginn des gut zwei Stunden dauernden Stückes kommt eine Trachtengruppe zum Einsatz, das war es dann aber auch schon mit Volksmusik“, erklärt Schanze, der sich in den ver-gangenen Jahren selbst als Theaterschauspieler einen Namen gemacht hat und derzeit an der Oper in Bonn (D) im Stück „Kiss me Kate“ als „Ganove“ auf der Bühne steht. Mit Schmerzen in der rechten Wade. „Bei der Generalprobe habe ich mir einen Muskelfaserriss zugezogen, jetzt lagere ich zwischen den Vorstellungen
den Fuß hoch, schone ihn und versuche, so gut es geht, durch die Vorstellungen zu kommen. Daneben möchte ich natürlich bei den Proben in Wien sein, doch ich musste meinen Flug um eine Woche ver-schieben. Der Fuß ließ die Reise einfach nicht zu.“

Aber sein „Kind“ nimmt Gestalt an. Ein wunderbares Szenenbild mit der Almhütte im Vordergrund und den Bergen dahinter entführt die Besucher in das Reich von Uwe Kröger, 53. Der renommierte Musicaldarsteller verkörpert den Alm-Öhi und er ist damit Teil eines fabelhaften Ensembles, das dem Regisseur Manfred Waba zur Verfügung steht. Denn als reicher Geschäftsmann Herr Sesemann in Frankfurt agiert Alfons Haider, 60, und als dessen Gesellschafterin, Fräulein Rottenmeier, ist Maya Hakvoort, 52, zu sehen. Waba selbst konnte bereits jahrelang bei den Opern- und Operettenfestspielen in St. Margarethen und Mörbisch im Burgenland Akzente setzen.

Für die Titelrolle wurde die 23jährige Wienerin Vanessa Zips gewonnen. Eher durch Zufall, denn die Suche nach der geeigneten Heidi gestaltete sich schwierig. Zips, die bereits mit neun Jahren im Kinderchor der Wiener Volksoper auftrat, erfuhr nebenbei von dem Rollenangebot. Ein Glück, denn Schanze und Waba waren von der jungen Darstellerin begeistert. Da hatte sie noch keinen einzigen Ton gesungen. „Aber als ich sie sah, wusste ich sofort, das ist meine Heidi“, lacht der Komponist des Stückes. Vanessa Zips beeindruckte zunächst mit ihrem heiteren Gemüt und ihrem jugendhaften, beinahe kindlichen, Aussehen, danach mit ihrer kräftigen Stimme. Sie ist eine junge Frau, die weiß, was sie will und dabei keine Kompromisse eingeht. „Das war schon in der Schule so“, erinnert sie sich. „Ich war stets eine Einser-Schülerin.“ Wenn einmal ein Test danebenging, ärgerte sie sich tagelang. Wobei hier ein Zweier als „Patzer“ gemeint ist. „Ich habe während meiner Zeit am Gymnasium immer wieder frei bekommen, um an der Volksoper singen zu können. Oft genug habe ich dann zwischen meinen Auftritten hinter der Bühne die Hausaufgaben erledigt. Und naürlich musste ich den Lernstoff nachholen. Aber das war nie ein Problem. Ich war ein bisschen ein Streber, aber immer ein ehrgeiziger Mensch.“ Eng wurde es dagegen mit der Zeit, weil Zips nicht nur die Bühne für sich entdeckt hatte, sondern auch das Turnen. „Irgendwann ging sich beides nicht mehr aus. Doch der Theaterbühne gehört meine Leidenschaft, also gab ich das Turnen auf.“ Müssig zu sagen, dass die Matura fast schon nebenbei mit Auszeichnung abgelegt wurde.

Wie die Heidi ist Zips ein naturverbundener Mensch und ihren Eltern dankbar, dass sie ihr und ihren beiden jüngeren Brüdern, sie sind 20 und 21 Jahre alt, immer wieder die Möglichkeit boten, in den Bergen sein zu können. Vor allem in Vorarlberg. Sei es zum Wandern oder zum Schifahren. „Ich besaß zudem Jahre lang einen Hund, mit dem ich natürlich ebenfalls raus musste. Die Stadt ist für die Arbeit gut, zur Erholung fahre ich aufs Land. Weg vom harten Pflaster und dem grauen Beton.“

