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Ausgabe Nr. 38/2018 vom 18.09.2018, Fotos: Getty Images, picturedesk
Immer öfter beschäftigen sich Eltern lieber
mit dem Telefon als mit ihren Kindern
Emil (2. v. li.) demonstrierte mit anderen Kindern gegen zu viel Handynutzung der Eltern.
Halloooo Mamaaa!
In Hamburg (D) sind Kinder jetzt auf die Straße gegangen. Aus Protest, weil Erwachsene zu häufig auf das Mobiltelefon starren. Ein Phänomen, das um sich greift. Und einschneidende Folgen für die Kinder und ihre Entwicklung haben kann.
Auf den selbstgebastelten Plakaten stand: „Wir sind laut, weil ihr nur aufs Handy schaut“ oder „Am Sandkasten bitte Handyfasten“. Rund 150 Teilnehmer zählte die Polizei Anfang September bei der Kinder-Demonstration in Hamburg (D). Der siebenjährige Emil hatte die Idee zum Protestzug, seine Eltern meldeten die Demo an. „Spielt mit mir, nicht mit euren Handys“ war das Motto.

Immer öfter beschäftigen sich Erwachsene lieber mit dem Smartphone als mit dem Nachwuchs. Bei unseren Nachbarn läuft sogar schon eine Plakataktion gegen die Handy-Sucht. „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ wird darauf etwa gefragt. Demnächst hängen die Plakate auch in Berlin. „Manchen Eltern ist gar nicht bewusst, dass sie manchmal ihren Smartphones mehr Aufmerksamkeit widmen als ihren Kindern“, sagt die dortige Familiensenatorin.

Erst jüngst hat eine Studie gezeigt, dass Mütter und Väter, die ständig auf den Bildschirm schauen, ihren Kindern Schaden zufügen. Wutanfälle und Verhaltensauffälligkeiten können die Folge sein.

Trotzdem sind auf den Straßen oft Eltern zu sehen, die den Kinderwagen schieben oder ein Kleinkind an der Hand haben, aber statt mit ihm zu reden, in ihren „Taschencomputer“ versunken sind. „Das beobachte ich leider auch“, sagt die Kinder- und Jugendpsychologin Monika Pataky-Ifkovits. „Manchmal werden Kinder sogar mit Smartphone und iPad ruhiggestellt. Eine Entwicklung, die großes Unbehagen in mir auslöst.“ Denn „der Dialog mit dem Kleinkind und das Benennen von Abläufen und Gefühlen sind im Alltag eine wichtige Voraussetzung für die Sprachentwicklung.“

Eltern sollten sich so oft wie möglich den Kindern widmen, ohne nebenbei noch schnell E-Mails zu verschicken oder Neuigkeiten im Internet abzurufen. „Vor allem aber beim gemeinsamen Essen, Spielen und beim Abendritual ist es wichtig, ungestört auf die emotionalen Bedürfnisse der Kinder ohne irgendeine Ablenkung einzugehen.“ Diese Zeit ist wertvoll für die Beziehung, bei kleinen und bei älteren Kindern.

Monika Pataky-Ifkovits empfiehlt zudem eine „medienfreie Zeit“ für Familien. „Das heißt, kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon, kein Computer, kein iPhone, kein Tablet. So können wir alle lernen, einander mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuzuhören.“ Aber auch miteinander zu spielen, in den Wald zu gehen, die Natur zu entdecken oder etwas zu basteln. Für die Entwicklung unserer Kinder ist das bestimmend.

Die wichtigsten Vorbilder für die Medien-Nutzung sind die Erwachsenen. Die Kinder „machen nach, was ihnen die Eltern vormachen“, schreibt der Hirnforscher Manfred Spitzer in seinem Buch „Cyberkrank – wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“. Das Smartphone müssten wir benutzen „wie beispielsweise Salz beim Essen. In sehr geringen Dosen macht es alles schmackhafter. In höheren Dosen oder gar als Hauptbestandteil der Nahrung ist es schädlich bis tödlich.“

Zu den Jugendlichen hat sich dieser Rat noch nicht herumgesprochen. Sie haben das Mobiltelefon rund um die Uhr in der Hand. Sofort nach dem Aufstehen, in der Schule, wenn sie sich mit Freunden treffen und am Abend vor dem Schlafengehen. 150 Mal pro Tag schauen sie auf den Bildschirm. In einer jüngsten Umfrage gab nur jeder sechste 15- bis 25jährige an, eine Woche problemlos auf das Smartphone verzichten zu können. Noch weniger wollen dem Internet entsagen.

Das hat Auswirkungen, auch auf die Aufmerksamkeit und den Lernerfolg. Eine Untersuchung zeigte, dass sich Studenten im Schnitt nur knapp sechs Minuten auf eine Angelegenheit konzentrieren konnten, bevor sie wieder eine Textnachricht schrieben oder das Internet durchforsteten.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer ist einer der vehementesten Kritiker der künstlichen Bildschirm-Welt. „Digitale Medien beeinträchtigen die Gehirnentwicklung und erzeugen Sucht. Alkohol auch“, formuliert er in seinem Buch. Früher wurde nicht selten der Schnuller mit Schnaps getränkt, damit Babys schlafen. „Heute sind wir darüber entsetzt. Wie lange wird es noch dauern, bis wir über die heutige Elterngeneration sagen werden: „Sie haben was? Kinder vor Bildschirme gesetzt?“
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