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Ausgabe Nr. 38/2018 vom 18.09.2018, Fotos: Das Pflegewohnhaus Leopoldstadt im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist riesig. Es bietet 300 hilfsbedürftigen Menschen Platz. Viele sind chronisch krank oder bedü, picturedesk
Rosemarie Isopp
Rosemarie Isopp moderierte von 1957 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1988 fast 3.000 Sendungen von „Autofahrer unterwegs“. Mit den Kollegen Michael Schrenk, Hubert Wallner, Günther Bahr und Herbert Suchanek (v. l.).
„Ich möchte so gerne wieder nach Hause“
Sie war eine der sympathischsten Stimmen im Radio. Fast 3.000 Mal hat Rosemarie Isopp die beliebte Sendung „Autofahrer unterwegs“ zur Mittagszeit moderiert. Die Sendung wurde vierzig Jahre lang ausgestrahlt. Damit schrieb sie mit ihren Kollegen Radio-Geschichte. Und sie ist vielen noch in bester Erinnerung. Doch der mittlerweile 90jährigen geht es gesundheitlich schlecht. Sie muss in einem Wiener Pflegewohnheim betreut werden.
Das Pflegewohnhaus Leopoldstadt im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist riesig. Es bietet 300 hilfsbedürftigen Menschen Platz. Viele sind chronisch krank oder bedürfen nach einer Operation der medizinischen Betreuung und der Hilfe im Alltag. Wie jene Dame in Zimmer Nummer 19 im zweiten des Hauses. Hier hat es sich Professor Rosemarie Isopp, die frühere Moderatorin der beliebten Radio-Sendung „Autofahrer unterwegs“ ein wenig heimelig eingerichtet. Prägend in ihrem Einbettzimmer sind die zahlreichen Elefantenfiguren. Die 90jährige sammelt sie seit vielen Jahren. „Daheim habe ich 2.000 Stück stehen.“ Wenn jetzt Besucher kommen, bringen sie Dickhäuter in unterschiedlichsten Materialien und Größen mit. „Zwölf Stück stehen schon herum“, lacht Isopp, die seit 5. Mai des Vorjahres in diesem Zimmer lebt.

Sie kann sich derzeit nur im Rollstuhl fortbewegen. Denn Isopp leidet unter den Folgewirkungen mehrerer Operationen. „Ich bin ziemlich schwach, weil ich nichts esse. Die Schwestern und Pfleger ermutigen mich immerzu, doch etwas zu essen, aber ich habe keinen Appetit. Mir geht es nicht gut.“ Immer, sagt die am 13. Oktober 1927 in Wien geborene Schauspielerin und Moderatorin, sei sie gesund gewesen. „Mein Schwager, der unser Familienarzt war und mich regelmäßig untersucht hat, meinte stets zu mir, ich sei ein g‘sunder Hund. Jetzt bin ich ein kranker Hund.“

Für die Wienerin, die Zeit ihres Lebens umtriebig gewesen ist, ein schwer zu ertragender Zustand. Isopp hat eine abgeschlossene Schauspielausbildung und war eine Zeitlang am Linzer Landestheater in Oberösterreich engagiert. Sie stand dort unter anderem mit Waltraut Haas auf der Bühne und lernte in Charlie König jenen Mann kennen, den sie ehelichte. „Er war mein erster Mann überhaupt“, erinnert sich die 90jährige. „Ich war verrückt nach ihm. Weil meine Mutti zu mir gesagt hat, dass es ein Verhältnis nicht geben dürfe, habe ich ihn im Alter von 21 Jahren geheiratet. Aber nach fünf Jahren war diese Ehe schon wieder beendet. Charlie wurde ziemlich taktlos, er hat als Deutscher immer wieder auf unser Land geschimpft, obwohl er wusste, wie sehr ich es liebe. Das hat mich von ihm entfremdet.“ Ein weiteres Mal wollte Rosemarie Isopp den Bund fürs Leben nicht mehr eingehen, auch wenn es immer wieder Beziehungen gab. „Ich habe mich schnell und oft verliebt“, meint sie. „Aber binden wollte ich mich nicht mehr, weil ich mit meinem Beruf verknüpft war und mich die Arbeit mehr interessiert hat. Auch bin ich gerne gereist.“

Schaffte sie es als Schauspielerin nicht, die ganz großen Lorbeeren zu ernten, konnte sie sich mit der Moderation der Sendung „Autofahrer unterwegs“ ein Denkmal setzen. Zwischen 1957 und 1988 moderierte Isopp, der im Jahr 1983 der Titel der „Professorin“ verliehen wurde, fast 3.000 Mal die Unterhaltungs- und Informationssendung zur Mittagszeit. Neben Kollegen wie Günther Bahr, Michael Schrenk und Kurt Votava. „Wir hatten immer interessante Gäste in der Sendung“, erzählt Isopp. „Einmal führte ich ein Gespräch mit Gunther Philipp, mit der Sängerin Nana Mouskouri, mit Peter Kraus, aber auch mit Udo Jürgens. Er war ein Charmeur, ich mochte ihn. Eine große Bedeutung hatte aber auch das Läuten von Glocken um Punkt zwölf Uhr. Es kam stets von einer anderen Pfarrkirche unseres Landes. Es rief die Menschen zum Mittagstisch.“

Als Isopp dann im Jahr 1987 in Pension ging, öffnete sich für sie das Tor zur Welt. Wie viele Länder sie bereist hat, weiß die Wienerin gar nicht. Einige Dutzend sind es bestimmt. „Nach China bin ich 20 Mal gereist, auch in Vietnam und Kambodscha war ich.“ Sie fungierte als Reiseleiterin, hielt Vorträge und schrieb daneben Bücher. Bis 2015 war Isopp tätig. Dabei war sie vor zehn Jahren bereits tot.

