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Ausgabe Nr. 23/2018 vom 05.06.2018, Foto: reuters
200.000 Afrikaner kommen pro Jahr nach Europa.
Ansturm auf Europa
Es gibt eine neue Flüchtlingsroute. Sie führt von Griechenland über Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Slowenien zu uns. In Bosnien registriert die Grenzpolizei täglich 100 bis 150 Menschen bei der illegalen Einreise. Doch der wahre Ansturm steht erst bevor. Denn die Bevölkerung Afrikas wird sich in den kommenden Jahrzehnten verdoppeln.
Sogar der französische Präsident Emmanuel Macron hat das Buch von Stephen Smith schon im Fernsehen zitiert. „Afrika erlebt eine Bevölkerungsentwicklung, die einer Bombe gleicht“, erklärte der 40jährige. „Stephen Smith hat es in seinem Buch hervorragend beschrieben.“

„La ruée vers l‘Europe“, übersetzt „Ansturm auf Europa. Das junge Afrika auf dem Weg zum Alten Kontinent“ heißt das Werk des früheren Journalisten und Afrika-Experten. Im Herbst soll es auch auf Deutsch erscheinen. Seit dem Jahr 2006 ist Stephen Smith Professor für Afrika-Studien an einer amerikanischen Elite-Universität.

In den kommenden 30 Jahren wird sich die Bevölkerung Afrikas auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Das führt unausweichlich zu mehr Zuwanderung in Europa. Der Experte rechnet damit, dass im Jahr 2050 zwischen 150 und 200 Millionen der Bewohner unseres Kontinentes aus Afrika stammen.

Im Gespräch mit dem renommierten Schweizer Magazin „Weltwoche“ erklärt er: „Einfach alle kommen zu lassen, das funktioniert nicht.“

Professor Smith, was sollten wir
unbedingt über Afrika wissen?

Wenn ich einem Freund etwas auf den Weg geben soll, der das südlich der Sahara gelegene Afrika bereisen will, dann dies: „Du reist in die Weltgegend mit der jüngsten Bevölkerung.“ Und Afrika wird sich in den nächsten Jahrzehnten immer weiter verjüngen. In der heutigen Welt ist es damit einzigartig. Das ist der Schlüssel zum Verständnis Afrikas in der nahen Zukunft.

Sie schreiben, dass die Bevölkerung Afrikas im Jahr 2050 2,5 Milliarden Menschen betragen wird. Das ist fünf Mal mehr als jene in Europa. Wie sicher sind Sie sich dieser Zahl?
Das ist eine recht sichere Sache. Die Eltern der Kinder, die im Jahr 2050 geboren werden, sind heute bereits auf der Welt. Der Schätzbereich bewegt sich zwischen 2,4 und 2,6
Milliarden.

Ihre wichtigste These lautet, dass sich der afrikanische Bevölkerungsdruck in einer massiven Auswanderung entladen wird.
Umfragen zeigen, dass 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung südlich der Sahara die Absicht haben auszuwandern. Es gibt Länder, in denen Jahr für Jahr acht  Prozent der Bevölkerung an der Green-Card-Lotterie teilnehmen, in der Hoffnung, eine US-Aufenthaltsgenehmigung zu ergattern. Und auch die historischen Erfahrungen sprechen dafür. Die Briten, als erste industrialisierte Gesellschaft, haben sich buchstäblich über den ganzen Globus verbreitet. Europa expandierte nach Nord- und Südamerika, Australien und Südafrika. Zwischen 1850 und 1914 wanderten 60 Millionen Europäer aus, davon 43 Millionen in die Vereinigten Staaten. Was die kommende Auswanderung aus Afrika betrifft, gibt es kein Neuland mehr, in dem sich viele Menschen relativ ungehindert ausbreiten können.

Heute leben etwa neun Millionen Afrikaner in Europa. Sie rechnen damit, dass diese Zahl auf 150 oder 200 Millionen im Jahr 2050 steigen wird?
Diese Schätzung beruht auf einem Vergleich mit der mexikanischen Einwanderung in die USA. Zwischen 1975 und 2010 hat sich die mexikanische Bevölkerung verdoppelt. Im gleichen Zeitraum sind zehn Millionen Mexikaner in die USA eingewandert, legal und illegal. Gemeinsam mit ihren Kindern zählen sie heute 30 Millionen, was fast einem Zehntel der Bevölkerung entspricht. Schon heute gibt es rund 150 Millionen Afrikaner, die sich die Reise nach Europa wirtschaftlich leisten könnten. Bis ins Jahr 2050 wird sich diese Zahl vervielfachen.

