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Ausgabe Nr. 29/2018 vom 17.07.2018, Fotos: Küstenbrück, zvg
Mountainbike-Weltmeister Daniel Federspiel tritt in Graz bei der Heim-EM in die Pedale
Federspiel mit Freundin Julia
Der rasende Schulwart
Vormittags tauscht Daniel Federspiel, 31, als Schulwart in Imst (T) Glühbirnen aus. Doch nach Schulschluss rast der Tischler auf seinem Mountainbike auf und davon, er ist Doppelwelt- und Doppeleuropameister in der Klasse „Eliminator“. Bei der Heim-EM in Graz will er die Medaillensammlung vergrößern.
Schon lange kann er in Imst (T) nicht mehr unerkannt durch die Straßen spazieren, fast alle kennen den „rasenden Schulwart“ Daniel Federspiel, 31, und jeder große Titel wurde in seinen zwei Schulen und zwei Kindergärten von Pädagogen wie Schülern ausgiebig gefeiert. „Die meisten Kinder wissen längst, dass ich nicht nur die Haustechnik überwache, sondern auch ein Rad-Weltmeister bin“, schmunzelt er, der seit 2012 bei der Stadtgemeinde Imst angestellt ist. „Die Kleinen wollen oft meine Medaillen sehen und haben mir schon Plakate gebastelt und Bilder gemalt“, erzählt er von seinen jüngsten Anhängern.

Zu feiern gab es schon viel, 2013 und 2014 krönte sich Federspiel zum Europameister, 2015 und 2016 sogar zum Weltmeister in der Sparte „Eliminator“, in der neben anderen Disziplinen auch bei der von 25. bis 29. Juli in Graz stattfindenden Mountainbike-Europameisterschaft in der Innenstadt rund um den Karmeliterplatz die Medaillen vergeben werden. Dort wird auch die erst 17jährige Junioren-Weltmeisterin und -Europameisterin Laura Stigger aus Tirol starten, die schon jetzt als großes Versprechen für ihre kommende Zeit in der Elitegruppe gilt und bei Medaillen an Federspiels Erfolge anschließen könnte. „Mir ist die Eliminator-Klasse auf den Leib geschneidert“, beschreibt Federspiel jene Sportart, in der vier gleichzeitig startende Fahrer im Duell Rad an Rad wechselnd auf Stadt- oder auch Geländekursen Hindernisse wie Sprünge, Stufen oder enge Kurven
meistern müssen. „Die Athleten brauchen dazu Schnellkraft, Mut und Körperbeherrschung. Ich bin auf Anhieb mit den kurzen, nur wenige Minuten dauernden Rennen über die Distanz von meist 500 Metern ausgezeichnet zurechtgekommen, denn mir wurde der perfekte Körper dafür in die Wiege gelegt. Laut sportwissenschaftlichen Tests sind meine schnellen Muskelfasern stark ausgeprägt.“

Dass der Drahtesel eines Tages seine Welt bedeuten würde, zeichnete sich schon früh ab. „Schon mit eineinhalb Jahren erhielt ich mein erstes Fahrrad, mit zwei konnte ich bereits
ohne Stützräder fahren“, erinnert sich Federspiel daran, wie er den elterlichen Hof unsicher machte. Allerdings hätten ihm Mutter und Vater vielleicht eher einen Tennisschläger geschenkt, hätten sie gewusst, welche gesundheitlichen Opfer der Sport fordert. „Es ist zum Teil schon halsbrecherischer Wahnsinn, den wir auf den Rädern absolvieren“, seufzt der Imster, der die Unfallstatistiken kennt. „Wir rasen noch dazu ohne Ellbogen-, Knie- oder Rückenschutz, denn das würde Gewichtsnachteile bedeuten.“ Einige böse Stürze zogen bei Federspiel etwa einen Schlüsselbeinbruch und eine hartnäckige Knieverletzung nach sich, aber auch der Stress hinterließ Spuren. „Vor zwei Jahren prallte ich bei einem Rennen gegen einen Baum, weil ich auf einem Auge nichts mehr sehen konnte“, erzählt der Tiroler. Die Ärzte fanden
freilich kein Augenleiden, sondern diagnostizierten Stress als Auslöser der Kurzzeit-Blindheit. „Das war der negative Höhepunkt einer schlimmen Zeit, in der ich mich auf der Jagd nach dem dritten WM-Titel selbst so unter Druck gesetzt hatte, dass ich mental neben mir stand.“

Heute weiß der rasende Schulwart mit Rückschlägen besser umzugehen, auch mit dem plötzlichen Ausstieg eines jahrelangen großen Förderers, der ihm vor Kurzem den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte. Doch dank neuer Unterstützung der Tiroler „Hammerle-Hotels“ darf Federspiel nun auf sein fünftes Gold losradeln. Bevor er in ein paar Jahren mit Freundin Julia, einer früheren Alpin-Schisportlerin, an Wohnungssuche und Familienplanung denkt, möchte er aber noch einige Jahre seiner Rad-Leidenschaft widmen, allerdings nicht in der Spezialsparte. „Keiner weiß, wie es international mit dem Eliminator-Weltcup weitergeht. Deshalb werde ich mich künftig auf Straßenrennen verlegen, da winken mir noch ein paar schöne Erfolge.“

Eines freilich wird ein Fixstern in seinem Leben bleiben, der Schulwart-Posten. „Für mich ist er mehr als ein Brotberuf, sondern eine Berufung“, betont Federspiel. „Es macht mir Spaß, mit Kindern zusammenzusein und er ist perfekt, um vom Radrennsport abzuschalten.“ Wolfgang Kreuziger
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