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Ausgabe Nr. 22/2018 vom 28.05.2018, Fotos: Trölß, zVg
Der neue Innsbrucker Bürgermeister Georg Willi, 59
Glücklich mit Frau und Sohn.
„Ich freue mich über verrückte Ideen“
Seit der Vorwoche regiert in Innsbruck der Grünen-Bürgermeister Georg Willi. Der 59jährige wurde damit zu einem Aushängeschild seiner Partei, die ja bei der Nationalratswahl im vergangenen Herbst eine Schlappe erlitten hat und aus dem Parlament geflogen ist. Mit Willi haben die Grünen nun einen Mann, der etwas verändern möchte und dies mit verrückten und spinnerten Ideen, wie er im Gespräch mit der WOCHE verraten hat.
Er war Ministrant, Sängerknabe, später Student, bis ihm die Politik dazwischenkam. Seit der Vorwoche ist der am 6. Mai 1959 in Innsbruck geborene Georg Willi Bürgermeister der Tiroler Landeshauptstadt. Ein Weißwein-Liebhaber, der gern Urlaub in Italien macht und nebenher einen Kirchenchor leitet. Und er freut sich jetzt auf eine „spinnerte Amtszeit“.

Herr Bürgermeister, sind Sie ein „Spinner“?
Ich glaube, jeder Mensch ist ein bisserl ein Spinner (lacht). Ich bin jedenfalls einer.

Warum sehen Sie sich so?
Ich bin geprägt von meinem Vater, er starb vor vier Jahren im Alter von 86 Jahren. Und der war in den Augen vieler Menschen ein Spinner. Er arbeitete als Bildungsreferent in der Tiroler Landwirtschaftskammer und hat mit einer kleinen Gruppe von Bauern die Bio-Landwirtschaft begründet. Er wurde bekämpft, weil er seiner Zeit voraus war. Doch letztlich setzte sich die Idee durch und heute hat unser Land eine Vorreiterrolle. Wir haben die meisten Bio-Bauern und das finde ich schön.

Mögen Sie auch verrückte Ideen?
Ja, ich liebe es querzudenken. Das ist notwendig, um Neues zuzulassen. Ich sage meinen Kolleginnen und Kollegen immer wieder, „bitte, erzählt mir verrückte Ideen“ oder „kommt‘s mir mit einer völlig spinnerten Idee“. Das hilft, die eigene Position kritisch zu hinterfragen.

Ideen für Innsbruck können ja jetzt aus mehreren Lagern kommen, denn Sie regieren nicht alleine …
Stimmt, meine Regierung umfasst 27 der 40 Mandate. Davon haben die Grünen zehn Mandate, FI (Für Innsbruck, die bisherige Bürgermeisterfraktion) hat sieben, die ÖVP mit dem gekoppelten Seniorenbund sechs und die SPÖ vier.

Sie gelten als Hoffnungsträger der Grünen. Könnten Sie sich vortsellen, auf Bundesebene die Partei anzuführen?
Nein. Ich bin für sechs Jahre gewählt und mir taugt diese Aufgabe. Ich will zeigen, was in Innsbruck möglich ist, zudem weiß ich, wie hoch die Anforderungen für einen Grünen-Bundessprecher wären und in dieser Abwägung sage ich, ich bin unheimlich gern direkt gewählter Bürgermeister von Innsbruck. Denn ich möchte auch Zeit haben, dazusitzen und ein Glaserl Wein zu trinken. Das gehört zur Lebensqualität, die ich mir nicht nehmen lassen möchte.

Also lieber Lebensqualität als steile Karriere?
Ja.

Sie sind nach einer doch niedrigen Wahlbeteiligung von 43 Prozent für eine Wahlpflichtdiskussion eingetreten. Sollen Bürger wählen gehen müssen?
Ein Bürgermeister, der nur aufgrund einer Wahl mit einer Beteiligung von 43 Prozent legitimiert ist, hat ein Legitimationsproblem, weil mehr als die Hälfte sagt, ich habe dich ja gar nicht gewählt. Wenn es so weitergeht mit niedrigen Wahlbeteiligungen, bin ich dafür, dass wir bundesweit – das ist ja keine Innsbrucker Angelegenheit – die Diskussion über die Wiedereinführung der Wahlpflicht führen, weil ich es nicht verantworten kann – und kein Parlament österreichweit kann dies tun –, dass wir nicht mehr vom Volk ausreichend legitimiert sind.