Derzeit wird die Auswanderung über das Mittelmeer hauptsächlich durch karitative Organisationen (Nichtregierungsorganisationen, NGOs) gefördert.
Meist geschieht dies in bester Absicht. Aber die Konsequenzen werden nicht bedacht. Heute genügt es, ein Mobiltelefon und die Nummer einer Hilfsorganisation zu haben. Egal, wie See-untauglich das Boot ist, sobald der Notruf abgesetzt ist, setzen sich die Helfer in Bewegung. Bei den Migranten entsteht der Eindruck, dass sich immer jemand um sie kümmern wird. Aber sie werden einfach an der italienischen Küste abgesetzt. Die NGOs waschen ihre Hände in Unschuld und überlassen den Rest, der viel schwieriger ist, Europa. Das ähnelt doch sehr stark einer narzisstischen Wohlfühltherapie für die Retter.

Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre kamen jährlich rund 200.000 Afrikaner nach Europa. Damit sind wir weit von den Zahlen entfernt, die Ihrem Szenario zugrunde liegen …
Wir sind noch nicht in der Krise, die ich ankündige. Die Voraussetzungen dafür, dass sich die große Masse in Bewegung setzt, sind noch nicht gegeben. Je nach Ursprungsland braucht jemand ein Startkapital von etwa 2.000 Euro für die lange Reise. Überwiegend sind es nicht die ganz Armen, die fliehen, sondern es ist die entstehende afrikanische Mittelklasse, die auf ein besseres Leben in Europa setzt.

Welches ist der wichtigste Treiber für die
Auswanderungsgelüste junger Afrikaner?

Mein Forscherkollege an der Duke-Universität, der Anthropologe Charles Piot, führte ein interessantes Experiment durch. Er bot jungen Afrikanern ein Motorrad an, wenn sie sich verpflichten, in ihrem Dorf zu bleiben und den Eltern in der Landwirtschaft zu helfen. Die meisten schlugen das Angebot aus. Sie möchten ein Teil der Moderne werden, mit der Zeit gehen, Abenteuer erleben.

Also das moderne Leben erfahren, das sie aus dem Fernsehen kennen?
Ja, wobei das ein Trugschluss ist. Wer in die USA kommt im Glauben, das Land aus Hollywoodfilmen zu kennen, wird böse überrascht werden. Meine Forschung zeigt, dass viele Migranten nach ein paar Jahren eine äußerst gemischte Bilanz ziehen. Ja, sie haben mehr Geld zur Verfügung. Aber leben sie besser? Nicht unbedingt. Diese Vorstellung, dass jemand im Paradies sei, wenn er erst einmal an einer europäischen Küste strande, ist das Spiegelbild des Horrorbildes von Afrika als einer Hölle.

Wie reagieren die Migranten, wenn sich ihre Vorstellungen dann nicht erfüllen?
Sie gehen nicht zurück. Die Rückkehr mit leeren Händen wäre eine soziale Schande. Das gilt auch für die afrikanische Binnenmigration. Die meisten Afrikaner, die vom Land in die Städte auswandern, bleiben in der Regel dort. Obwohl die Großstädte zu zwei Dritteln aus Slums bestehen.

Was könnte Europa unternehmen, damit Afrika sein Potenzial besser ausschöpft und sich Ihr Szenario nicht bewahrheitet?
Am dringendsten wäre es, dass sowohl Afrika als auch Europa anerkennen, dass es diesen Migrationsdruck gibt und dass er ein gemeinsames Problem darstellt. Es sollten die Grenzen geöffnet werden, aber kontrolliert. Warum nicht über eine zeitlich begrenzte Migration nachdenken. Eine gewisse Zahl Afrikaner kann jedes Jahr einwandern, muss aber nach zwei, drei oder fünf Jahren wieder zurück? Langfristig muss die Frage der Geburtenrate in Afrika besprochen werden. Das ist aber ein kulturell sensibles Thema. Es braucht auf jeden Fall sowohl eine europäische Debatte als auch einen Dialog zwischen Europa und Afrika.

