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Ausgabe Nr. 24/2018 vom 12.06.2018, Foto: Peter Schröder
Gery Seidl wurde am 11. Mai 1975 in Wien geboren. Er maturierte an der HTL-Hochbau und arbeitete vorerst in der Bauwirtschaft. Nach seinem Schauspielunterricht bei Herwig Seeböck spielte er 2003 und 2005 gemeinsam mit Gerhard Walter erste Kabarettprogramme. Im Jahr 2008 begann er seine Solokarriere. 2016 wurde ihm der „Salzburger Stier“, ein Kleinkunstpreis im deutschsprachigen Raum, verliehen.

Karten für sein aktuelles Programm „SONNTAGSKINDER“ können unter
Tel.: 0900-9496096 bestellt werden.
„Ich war ein Rebell“
Er ist Kabarettist, Buchautor, Mitglied einer Austropop-Band, Co-Erfinder und Moderator der PULS-4-Show „Sehr witzig!? Der Witze-Stammtisch” sowie Mitwirkender in Oliver Baiers Rateteam von „Was gibt es Neues?“ im ORF. Derzeit tourt der Tausendsassa Gery Seidl, 43, auch noch mit seinem Programm „Sonntagskinder“ durchs Land.
Herr Seidl, sind die Menschen komisch?
Ja, der Mensch ist komisch. Und am komischsten sind die Menschen, die so tun, als wären sie es nicht. Ich schaue ihnen gern beim Herumgockeln und beim Scheitern zu. Aber in aller Würde und mit viel Augenzwinkern. Sobald der Mensch nach außen hin mehr sein möchte, als er ist, wird es holprig. Dann hat er einen Anzug an, als wäre er bei einer Beerdigung oder einer Kindstaufe, wo dir sofort auffällt – ja, alles klar, diesen Anzug trägt er wohl nur einmal im Jahr.

Finden Sie das Komische auch charmant?
Ja. Für mich ist der perfekte Mensch das Langweiligste überhaupt. Abgesehen davon, dass es das Perfekte gar nicht gibt. Ich finde den Suchenden, der ein bisschen durch das Leben stolpert, ohne anderen zu schaden, am charmantesten.

Durchs Leben stolpern – passiert Ihnen das auch?
Also, ich habe nicht das Gefühl, dass ich ungeschickt bin, aber wir Menschen haben ja oft Träume. Wir haben eine Vorstellung von unserem Leben, und umso näher wir dieser Vorstellung kommen, umso erfüllter sind wir. Manchmal kommen wir natürlich auf halbem Wege drauf, dass das, was wir uns gewünscht haben, gar nicht das Wahre ist. Dann müssen wir halt umdrehen und sagen, gut, dann schlage ich einen anderen Weg ein. Wer sucht, der stolpert. Das ist nicht weiter schlimm, sondern bedeutet nur einen Weg zu gehen, der noch nicht ausgehatscht ist.

Bei Ihnen war es ja genauso – Sie waren vor Ihrer Zeit als Kabarettist in der Bauwirtschaft tätig …
Ja, sogar zehn Jahre lang. Aber es war nicht so, dass ich mir nach zehn Jahren gedacht hab‘ – puh, endlich fertig, jetzt mache ich Kabarett. Nein, das war genau mein Weg. Ich hätte auch ins Max Reinhardt Seminar nach Wien gehen und mich zum Schauspieler ausbilden lassen können. Vorausgesetzt natürlich, sie hätten mich dort genommen. Aber dann wäre ich jetzt ein ganz anderer. Weil ich eben am Bau und nicht in der Schauspielschule war, habe ich dort viele Menschen kennengelernt und kann jetzt ihre Geschichten erzählen.

