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Ausgabe Nr. 52/2017 vom 26.12.2017, Fotos: picturedesk.com, Gepa
Unser derzeit bester Schispringer Stefan Kraft hebt bei der Vierschanzentournee ab.
Kraft mit seiner Mutter Margot (li.), seiner Freundin Marisa (2. v. re.) und Vater Rene.
„Ich bin ein sparsamer Mensch“
Nach einer Traumsaison mit zwei Weltmeistertiteln und dem Schiflugweltrekord nimmt Stefan Kraft, 24, Kurs auf die Vierschanzentouree, die am Samstag in Oberstdorf (D) beginnt. Im Interview spricht er über den Saisondominator Richard Freitag, warum er selbst nicht mehr geduckt landet und warum er von Kindheit an einen „Haifisch“ im Geldbörsl hat.
Herr Kraft, vor einem Jahr haben Sie gleich zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf gewonnen. Können Sie den Flugschreiber wieder auf Sieg programmieren?
Schauen wir einmal. Für mich gilt auf jeden Fall, das Aufwärmen ist vorbei und der Ernst beginnt (lacht). Ich bin eher ein Saisonspätstarter, hatte im vorigen Jahr um diese Zeit auch noch keinen meiner neun Saisonsiege eingefahren und es heißt ja sowieso, das Jahr nach dem großen Erfolg sei das schwerste. Trotzdem bin ich mit meiner Form nicht unzufrieden, ich springe vorne mit, auch wenn ich im Gegensatz zu WM-Titeln und dem Weltrekord der vorigen Saison heuer noch das letzte Tüpferl auf dem i suche. Doch es fehlt mir nicht viel zur Spitze.

Der Deutsche Richard Freitag fliegt derzeit allen auf und davon …
Er ist in einer unglaublichen Form. Freitag ist eigentlich sonst eher ein stiller Mensch, aber mit den großen Erfolgen im Rücken ist er plötzlich locker, offen und lustig geworden. Er ist ähnlich gut drauf wie ich im vorigen Jahr und wird bei der Tournee nur ganz schwer zu schlagen sein. Nur die Situation als Favorit ist er nicht gewohnt. Schauen wir einmal, wie es ihm damit geht. Aber ich habe auch Daniel-André Tande, Johann André Forfang und Andreas Wellinger auf der Rechnung, auch Kamil Stoch weiß, wie die Tournee zu gewinnen ist.

An welchen Details hapert es bei Ihnen noch?
Ich arbeite unter anderem an der Balance in der Anfahrtsposition, damit ich nicht zu weit vorne sitze, denn wenn Hocke und Anfahrt nicht passen, beeinflusst das auch den Flug. Generell ist das Fliegen meine Stärke, auf die ich mich immer verlassen und in der Luft noch viel herausholen kann. Ich tüftle etwa auch daran, das V der Schier im richtigen Moment zu öffnen, im vergangenen Sommer hatte ich sogar einen Speziallehrgang mit einem
Punkterichter, um bessere Bewertungen zu bekommen. Seither halte ich den Oberkörper beim Landen aufrechter, früher bin ich zu geduckt hingesprungen und das gab Punkteabzug.

Nach der Vierschanzentournee zählen wahrscheinlich nur noch die fünf olympischen Ringe, oder?
Ganz klar, die Winterspiele in Südkorea werden wichtig für mich sein, denn eine Olympiamedaille fehlt mir noch. Im vorigen Jahr waren wir drei, vier Tage im Austragungsort und ich kann mich noch gut an das scharfe Essen erinnern. Aber die Schanze dort taugt mir und sie haben ein für die geografische Lage wichtiges und geniales Windnetz, das die Anlage abschirmen und für faire Bedingungen sorgen soll. Was die Sicherheit betrifft, hoffe ich, dass wir von Nordkorea nicht allzu viel mitkriegen werden, ich mache mir jedenfalls keine Sorgen.

Im Sommer hatten Sie ja ein Extratraining beim Schleppen von Umzugskartons …
Das war unvermeidbar, weil meine Freundin Marisa und ich unsere gemeinsame Wohnung in Oberalm (S) bezogen haben. Es ist unsere kleine Wohlfühloase und mein erstes eigenes Reich nach dem Auszug von daheim, für mich etwas ganz Besonderes. Das Domizil ist ein kleiner Luxus, den ich mir auch wegen der Lage leisten wollte. Nicht zu weit weg von den Bergen, zehn Minuten vom Trainingszentrum in Rif entfernt und mit kurzer Verbindung zum Salzburger Flughafen, also perfekt. Wir haben schon alles fertig eingerichtet, modern im Stil, aber dennoch gemütlich mit viel Holz, teilweise auch altem Holz. Wir verfügen über eine 60 Quadratmeter große Terrasse, die war uns wichtig, damit wir auch draußen essen können.

Warum ist die Wohnung ein „Luxus“, sind Sie sonst so sparsam?
Ja, bei mir ist das sicher Erziehungssache, meine Eltern haben mir das so beigebracht. Ich überlege wirklich fünf, sechs Mal, ob ich mir irgendetwas Teures leiste, das war schon immer so. Ein Mal war ich kurz in Versuchung, mir eine lässige Jacke um 260 Euro zu kaufen, aber es ging nicht. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, da ist es mir schade ums Geld. Und ich brauche auch kein neues iPhone 8, solange mein iPhone 6 noch funktioniert.

Und Ihre Freundin Marisa will auch nicht teuer verwöhnt werden?
Nein, überhaupt nicht, in der Beziehung ist sie genauso wie ich veranlagt. Nur einen Urlaub auf den Malediven haben wir uns zuletzt gegönnt, den hatte ich ihr nach der vorigen Saison versprochen und er war wirklich kitschig schön. Aber sonst fahren wir billig weg, meistens auf den Campingplatz, das taugt mir und auf diese Art zu verreisen ist nicht teuer. Meine Eltern haben ein Wohnmobil, das borgen wir uns aus und fahren damit nach Kroatien. Wolfgang Kreuziger
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