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Ausgabe Nr. 32/2018 vom 07.08.2018, Fotos: picturedesk.com, Morlock
Was die Gäste nicht mitbekommen sollen, ist die angespannte Situation der Kellner. Sie sind überfordert und unterbezahlt.
Die dunkle Seite beim Urlaub am Wörthersee
Das Wetter in unserem Land ist derzeit glühend heiß, rund um den Wörthersee in Kärnten herrscht jedoch Eiszeit. Denn die Stimmung ist im südlichsten Bundesland im Keller. Grund sind saftige Preiserhöhungen, Wirte, die keine Mitarbeiter finden und Kellner, die über geizige Urlauber sowie zahlreiche Überstunden klagen.
Das wird heuer meine letzte Saison am Wörthersee. Mir reicht es“, sagt die aus der Steiermark stammende Kellnerin Barbara Spitzer (Name von der Redaktion geändert). Die 31jährige ist seit 15 Jahren als Kellnerin tätig, zum zweiten Mal am Ufer unseres mit fast 17 Kilometern längsten Sees. Und obwohl sich die Kärntner Landes-Touristiker über steigende Besucherzahlen freuen, im Vorjahr wurden zum ersten Mal mehr als drei Millionen Ankünfte und 13 Millionen Nächtigungen verzeichnet, ist das Klima hinter den Kulissen frostig.

Mit dem Spruch „Urlaub bei Freunden“ wurde jahrelang Werbung für einen Aufenthalt in unserem südlichsten Bundesland geworben. Die landschaftlichen Reize zwischen Bergen und Seen taten ein Übriges. Doch einige dieser Freunde sind sauer, vornehmlich die Kellner und Kellnerinnen, arbeitende Menschen wie Spitzer, die den Urlaub angenehm gestalten sollen. Aber die Motivation ist dahin. „Ich verdiene knapp 1.700 Euro brutto und bekomme am Monatsende 1.350 Euro netto heraus, trotz meiner 15jährigen Berufserfahrung. Meine bislang letzte Gehaltserhöhung ist drei Jahre her und machte damals 27 Euro netto aus. Beinahe jeden Tag mache ich sechs Überstunden, weil wir zu wenig Personal haben. Kein Wunder, unter diesen Arbeitsbedingungen will niemand mehr tätig sein. Die Überstunden bekomme ich nur zum Teil ausbezahlt, Zeitausgleich kann ich mir aber aufgrund des Personalmangels nicht nehmen.“

Eine Situation, die rund um den Wörthersee vorzufinden ist, wie ein 29jähriger Kellner eines hochpreisigen Restaurants bestätigt. „Ich muss jeden Tag fünf Überstunden machen und erhalte für diese Knochenarbeit gerade einmal 1.390 Euro netto. Deshalb möchte ich umschulen und mein Glück als Anzeigenberater versuchen.“

Denn selbst mit dem Trinkgeld als Zubrot, um den kargen Lohn aufzubessern, können die Kellner nicht mehr rechnen. „In einer Region, in der Reich und Schön zu Hause sind, sollte doch das Geld locker sitzen. Ein Irrtum. Ich bekomme kaum Trinkgeld, was wohl auch daran liegt, dass die Preise ständig steigen. Im Monat erhalte ich vielleicht 40 Euro Trinkgeld, vor drei Jahren habe ich noch gut 180 Euro bekommen“, beklagt Spitzer. „Freundlich sollen wir aber schon sein.“

Dafür schlagen die Wirte auf. Kostete das Wiener Schnitzel im „Restaurant Seespitz“ in Velden im Jahr 2016 noch 24,50 Euro, müssen die Gäste in diesem Jahr bereits 26,50 Euro dafür bezahlen. Eine Erhöhung um acht Prozent. Der Aperol Spritzer mit Prosecco (0,25 l) wurde von 7,50 Euro (2015) auf 8,50 Euro erhöht (plus 13 Prozent). Auch im „Sol Beach Club“ in Velden legten die Preise zu. „Die Speisen haben wir zum vorigen Jahr um 20 Cent erhöht, die Getränke um 70 Cent. Der Aperol Spritzer kostet heuer 7,80 Euro“, erklärt eine Mitarbeiterin. Wenn ein Gast das in Anspruch nehmen möchte, was für ein Restaurant am See typisch ist, werde er ordentlich zur Kasse gebeten, erklärt die Kellnerin. „Wir verlangen eine Mindestkonsumation von 150 Euro, wenn jemand direkt auf der Terrasse am Wörthersee speisen möchte. Dieser Bereich ist exklusiv, er bietet nur acht bis zwölf Personen Platz.“

Dass die Gäste immer sensibler und geiziger werden, weiß auch Stefan Sternad, Betreiber des „Restaurant Pavillon“ in Velden. Der 33jährige ist zudem der Sprecher der rund 3.900 Kärntner Gastronomen und kennt die Problematik rund um den Wörthersee. „Es ist schwer, gutes Personal zu bekommen. Ich habe für die heurige Sommersaison händeringend einen Pizzakoch gesucht, aber keinen gefunden. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Pizzen von unserer Karte zu streichen“, so der Wirte-Obmann. 1.800 Euro netto im Monat bei einer 44-Stunden- und 6-Tage-Woche hätte Sternad für diese Stelle bezahlt.

Wie dramatisch die Situation ist, belegt Peter Wedenig, vom Arbeitsmarktservice Kärnten, mit Zahlen. „Alleine in Velden gibt es derzeit 58 offene Stellen für Kellner. Im Bezirk Klagenfurt sind 82 Stellen frei. Im Bereich Tourismus hat sich in den vergangenen Jahren in Kärnten einfach viel getan“, lautet Wedenigs Erklärung. Doch die Gastwirte sind kaum bereit, viel mehr als nach dem Kollektivvertrag zu bezahlen. Danach bekommt ein Kellner mit Lehrabschlussprüfung gerade einmal 1.300 Euro netto im Monat. „Neben der schlechten Bezahlung ist vor allem auch das Vorgesetztenverhalten und die Arbeits-Atmosphäre rund um den Wörthersee letztklassig und viele Chefs lassen ihre Mitarbeiter ,ausbluten‘, dass sie am Ende der Saison körperlich und seelisch am Boden sind“, sagt Barbara Spitzer. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, warum immer mehr Menschen der Gastronomie den Rücken kehren.

„Mir sind 25 Fälle bekannt, dass ehemalige Kellner und Köche vom Wörthersee nun bei einer Technologiefirma in Villach untergekommen sind. Dort verdienen sie gut, haben eine geregelte Arbeitszeit und am Wochenende immer frei. Das gibt es in der Gastronomie nicht“, sagt Guntram Jilka von der Wirtschaftskammer Kärnten. Auch er sieht das Image des Wörthersees dahinschwinden. „Einzelne Betriebe treiben es mit den Preisen auf die Spitze. Auch was das äußere Erscheinungsbild der Restaurants betrifft, ist sicherlich noch Luft nach oben vorhanden. Ich kann nur jedem Gast raten, wenn die Qualität nicht passt, das sofort vor Ort kundzutun, damit der Wirt auch die Chance hat, es besser zu machen“, meint Jilka.
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