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Ausgabe Nr. 26/2018 vom 26.06.2018, Fotos: universal music/Tom Beard
Florence Welch
Am Freitag kommt das hörenswerte vierte Album von „Florence + the Machine“ auf den Markt.
„Ich möchte am liebsten alle Mädchen beschützen“
Sie wirkt feengleich. In ihrem langen, weiten Kleid und dem feuerroten Haar, das ihr tief in die Stirn fällt, macht Florence Welch, 31, aus England keinen alltäglichen Eindruck. Der spiegelt sich auch in ihren Liedern wider. Mit ihrer Band „Florence + the Machine“ veröffentlicht sie am Freitag ein neues Album mit dem Titel „High As Hope“. Eine Frau, die sich nicht verstellt und sich freut, für andere Frauen ein Vorbild zu sein, wie sie der WOCHE-Reporterin Katja Schwemmers erzählt hat
Frau Welch, sehen Sie sich als Stil-Ikone?
Eigentlich nicht. Schön ist, dass ich immer nur das trage, in dem ich mich wohlfühle. Wenn das anderen Menschen gefällt, ist das nett, aber mein Plan war nicht, ein Mode-Exempel zu statuieren. Mein Stil mag recht eigenwillig sein, aber er blieb immer gleich. Gib mir ein langes Kleid mit Muster, wenn es dann noch flattert, bin ich zufrieden.

Den Stress Ihrer Kolleginnen, sich bei jedem Album neu erfinden zu müssen, machen Sie sich nicht?
Nein, das ist ermüdend. Als Künstlerin versuche ich, mit jedem Album dem Kern, wer ich bin, näherzukommen. Dazu gehört auch, mutig genug zu sein, mein Innerstes aufzudecken und meine Verletzlichkeit zu offenbaren.

Und das tun Sie mit dem neuen Album „High As Hope“?
Absolut. Bei meinem ersten Album war alles noch viel dramatischer und kostümierter. Das war mein Schutz und funktionierte wie eine Rüstung. Die Haare waren hellrot, ich hatte keine Augenbrauen. Ich wollte damit vermitteln: Ich bin nicht menschlich, ich bin ein Zauberwesen. Ich brauchte das für meine Selbsterhaltung. Mit dem Älterwerden fühle ich mich wohler in meiner Haut. Den schönen Schein brauche ich nicht mehr.

Wie ist das, wenn Sie auf der Bühne stehen und im Publikum Mädchen sehen, die so hippiemäßig
aussehen wie Sie?

Ich liebe das und finde es süß. Dann kommt rasch das Mütterliche in mir durch. Ich möchte sie am liebsten alle umarmen und beschützen.

Sie fühlen sich dann verantwortlich?
Irgendwie schon. Ich fühle mich mit den jungen Frauen, die mir folgen, eng verbunden. Als Teenager war ich verloren. Ich kenne die Situation in deren Alter nur zu gut.

Wie waren Sie als Schülerin?
Ich hinterließ einen eher schrägen Eindruck. Ich hing ständig in Bibliotheken herum und war verschlossen. Bücher waren mein Zufluchtsort. Ich sang ständig vor mich hin und handelte mir dafür oft Ärger mit den Lehrern ein. Ich selbst habe das gar nicht gemerkt,
es war wie ein Tick – ein lautes Tagträumen. Irgendwann schlug das alles ins Gegenteil um.

Inwiefern?
Ich wandte mich den ungezogenen Mädchen zu, die wie ich ihre Probleme mit der Schule hatten. Mit 14 Jahren war ich ein Rebell und machte mit meinen Freundinnen die Straßen im Süden Londons (England) unsicher. Es fing an, chaotisch zu werden. Ich schnappte fast über.

War das mit Ihrer Band auch so?
Oh, ja. Oft. Das gipfelte einmal darin, dass ich in New York (USA) betrunken ein Hotelzimmer in Brand setzte, weil ich vergessen hatte, ein Teelicht auszublasen. Ich selbst habe davon nichts mitbekommen. Als ich aufwachte, merkte ich als Erstes, dass ich mir den Zahn abgebrochen hatte. Und dann starrte ich auf eine russgeschwärzte Wand und fragte mich: „Hat es gebrannt, während ich schlief?“ Am Ende war aber die Rechnung für die Martinis, die ich mit Kanye West und Lykke Li getrunken hatte, sogar noch höher als jene für die Renovierung des Zimmers. Ich habe es mir damals so hart gegeben, wie ich konnte, bis ich es irgendwann nicht mehr konnte.

Woran haben Sie das gemerkt?
Das Chaos war überall. Es war Teil meines Künstler-Daseins. Ich konnte das nicht länger aufrechterhalten. Ich habe viel Energie. Wenn da noch Alkohol dazukommt und ich dann nicht auf der Bühne stehe, sondern allein in meinem Zimmer bin, verwandelt sich das schnell in etwas Selbstzerstörerisches. Meine Seele fing an, Schaden zu nehmen. Heute weiß ich, meine Energie richtig einzusetzen.

Und Sie singen nun in „No Choir“ darüber, wie glücklich Sie sind, einfach auf dem Sofa zu sitzen …
Genau. Kein Drama mehr, da ich älter bin. Früher waren die Höhen so intensiv hoch und die Tiefen unglaublich weit unten. Ich tat mich schwer, einen Weg zu finden, damit klarzukommen oder eine Art von Beständigkeit in mein Leben zu bringen. Das Glück, das ein guter Auftritt oder der Erfolg mit sich bringt, ist nur ein kurzer Rausch. Ich musste erst realisieren, dass es die kleinen Dinge sind, die den größten inneren Frieden bringen und möglicherweise die größte Glückseligkeit. Aber wie schreibe ich über so etwas Langweiliges ein Lied?

Sind Sie langweilig?
Total. Ich kann viel Zeit mit mir alleine verbringen. Manchmal zu viel Zeit. Aber ich habe ja meine Bücher.
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