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Ausgabe Nr. 20/2018 vom 15.05.2018, Foto: Fotolia
An jedem dritten Unfall ist Ablenkung schuld
„Handy am Steuer“muss teurer werden
Mit einer Kampagne warnt die ASFINAG vor Ablenkung und dem Telefon-Gebrauch am Steuer. Doch das allein ist zu wenig, glauben Verkehrsexperten. Sie fordern höhere Strafen. Derzeit zahlen „Handy-Sünder“ 50 Euro.
Jeder dritte Autofahrer tut es, zumindest gelegentlich. Er telefoniert am Steuer, liest und schreibt Textnachrichten oder fotografiert gar. Eine gefährliche „Nebenbeschäftigung“. Wer ein SMS ins Mobiltelefon tippt, ist im Schnitt fünf Sekunden im „Blindflug“ unterwegs. Auf der Autobahn mit 130 Stundenkilometern sind das 180 Meter, fast zwei Fußballfelder lang.

Im Vorjahr starben 56 Menschen bei Unfällen auf Autobahnen und Schnellstraßen. „Durch Unachtsamkeit oder Ablenkung passierten 17 tödliche Unfälle“, erklärt ein ASFINAG-Sprecher. 19 Menschen kamen dabei ums Leben, „also ein Drittel der Todesopfer.“ Auch rund jeder dritte Verletzte geht auf das Konto von Ablenkungen.

Ein Blutzoll, den die ASFINAG verringern will. Die Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft lässt sich ihre jetzige „Hallo Leben“-Kampagne mehr als eine Million Euro kosten. Das Unternehmen gehört dem Staat.

„Die meisten Autofahrer und Autofahrerinnen überschätzen ihr Fahrkönnen und unterschätzen die Gefahr durch Ablenkung“, weiß die Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer. Dazu kommt, „das Mobiltelefon ist ein Alltagsgegenstand. Wer in ein Restaurant geht und die Besucher beobachtet, sieht, dass fast jeder das Handy auch beim Essen am Tisch neben sich liegen hat. Weil es ein Alltagsverhalten ist, fällt es beim Autofahren schwer, darauf zu verzichten.“

Anders als beim Alkohol am Steuer oder der Gurtpflicht, sind sich viele Lenker nicht der Gefahren des „Telefon-Missbrauches“ bewusst. Das soll sich jetzt ändern.

„Bewusstseinskampagnen sind wichtig“, sagt Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). „Aber auch die Strafen sollten erhöht werden.“ Und die Regierung müsste das Mobiltelefonieren am Steuer ins Vormerksystem aufnehmen.

Im Vergleich zu anderen Ländern kommen telefonierende Lenker relativ günstig davon, wenn sie er-
wischt werden. Wer das Organmandat an Ort und Stelle zahlt, berappt 50 Euro. Sonst gibt es eine Anzeige und bis zu 72 Euro sind fällig.

Bei unseren Nachbarn kommt das Handy am Steuer deutlich teurer. In Deutschland beträgt die Strafe 60 Euro, in der Schweiz 90 Euro. Und in Italien beginnt die Strafhöhe bei 160 Euro. „In einem ersten Schritt sollten wir das Niveau der Schweiz erreichen“, fordert VCÖ-Sprecher Gratzer. „Mittelfristig, am Ende der Legislaturperiode, sollten wir auf das Niveau Italiens kommen.“

Die Strafhöhe hat Einfluss auf das Verhalten der Autofahrer. Mit dem jetzigen Bußgeld handelt der „Gesetzgeber, als ob es ein Kavaliersdelikt wäre. Das ist es nicht. Wenn wir uns die Folgen vor Augen führen, stehen die 50 Euro in keinem Verhältnis zur Schwere des Vergehens.“

In Deutschland oder Italien bekommen „Handy-Sünder“ Schlechtpunkte. Bei uns hingegen ist es kein Vormerkdelikt, anders als etwa Alkohol am Steuer. Dabei reagiert ein Autofahrer, der ohne Freisprecheinrichtung telefoniert, so langsam wie mit 0,8 Promille.

Seit Juli 1999 ist das Telefonieren am Steuer verboten. Angesichts des Smartphone-Siegeszuges gilt seit Sommer 2016 ein verschärftes „Handy-Verbot“. Während der Fahrt darf nur mit einer Freisprech-Einrichtung telefoniert werden. Wer das Telefon als Navigationsgerät nutzt, muss es befestigen. Adressen sollte der Fahrer vor der Fahrt eingeben oder dafür anhalten. Das Schreiben und Lesen von Nachrichten ist ebenso ausdrücklich verboten wie das Surfen im Internet oder das Auswählen einzelner Musiktitel am Telefon. Vor einer roten Ampel oder im Stau gelten die Verbote allerdings nicht. Auch wer das Telefon nur in der Hand hält, ist nicht strafbar.

Gestraft wird ohnehin selten. Auch wenn seit dem Vorjahr Radarfotos mit dem Telefon am Ohr zu einer Strafe führen können. Verkehrsforscher gehen davon aus, dass täglich rund 900.000 Telefonate am Steuer ohne Freisprecheinrichtung geführt und 200.000 Nachrichten geschrieben werden. Aber nur 105.500 „Handy-Sünder“ wurden etwa im Jahr 2016 erwischt.

Doch nicht nur das Telefon lenkt beim Fahren ab. Bei der jüngsten ASFINAG-Umfrage unter tausend Personen gab jeder Achte an, sich zumindest ab und zu am Steuer
zu schminken, zu frisieren oder zu rasieren.
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