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Ausgabe Nr. 06/2018 vom 06.02.2018, Fotos: PyeongChang2018, gepa, picturedesk.com
Keine Schi-Tradition und späte Bewerbszeiten in Südkorea bei den 23. Winterspielen
Im Olympischen Stadion werden die Eröffnungs-und die Abschlussfeier stattfinden.
Olympia für Nachteulen
Mit 102 liegen so viele Goldmedaillen wie noch nie bereit, wenn am Freitag in PyeongChang (Südkorea) der Startschuss zu den XXIII. Olympischen Winterspielen fällt. In einer Meeresregion ohne Wintersporttradition, wo kein Starthäuschen höher als 1.400 Meter liegt, will unser größter Schi-Held Marcel Hirscher bei Rennen zu nachtschlafender Zeit seine Karriere mit dem Olympiasieg krönen.
Die wahren Olympia-Anhänger werden an den dunklen Ringen unter ihren Augen zu erkennen sein. Nicht nur alle Alpinbewerbe im Land der buddhistischen Klöster finden in den kommenden zwei Wochen gegen zwei, drei Uhr nachts mitteleuropäischer Zeit statt, auch die Snowboarder und die Eiskunstläufer fahren zur Unzeit. Schispringer, Biathleten, Eishockeyspieler und Bobfahrer haben es besser erwischt, sie sind tagsüber zu sehen. Immerhin ist Südkorea acht Stunden vor uns. Unser Land ist mit einem 105 Sportler starken heimischen Aufgebot vertreten. „Mit 17 Medaillen wie vor vier Jahren wäre ich hochzufrieden“, legt ÖOC-Präsident Karl Stoss die Latte hoch, die Vorzeichen dafür stehen nicht schlecht. Abgesehen von Hoffnungen wie dem Rodel-Doppelweltmeister Wolfgang Kindl oder die Eisschnellläuferin Vanessa Herzog gewannen im Vorfeld der Schispringer Stefan Kraft, die Snowboarder Anna Gasser und Andreas Prommegger sowie die Schi-Crosserin Andrea Limbacher jeweils die Generalproben auf den Olympia-Sportstätten. Beim Schi-Dominator Marcel Hirscher muss fast schon Olympiagold her, sonst wäre die Enttäuschung riesengroß. Alles andere hat er längst gewonnen.

In mancher Hinsicht werden es vom 9. bis 25. Februar sicher Rekordspiele im Zeichen der fünf Ringe, etwa durch die neue Höchstmarke von 2.925 Sportlern und 102 Disziplinen, darunter den neu im Programm befindlichen Big-Air-Snowboard, Alpinschi-Teambewerb, gemischtes Doppel im Curling und Eisschnelllauf-Massenstart. Der ORF überträgt davon 620 Stunden live, soviel wie noch nie. Russland wurde zwar wegen systematischen Dopings ausgeschlossen, doch die Neulinge Kosovo, Ecuador, Singapur, Malaysia, Eritrea und Nigeria heben die Rekordzahl der teilnehmenden Nationen auf 92. In der westlichen Welt des Wintersports machen die beiden Olympia-Maskottchen, der weiße Tiger „Soohorang“ und der Schwarzbär „Banabi“, kräftig Werbung. Doch das asiatische Veranstalterland Südkorea hat keinerlei Wintersporttradition, im Jahr 1975 gab es den ersten Schilift. Die Temperaturen sinken in dem maximal 1.400 Meter hohen Olympiagelände zwar bis zu 20 Grad unter Null, doch wegen des trockenen Klimas wird wohl stark auf Kunstschnee zurückgegriffen und es mussten 600 Millionen Euro in die Sportstätten investiert werden. „Das Produkt Winterspiele wird hier mit Füßen getreten“, ärgert sich der deutsche Slalom-Spezialist Felix Neureuther. „2014 war es Russland, jetzt Südkorea, in vier Jahren kommt erneut China statt einer traditionellen Alpenregion dran. Das macht für mich keinen Sinn.“

Dabei ist Südkorea selbst durchaus attraktiv. In der Volksrepublik, die 51 Millionen Einwohner und eine Fläche von 100.284 Quadratkilometer aufzuweisen hat, wird mit dem Won bezahlt (ein Euro sind 1.327 Won) und das Nationalgericht „Bibimbap“ gegessen. Die aus Gerste, Reis, Gemüse, Rindfleisch und Chilipaste zubereitete Speise wird gerne mit Soju heruntergespült, einem 19-prozentigen billigen Reisschnaps. Geschichtlich gesehen gründete nach der Legende Halbgott Dangun 2.333 vor Christus das erste Reich der Koreaner, das nach langen Phasen der Unterdrückung, ab 1910 etwa durch die Japaner, im Jahr 1948 in Nord- und Südkorea geteilt wurde, die seither in großer Feindschaft und politischer Unsicherheit leben. Dies ist neben hohen Reisekosten nur einer der Gründe, warum nicht allzu viele europäische Touristen erwartet werden. Für ein einwöchiges Pauschalpaket muss von 3.000 Euro aufwärts gerechnet werden. Die Südkoreaner planen bereits, wie dennoch Stimmung aufkommen wird, und zwar durch Einheimischen-Unterstützung für jedes Land. Für unser Land sollen konkret 1.200 „gekaufte“ Südkoreaner mit rot-weiß-roten Flaggen und österreichischer Kleidung ausgestattet am Pistenrand für Hirscher und Kollegen schreien. Es lebe der authentische Sport.
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