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Ausgabe Nr. 13/2018 vom 27.03.2018, Foto: Cynthia Vie Acosta
Michael Joyce und seine Frau Linda
Michael Joyce leidet an fortgeschrittener
Alzheimer-Demenz. Seine
Frau Linda sagt: Er vergaß, dass wir verheiratet sind“
In einem immer dichter werdenden Nebel des Vergessens verschwindet die Erinnerung bei Alzheimer-Patienten. Weil Michael Joyce nicht mehr wusste, dass Linda seit 34 Jahren seine Ehefrau ist, machte ihr der 68jährige einen Heiratsantrag. Um ihren Mann nicht noch mehr zu verwirren, stimmte sie zu. An seinem 35. Hochzeitstag heiratete das Paar erneut.
Mein Name ist Gump, Forrest Gump“, sprach Michael Joyce wieder den berühmten Satz in seinem Lieblingsfilm mit, als er mit seiner Frau Linda spätabends auf ihrer verblichenen Wohnzimmercouch saß. „Ich spielte ihm das Video vor, weil ihn andere Filme seit Langem nicht mehr interessieren“, erklärt die 64jährige. „Wenn Forrest Gump dann seine Angebetete Jenny um ihre Hand bittet, bekommt er immer feuchte Augen“, erzählt Linda Joyce lächelnd.

Doch als die Szene diesmal am Bildschirm zu sehen war, reagierte der 68jährige anders. Michael Joyce kniete etwas schwerfällig vor ihr nieder und ergriff ihre Hände. „Mein Schatz, willst du meine Frau werden?“, fragte der Pensionist mit Tränen in den Augen. Er hatte vergessen, dass er mit Linda seit 34 Jahren verheiratet ist. Michael Joyce leidet an Alzheimer-Demenz.

„Ich war baff. Wir sind seit Jahrzehnten verheiratet und zusammen alt geworden. Gerade hatte ich alles für die Feier unseres 35. Hochzeitstages vorbereitet, auch schon Freunde eingeladen. Und nun fragte er mich, als sei vorher nichts gewesen, ob ich ihn heiraten wolle“, sagt Linda Joyce, die mit ihrem Mann in jungen Jahren aus der schottischen Industriestadt Glasgow nach Queenstown in Neuseeland auswanderte.

Die beiden hatten sich vor 40 Jahren kennengelernt, als der in Lindas Nachbarschaft lebende Elektriker ihren Ofen reparierte. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. An der sich auch nichts änderte, als sich bei ihrem Mann erste Anzeichen der Erkrankung zeigten. Im Jahr 2010 erschrak Linda Joyce, als ihr Mann begann, Rotlichter zu überfahren und andere lebensgefährliche Fehler im Verkehr zu machen. „In der Küche, wo er mir gern beim Kochen half, ließ er die Erdäpfel in der Pfanne anbrennen. Im Bad ließ er das Wasser nach dem Duschen rinnen“, erinnert sich die Ehefrau an weitere Begebenheiten.

Nach anfänglichem Sträuben willigte Michael Joyce ein, mit ihr zum Arzt zu gehen. Dr. John Schaffer redete lange mit ihm und unternahm eine Reihe von Tests, um die Leistungskraft seines Gehirnes zu bewerten.

Tags darauf bat er die beiden in die Praxis. „Es tut mir leid, aber es sieht aus, als hätten Sie eine beginnende Alzheimer-Demenz“, sagte der Mediziner zu Michael Joyce.

„Es war der Beginn einer neuen Phase unseres Lebens“, erklärt Linda Joyce heute. „Wir wurden auf eine harte Probe gestellt. Es war körperlich und seelisch anstrengend.“ Mit fortschreitender Krankheit musste sie sich immer intensiver um ihren Mann kümmern, durfte ihn nicht mehr allein lassen. Seine Arbeit hatte er längst aufgegeben. Schließlich kündigte auch sie ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe, um immer für ihn dasein zu können. „Er war ja auch immer an meiner Seite, als ich vor Jahren nach einem Unfall monatelang im Rollstuhl saß“, sagt sie. „Ohne ihn wäre ich verloren gewesen. Er ist der selbstloseste, gutherzigste Mensch, dem Gott je Atem eingehaucht hat.“

Obwohl sie den geistigen Verfall ihres Mannes miterlebte, überraschten sie seine Worte. „Michael, steh bitte auf. Du weißt, dass ich dich liebe“, sagte sie zu dem vor ihr knieenden Mann. Doch Linda Joyce wollte ihn nicht noch mehr durcheinander bringen. „Natürlich heirate ich dich. Es wird mich glücklich machen“, sagte sie deshalb freundlich. „Wann?“, wollte er wissen. „Wie wäre es am kommenden Wochenende?“, schlug sie ihm vor.

Linda Joyce dachte, damit sei die Angelegenheit erledigt. Doch am nächsten Tag wiederholte ihr Mann seine Frage. „Wann heiraten wir?“, wollte er beim Frühstück wissen. „Am Wochenende“, antwortete sie. „Ich freue mich“, sagte er erleichtert. “„Seine blauen Augen schienen zu blitzen wie schon seit Jahren nicht mehr“, erinnert sich Linda Joyce. „Ich sah, dass ihn die Hoffnung auf die Hochzeit tief bewegte. Ich wollte ihn glücklich machen. Wir würden also noch einmal heiraten.“

Auf Facebook berichtete sie Freunden der Internetplattform und Nachbarn über Michaels Antrag. „Inmitten eines oft traurigen und frustrierenden Lebens mit Alzheimer gibt es auch Freude“, schrieb sie. „Mein angebeteter Ehemann, der an Alzheimer leidet, bat mich weinend, ihn zu ehelichen. Trotz seiner Verwirrung ist dies offensichtlich etwas, was er unbedingt tun möchte. Ist jemand bereit, während unserer Zeremonie eine kleine Rede zu halten?“

Linda Joyces Schreiben löste einen Sturm der Hilfsbereitschaft aus. Die Betreiber eines See-Hotels boten sich als Lokalität für die Hochzeit an. Restaurants und Weinhändler sorgten für Speis und Trank. Am Hochzeitstag öffnete er neben Linda Joyce seine blauen Augen und strahlte. „Heute ist der Tag. Willst du immer noch?“, fragte Michael Joyce hoffnungsfroh seine Angebetete. Natürlich wollte sie.

Im Garten des Hotels trat das Paar vor einen Priester. Er ließ Michael Joyce das Eheversprechen von einem Papier ablesen. „Dann nahm Michael meine Hand und steckte mir jenen Ring an den Finger, den er mir schon vor 35 Jahren geschenkt hatte. Er hielt dabei meine Hand ganz fest“, erinnert sich Linda Joyce. Zur Eröffnung der Feier tanzten die beiden zur Musik aus seinem Lieblingsfilm „Forrest Gump“, den er immer noch mehrmals in der Woche ansieht.

Bald darauf nahm die Alzheimer-Krankheit Michael Joyce wieder in Besitz. Linda Joyce hat von ihrem Mann kein Wort mehr über die Zeremonie gehört. „Die Krankheit raubt ihm sein Gedächtnis, aber unsere Liebe kann sie nicht zerstören“, sagt sie. „Wir werden immer zusammen sein, bis dass der Tod uns scheidet.“
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