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Ausgabe Nr. 35/2018 vom 28.08.2018, Foto: Judith Maria Trölß
Ein wenig Entspannung in der Hängematte. Kern in seinem Urlaubsdomizil in Kärnten.
„Für die Menschen hier am
Millstätter See bin ich der Christian“
Am Ufer des Millstätter Sees in Kärnten macht der SPÖ-Chef Christian Kern, 52, seit vielen Jahren Urlaub mit der Familie. Er liebt die Idylle des Sees und die lockere Atmosphäre. Für die Bewohner ist er mittlerweile einer von ihnen. Bei gutem Essen und reichlich Sport tankt der Oppositions-Chef Kraft für die kommenden Termine. Einer der wichtigsten ist der 6. Oktober. Dann möchte er sich als Parteivorsitzender bestätigen lassen.
Am Kärntner Millstätter See verbringt der SPÖ-Chef Christian Kern, 52, seit vielen Jahren seinen Urlaub. Er genießt die Natur, die Sportmöglichkeiten und er schätzt die ungezwungene Atmosphäre, weg vom Schickimicki Wiens. Wie jene der „Villa Verdin“, seines bevorzugten Gasthauses. Dort trafen wir Kern zum Gespräch über das umstrittene Programm seiner Partei, über Widersacher und die Zukunft unseres Landes.

Der Gastgarten ist herrlich, er liegt direkt am See und ist schön schattig …
Ja, und der See schillert zu jeder Stunde des Tages in einer anderen Farbe. Dazu kommt, dass am Millstätter See mit Bausünden gespart wurde, das heißt, das Ufer ist herrlich grün.

War das ausschlaggebend dafür, dass Sie mit Ihrer Familie diese Region zu Ihrem Feriendomizil auserkoren haben?
Ja, wir lieben die Ruhe. Hier herrscht noch der Charakter der Sommerfrische. Es gibt herrliche Wanderwege, ich fahre Rad und schwimme natürlich im See. Das ist äußerst entspannend.

Werden Sie von den Menschen hier noch als Herr Kanzler
angesprochen?

Hier nicht, für die Menschen vor Ort bin ich der Christian. Aber sonst kommt es schon noch vor. Das ist in unserem Land so, da hast du einen Titel auf Lebenszeit. Ich brauch‘ das für mein Lebensglück allerdings nicht.

Aber Sie wollen wieder Kanzler werden?
Natürlich. Zunächst steht jedoch der Parteitag am 6. Oktober an. Dort möchte ich als SPÖ-Chef bestätigt werden. Ich gehe davon aus, dass es auch so kommt.

Und Hans Peter Doskozil? Er hat zuletzt Ihr Partei-Programm hart kritisiert und meinte, es sei eine
„grün-linke Fundi-Politik“?

Die Aussage von Doskozil wurde, so denke ich, ein wenig überbewertet. Er hat Grundsatzkritik geübt, die logisch ist, denn niemand will eine grün-linke Fundi-Partei aus der SPÖ machen. Und er hat auch darauf hingewiesen, dass wir uns mit der Migration beschäftigen müssen. Klar, deswegen wurden ja er und Peter Kaiser auch beauftragt, ein neues Konzept dafür zu erarbeiten. Insofern würde ich sagen, was er gesagt hat, dem kann jeder von uns zustimmen.

Aber Migration ist kein Hauptthema für die SPÖ oder doch?
Wir haben vier große Felder definiert. Das eine ist natürlich Arbeit und Soziales, da verändert sich unsere Welt. Das zweite ist Europa, das dritte ist der Klimawandel und das vierte Feld ist der Umgang mit der Migration.

In Deutschland werden 400.000 junge Arbeitskräfte benötigt. Wenn wir das auf unser Land umlegen, werden wir 40.000 brauchen. Sind die unter den Migranten zu finden?
Es ist kein Patentrezept, zu glauben, dass Migration diese Frage löst. Wichtig ist die Qualifikation. Wir haben zudem eine hohe Zahl an Arbeitslosen, sie zu reduzieren, habe ich in meiner Kanzlerzeit versucht. Und zwar, in dem wir massiv Programme zur Intensiv-Facharbeiterausbildung geschaffen haben. Dadurch war es möglich, in kurzer Zeit einen Abschluss nachzuholen und sich zu qualifizieren.