„Mir wurde im Alter von 80 Jahren ein Herzschrittmacher eingesetzt. Während der Operation blieb plötzlich mein Herz stehen, doch die Ärzte haben mich reanimiert. Als ich das später erfahren habe, war ich ziemlich böse. Es wäre schön gewesen, auf diese Weise hinüberzugleiten, denn ich habe ja nichts gespürt. Die Ärzte rechtfertigten sich, dass sie mir helfen wollten. Also bin ich dem Tod noch ein Mal von der Schippe gesprungen. Aber ich wäre gern gestorben. Danach ging es mir eigentlich recht gut, bis zum November des Jahres 2016. Ich bekam plötzlich Durchfall, über lange Zeit und äußerst heftig. Krebs war es nicht, aber ich musste operiert werden und bekam einen künstlichen Darmausgang, den ich immer noch habe.“ In ihren eigenen vier Wänden konnte Isopp nicht bleiben, weil sie keine familiäre Unterstützung hatte. Ihre um sieben Jahre jüngere Schwester lebt bei ihrer Tochter im deutschen Hannover. Nur zwei Mal haben sich die Schwestern gesehen, seit Rosemarie Isopp im Pflegewohnheim untergebracht ist.

Verlief die Genesung von der schweren Darmoperation
schon schleppend, verschlimmerten weitere Leiden den Zustand der beliebten Moderatorin. „Die Ferse am rechten Fuß hat sich schwarz gefärbt, das Gewebe wurde nicht ordentlich durchblutet. Deshalb musste ich vor drei Monaten an der Leiste operiert werden, um die Durchblutung wieder zu regeln. Langsam kehrt die alte Farbe zurück“, sagt Isopp, für die diese Zeit ziemlich schwer ist. Sie ist hin- und hergerissen zwischen Todessehnsucht und dem Leben. Damit sie sich ihren größten Wunsch erfüllen kann. „Ich möchte so gerne wieder nach Hause.“

Doch noch beherrscht der Betrieb des Pflegewohnheimes ihren Alltag, der für Isopp zumindest in gewohnter Manier beginnt. „Ich schlafe ziemlich lange“, lacht sie. „Zum Leidwesen der freundlichen und lieben Schwestern und Pfleger. Aber ich bin das so gewöhnt. Ich bin mein Leben lang spät zu Bett gegangen und spät aufgestanden. Ich werde gegen zehn Uhr munter und anschließend gewaschen und gepflegt. Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen. Auf das Frühstück verzichte ich, da schlafe ich lieber. Zu Mittag bekomme ich fast nichts hinunter. Vielleicht ein bisschen was Flüssiges und Salat. Wenn ich drei Zwetschkenknödel bekomme, schicke ich zwei wieder zurück. Nach dem Essen lese ich viel. Und ich bekomme oft Besuch. Es ist ein Glück, dass ich viele Freunde habe. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich so viele Freunde habe. Darunter ist eine liebe Opernsängerin. Sie ist Ungarin und versorgt mich mit Lebensmitteln. Sie hat mir auch einen kleinen Kühlschrank gebracht. Sogar selbstgekochte Suppe bringt sie mir vorbei.“

Ihre Schwester Hilde vermisst Rosemarie Isopp allerdings schon. Weil sie mit ihr stets eng verbunden war, wie sie sagt. „Es ist kaum vorstellbar, dass wir uns in der Kindheit ständig gestritten haben“, erinnert sich die Wienerin. „Davon war in unserem Erwachsenenalter nichts mehr zu bemerken. Wir galten für jeden als Einheit. Meine Schwester hat früher alles für mich gemacht. Sie hat mich auch im Haushalt unterstützt, denn damit konnte ich nie viel anfangen. Ich wollte mich auf meinen Beruf konzentrieren. Das konnte ich mit Hilfe meiner Schwester machen. Aber jetzt ist sie bei ihrer Tochter in Deutschland und ich vermisse sie sehr. Andererseits bin ich froh, sie dort gut aufgehoben zu wissen. Meine Schwester musste ja auch operiert werden. Jetzt telefonieren wir mehrmals am Tag.“

Zur Ruhe kommt die Frau Professor erst tief in der Nacht. Nicht vor ein Uhr oder zwei Uhr, wie sie sagt. Für einen neuen Tag, der besser sein soll als der vorangegangene. „Ich hoffe, dass ich bald wieder gehen und meinen 91. Geburtstag ordentlich mit Freunden feiern kann.“ Was sie sich wünscht? „Gesunde Menschen haben viele Wünsche, Kranke nur einen und den hab ich auch. Gesund zu werden.“ Pum
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