Wie zuversichtlich sind Sie in diesem Zusammenhang?
Die Reaktionen auf mein Buch stimmen mich recht optimistisch. Anders als vor zehn Jahren ist es heute möglich, Probleme anzusprechen. Wenn dies in einem Ton geschieht, der nicht verletzt, wird man auch gehört. Und es ist jetzt höchste Zeit, diese Debatte in Gang zu bringen. Sonst schwanken wir beständig zwischen den untauglichen Lösungen einer grenzenlosen Willkommenskultur und der Festung Europa.

Die grenzenlose Willkommenskultur bezeichnen Sie mit dem Begriff „Eurafrika“.
Ja, und mein Buch räumt mit diesem über-idealistischen Szenario auf. Die Kumbaya-Vision ist zum Scheitern verurteilt. Ich will Migration aus Afrika, aber im Bewusstsein, dass es einen harten Einsatz erfordert. Einfach alle kommen zu lassen, das funktioniert nicht.

Könnte denn die „Festung Europa“ funktionieren, also das Fernhalten der Migranten mit staatlicher Gewalt?
Derzeit funktioniert die Festung Europa relativ gut. Aber nicht, weil wir das Mittelmeer absperren, sondern, weil wir der Türkei, Niger oder Libyen Geld dafür geben, dass sie keinen herauslassen. Autoritäre Regierungen oder „Warlords“ zu bezahlen, ist aber ethisch fragwürdig und über längere Zeiträume, immerhin sprechen wir vom Jahr 2050, in der zu erwartenden Größenordnung auch nicht praktikabel.

Ist es technisch unmöglich, das Mittelmeer abzuriegeln?
Ich denke, ja. Europa hat ausgedehnte Küsten. An den spanischen Enklaven Melilla und Ceuta sehen wir, dass die Menschen manchmal jahrelang ausharren und immer wieder einen Durchbruchsversuch unternehmen. Die Mittel, um sie zurückzuhalten, eskalieren, und damit begeben wir uns ethisch in trübe Gewässer. Solche Machtanwendung des Starken gegen den Schwachen ist eine gefährliche Sache. Sollte es zu dem von mir vorhergesagten Ansturm auf Europa kommen, wären die Zahlen so gewaltig, dass niemand militärische Optionen verantworten kann.

Trauen Sie der EU eine konzertierte Lösung zu? Sie scheint schon mit dem heutigen Ausmaß überfordert.
Den europäischen Kontinent gibt es auch im Jahr 2050 noch. Was die EU betrifft, bin ich mir nicht so sicher.

Gerade beim Thema Migration tun sich gewaltige Gräben innerhalb der Union auf. Der Osten will weiß und katholisch bleiben, Deutschland hat sich jetzt auf das gegenteilige Experiment eingelassen …
Eine Demokratie sollte sich darüber einigen, wie viel Einwanderung sie zulassen möchte. Die Grenzöffnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sehr schlecht angekommen, sowohl für sie persönlich als auch für die EU. Was ist das für ein Europa, in dem eine Entscheidung über die gemeinsame Zukunft ohne Abstimmung getroffen wird?

Für viele Europäer ist die Vorstellung eines zunehmend afrikanischen Europas ein Schreckgespenst.
Meine Mutter war Deutsche, meine Frau ist Französin, ich bin Amerikaner und seit 40 Jahren in Afrika tätig. Mit solchen Identitätsängsten habe ich Mühe. Vor zwei Generationen sah Europa ganz anders aus als heute. Nehmen Sie London: Heute besteht die Hälfte der Bevölkerung in der britischen Hauptstadt aus Einwanderern erster oder zweiter Generation. Es ist nicht mehr dasselbe London, aber es ist immer noch London.

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut sagte: „Wenn Stephen Smith mit seinen Prognosen Recht behält, dann ist Europa nicht mehr Europa.“
Alain Finkielkraut ist ein hochanständiger Mensch. Er fing als Sohn armer russischer Einwanderer in Paris (F) an. Ich habe mit ihm über mein Buch gesprochen und spürte seine Traurigkeit. Er fühlt sich, als würde ihm jemand die Seele aus dem Leib reißen. Das hat mich berührt. Aber für mich ist Identität kein Endprodukt, sondern unterliegt einer ständigen Erneuerung.
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