Haben Sie Zahlen, wie viele Arbeitskräfte wir in den nächsten ein, zwei Jahren wirklich brauchen?
Wir haben im vergangenen Jahr 80.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, das war noch unter meiner Kanzlerschaft. Wenn die Wirtschaftsdynamik so weitergeht, werden es sicherlich noch einmal so viele sein. Einen Teil machen Zuwanderer aus dem EU-Raum aus – es sind viele Deutsche darunter –, der andere Teil wird durch gezielte Einwanderung abgedeckt. Auf deren Qualifikation müssen wir allerdings achten. Ein Teilaspekt ist dabei besonders wichtig. Die Deutschen suchen derzeit 50.000 Pflegerinnen und Pfleger. Wir werden etwa 5.000 benötigen und stehen in Konkurrenzkampf mit den Deutschen. Hier wird es ums Geld gehen, die Pflegerinnen aus Osteuropa werden sich jene Stelle aussuchen, für die sie am besten bezahlt werden. Ich habe bei meiner Mutter gesehen, wie wichtig gutes Pflegepersonal ist. Sie benötigte zuletzt eine 24-Stunden-Betreuung. Sie wurde von zwei äußerst fleißigen Slowakinnen betreut, denen ich mehr bezahlt habe, als sie bekommen sollten. Aber das muss sich jemand leisten können.

Eine Betreuung rund um die Uhr bedeutet lange Arbeitszeiten. Ab 1. September darf bis zu zwölf Stunden am Tag gearbeitet werden und bis zu 60 Stunden pro Woche. Wie sehen Sie diese Möglichkeit des längeren Arbeitens?
Wir müssen die Arbeitszeit und die Arbeit in Zukunft fair verteilen. Wir werden schneller, als wir alle glauben, eine massive Arbeitszeitverkürzungsdebatte haben. Im Moment zeichnet sich das nicht ab, weil die Nachfrage nach Arbeitskräften hoch ist, aber diese Entwicklungen kommen nicht schleichend, sondern sie passieren abrupt. Und wir werden dann die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden reduzieren.

Müsste nicht auch die Kindererziehung einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen?
Auf jeden Fall. Ich glaube, wir Sozialdemokraten haben dafür das Bewusstsein. Die ÖVP und die FPÖ sind Parteien, die glauben, der Markt und der Kapitalismus regeln alles. Wenn die Unternehmen weniger Steuern zahlen, werde deren Meinung nach alles gut. Ein Irrtum, der Staat muss bewusst eingreifen.

Was ist schlecht daran, wenn sich der Markt selbst reguliert?
Weil er es eben nicht tut. Wir müssen darauf schauen, dass auch jene Menschen, die nicht von ihrem Vermögen leben können, über die Runden kommen. Deshalb müssen wir im Auge behalten, wie die Arbeit und das Einkommen verteilt werden. Im Vorjahr sind die Dividenden der börsennotierten Unternehmen hierzulande um 35 Prozent gestiegen, gleichzeitig sind die Einkommen nur um 1,5 bis 2 Prozent gestiegen. Da stimmt was nicht.

Sind für Sie 1.500 Euro Mindestpension zu hoch?
Keineswegs, wir haben ja diese 1.000 Euro Ausgleichszulage eingeführt, sie gilt für Menschen nach 30 Arbeitsjahren. Das war einmal ein erster Schritt.

Wie beurteilen Sie die Politik der ÖVP-FPÖ-Regierung?
Hier wird Politik für die Wohlhabenden gemacht. Es ist dramatisch, wenn der kleine Bürger für den Kauf einer Wohnung Grunderwerbssteuer zahlen muss, große Immobilienspekulanten nicht. Wenn ich mir dann anschaue, wer den ÖVP-Wahlkampf bezahlt hat, wird klar, warum das so ist, denn da waren viele Immobilienunternehmer involviert. Das ist nicht die Politik, die wir mittragen können.
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