Das wäre ja dann der Widersinn der Demokratie.
Genau.

Haben Sie schon Pläne, was Sie in Innsbruck ändern wollen?
Wir werden ein bereits bestehendes Konzept umsetzen. Wir wollen vom Kirchplatz Maria Hilf bis hinunter zum Brenner-Platz eine große Begegnungszone einführen. Weniger Autos und mehr Raum für die Menschen sollen geschaffen werden. Und ich möchte die Bewohner näher an den Inn bringen. Das ist zwar schwierig, weil es Hochwasserschutz-Bestimmungen zu beachten gilt, aber ich möchte die Stadt hin zum Fluss öffnen. Mit Rampen, die zum Inn führen und mit Wegen für Mütter mit Kinderwagen sowie für Radfahrer und Spaziergänger. Vielleicht auch mit Liegewiesen.

Wann haben Sie zum ersten Mal Gemeinderats-Luft in Innsbruck geschnuppert?
Das war im Jahr 1989, damals über die Vereinten Grünen.

Stimmt es, dass Sie ein Studienabbrecher sind?
Ja, schrecklich. Wie unser Bundeskanzler. Ich habe Jus und Biologie studiert. Die Biologie war meine Leidenschaft, bedingt durch meinen Vater. Aber dann kam mir eben der Einstieg in den Gemeinderat dazwischen. Heute studiert mein Sohn Johannes, 25, in Innsbruck Physik. Wir haben eine der weltbesten Fakultäten mit Professoren, die immer wieder für den Nobelpreis genannt werden.

Ist Ihre Frau auch berufstätig?
Katharina, 57, ist ausgebildete Dolmetscherin, arbeitet aber an der Rezeption des Hotels „Mondschein“ in der Stadt. Wir sind seit 26 Jahren verheiratet.

Ist Ihrer Ansicht nach das Wohnen zu teuer?
Ja, die Menschen sollten höchstens ein Drittel ihres Einkommens dafür ausgeben. Innsbruck ist teuer. Unsere 115 Quadratmeter große Wohnung hätte ich mir ohne die Erbschaft einer Tante nicht leisten können.

Werden Sie als Bürgermeister noch Zeit für Ihr Hobby, das Singen haben?
Das sollte sich ausgehen, zumal wir nicht regelmäßig proben. Ich leite den Chor der Kirche Maria Hilf und da treffe ich mich mit den Frauen und Männern meist eine Stunde vor Beginn der Messe. Dann üben wir ein bisschen. Ich lege manchmal auch fest, wer ein Solo singt. Dann müssen nicht alle kommen. Ich singe im Bass mit. Meist besteht unser Chor aus acht bis zwanzig Sängerinnen und Sängern. Darunter sind erfahrene Musiklehrerinnen und Musiklehrer.

Wo haben Sie das Singen gelernt?
Bei den Wiltener Sängerknaben hier in Innsbruck. Dieser Chor gehört zu den traditionsreichsten in ganz Europa. Von meinem zehnten bis 17. Lebensjahr gehörte ich ihm an. Zwischen meinem sechsten und 15. Lebensjahr war ich Ministrant, habe also schon früh zu singen begonnen.

Sie tragen keinen Ehering?
Ich habe ihn vor drei Jahren abgenommen, weil mein Ringfinger angeschwollen war. Was dahintersteckt, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls nahm ich den Ring mit dem Einverständnis meiner Frau ab. Sie hat ihren nie getragen.

Trinken Sie gerne Wein?
Beim Roten muss ich leider passen, weil ich die Histamine nicht vertrage. Deswegen gönne ich mir Weißweine aus der Steiermark und aus der Wachau. Im Italien-Urlaub auch von dort ein Tröpferl.
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