War die Entscheidung, den sicheren Beruf in der Baubranche gegen den eher unsicheren des Kabarettisten einzutauschen, leicht?
Durchaus. Aber den Weg bis zum Bauleiter bin ich gerne gegangen. Oder sagen wir so, meine schulische Karriere – da zitiere ich gerne meinen Schauspiellehrer Herwig Seeböck – war eher nach dem Motto „Barfuß durch die Hölle“. Das war ein System, in das ich so gar nicht reingepasst habe. Ich war viel zu sehr Rebell, hatte meinen Kopf voll mit ganz vielen anderen Dingen. Und wenn du einen Fünfer nach dem anderen bekommst, braucht das schon auch Kraft.

Trotz schlechter Schulnoten sind Ihre jetzigen Tätigkeiten äußerst erfolgreich und vielfältig.
Wofür schlägt Ihr Herz?

Mein Herz schlägt für das Kabarett. Das Programm beruht auf meinem selbstgeschriebenen Text, meiner Philosophie des Menschseins und ich mache einen Vorschlag für Humor, den die Menschen mögen oder nicht. Das Fernsehen ist Beiwerk. Da bin ich ein kleines Rädchen in einem riesigen Getriebe. In der Witzesendung tun wir nichts anderes, als uns gegenseitig Witze zu erzählen, aber die Menschen lieben das. Die Angst war anfangs groß, dass ich den Stempel als Witzewickerl abbekomme. Das ist zum Glück nicht passiert. Ich bin nur der Moderator, der ständig den schlechtesten Witz erzählt und deshalb verliert, aber das ist egal. Es macht Spaß.

Darüber hinaus ist Ende 2017 Ihr Buch „Wegen Renovierung offen: weil Leben is Baustelle“
erschienen …

Der Ansporn für mein Buch kam eigentlich vom Seifert Verlag. Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben, und dann bin ich in der ersten Woche auf der Bestsellerliste nur drei Plätze hinter Robert Menasse. Ich habe mir gedacht, hey Seidl, wenn das deine Deutschlehrerin liest, fällt sie tot aus ihren Schuhen.

In Ihrem Buch steht die Baustelle als Bildnis für das Leben …
Die Baustelle ist noch um einen Aspekt reicher.Wenn du heute mit 72 anderen Menschen in der U-Bahn fährst, kannst du sie mögen oder nicht, aber es gibt eine Station, an der du aussteigen kannst. Das kannt du auf einer Baustelle nicht. Eine Baustelle hat einen Fertigstellungstermin, und dann muss der Boden dort liegen, ob der Estrich jetzt will oder nicht. Das wird einfach von dir erwartet. Auf meiner letzten Baustelle waren 180 Menschen, die gleichzeitig dort gewerkt haben. Das ist viel. Das sind unterschiedlichste Religionen, Nationen und Befindlichkeiten. Die Baustelle ist ein Mikrokosmos, in dem aber meist alle wunderbar miteinander auskommen. Das normale Leben ist oft viel humaner, als die Medien und die Politik es wollen.

Sie schreiben, dass Handwerker meist über viel Erfahrung verfügen, zitieren dann aber einen Polier, „Wenn ana zwanzig Joar an Schas baut, dann hot der a a longjährige Erfahrung.“ Vertrauen Sie Handwerkern noch?
Ich vertraue jedem Handwerker, der seiner Zunft gerecht wird. Schaue ich einem gelernten Tischler bei der Arbeit zu, dann weiß ich, warum er Tischler ist und ich Kabarettist. Der hat ein anderes Werkzeug und der weiß vor allem, was er tut. Aber es gibt halt auch den zurückgelehnten Handwerker in der Latzhose, der „Na, des geht aber amal goar net“ sagt.

Wann legen Sie selbst Hand an?
Wenn nix mehr geht. Nein, ich bin mit Leib und Seele Techniker. Ich bin der Bastler und für die niedrigen Hol- und Bringdienste zuständig. Für die anspruchsvollen Tätigkeiten holen meine Frau und ich Menschen, die mit Herz dabei sind. Dann rennt das Werkl und das Ergebnis wird mit Sicherheit schön.

Ihr Lieblingsort in Ihrem Haus?
Der Garten, ich liebe den Himmel über und die Erde unter mir. Wenn es nach mir ginge, könnte ich im Garten wohnen und bräuchte nur ein Zelt.
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