Eine gute Abwechslung dazu bietet das familieneigene Ferienhäuschen am ungarischen Plattensee. Dorthin zieht sich die 23jährige gern zurück, um abzuschalten und um Abstand vom hektischen Berufsleben zu gewinnen. Aber auch, um ihre Partien einzustudieren. Das macht sie in Wien freilich auch mit einer Trainerin. „In Ungarn kann ich mit meiner Oma auch ausreiten. Ich habe dort mein eigenes Pferd, das ist herrlich.“

Im Umgang mit Tieren ist Vanessa Zips also durchaus geübt, auf tierische Darsteller muss die 23jährige als Heidi allerdings verzichten. Ziegen gibt es auf der Bühne nicht. Freundschaft mit dem Ziegenpeter darf sie trotzdem schließen. „Sie fühlt sich in den Bergen sofort wohl“, sagt Zips über ihre Rollenfigur. Heidi ist ein unglaublich lebensfroher Mensch, vor allem, wenn wir bedenken, dass sie ihre Eltern eigentlich nicht kennengelernt hat. Bei ihrer Ankunft auf dem Berg ist Heidi mit acht Jahren etwas älter als im Originaltext von Spyri. Aber sie leidet genauso wie im Roman unter der Trennung vom Großvater und von ihren geliebten Bergen, als sie nach Frankfurt geholt wird. „Sie schließt zwar Freundschaft mit der im Rollstuhl sitzenden Klara und versteht sich auch wunderbar mit dem Mädchen, doch Heidi wird von Heimweh geplagt.“

Michael Schanze hat ihr dazu in einer der Schlüsselszenen des Stückes eine Ballade geschrieben. „Schlafwandelnd besingt sie die heile schöne Hochalm, wo der Großvater wohnt. Ihre Sehnsucht nach den Bergen, nach den Ziegen, nach Peter ist riesig.“ Einprägsame Melodien durchziehen das gut zweistündige Musical, das Schanze in 15 Liedern erzählt, wobei die Stücke immer wieder mit kleineren Melodien verbunden sind. Die als heitere Komponenten eingebaut wurden. Etwa dann, wenn sich das Hauspersonal über Fräulein Rottenmeier lustig macht, die sich vor Gespenstern fürchtet. Maya Hakvoort darf dafür in einer siebenminütigen Ballade ihren Frust über die tägliche Arbeit abladen.

Daneben bekommt die Handlung immer wieder traurige und dramatische Wendungen, weil Heidi auf die Alm zurückkehrt und eine verzweifelte Klara alleine lässt. Doch wie von Spyri niedergeschrieben, kommt die gelähmte Klara auf die Alm. „Das macht wieder den Peter eifersüchtig, weil er sieht, wie gut sich die beiden Mädchen verstehen“, lacht Zips. „Es ist wie ein Kindergartendrama, das wohl viele von uns kennen. Das Ende ist ja gut, weil Klara schließlich gehen kann. Es stellt sich heraus, dass ihre Behinderung psychischer Natur war.“

Für die 23jährige Wienerin, von der Michael Schanze überzeugt ist, dass sie ihren Weg gehen werde, wie er sagt, hat dieses Musical eine eindeutige Botschaft. „Jeder hat, wie auch die Heidi, sein Binkerl zu tragen. Aber wir sollten uns davon nicht irritieren lassen, sondern positiv denken und nach vorne schauen. Es bringt nichts, in Selbstmitleid zu versinken. Sie sagt an einer Stelle zu Klara: Schau, du kannst zwar nicht gehen, aber in deiner Fantasie kannst du alles machen. Heidi findet immer einen positiven Zugang zu einer Situation. Sie ist ein starkes Mädchen in ihrem Herzen. In diesen Punkten kann ich mich gut mit ihr identifizieren.“

Mit dem Musical „Heidi“ wird eine große und langjährige Tradition in Wien fortgesetzt. Und es ist bereits die zweite derartige Arbeit von Schanze, der mit der Kostümbildnerin Uschi Höhn zusammenlebt. Er hat bereits mit der Vertonung der „Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens rund um den geizigen Scrooge ein erfolgreiches Debut hingelegt. Dieses Stück ist dann im Dezember im Wiener Museumsquartier zu sehen.

Wer die Geschichte von Heidi mit-erleben möchte, kann sich unter der Wiener Telefonnummer 01/96096 oder übers Internet www.oeticket.com Karten organisieren.
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