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Ausgabe Nr. 51/2017 vom 19.12.2017, Foto: picturedesk.com
Nana Mouskouri
„Die Welt wird schon nicht kaputtgehen“
Wer die Sängerin Nana Mouskouri, 83, nur vom Lied „Weiße Rosen aus Athen“ kennt, hat viel verpasst. Zum Beispiel das feine Jazz-Folk-Balladen-Album „Nana – arranged & conducted by Bobby Scott“, das die Künstlerin erstmals 1965 veröffentlichte und nun von ihr neu arrangiert wurde. Mit einer überaus optimistischen Sängerin sprach der WOCHE-Reporter Steffen Rüth.
Frau Mouskouri, Sie leben mit Ihrem Gatten André Chapelle seit vielen Jahren in der Schweiz, warum?
Ich fühle mich in der Schweiz wohl. Und ich muss nicht um mein Leben fürchten. Im Winter wird es zwar ziemlich kalt, das gefällt mir nicht so gut, doch dafür gibt es hier keine Hurricanes wie in der Karibik. Ich habe allerdings auch noch ein Haus in Paris (Frankreich).

Sie haben jetzt das Album „Nana – arranged & conducted by Bobby Scott“ wiederveröffentlicht. Es stammt ursprünglich aus dem Jahr 1965 und klingt, als wäre es brandneu. Wie haben Sie das geschafft?
Ich bin stolz auf dieses Album. Ich liebe es. Die Lieder klingen in der Tat zeitlos. In den sechziger Jahren hatte ich als Künstlerin ganz andere Möglichkeiten als heute. Ich konnte mich entfalten, mich wandeln, lernen und viele Musikstile ausprobieren. Heute wird dir nicht mehr die Zeit gegeben, dich zu entwickeln. Entweder hast du sofort Erfolg oder du wirst zur Seite geschoben.

Sie sind damals nach New York (USA) gegangen, wo auch „Nana“ entstanden ist, haben unter anderem mit Quincy Jones, Harry Belafonte und Miles Davis gearbeitet. Wie haben Sie jene Zeit Anfang der Sechziger in Erinnerung?
Quincy war maßgeblich für meine Karriere. Er nahm 1962 mit mir das Album „The Girl from Greece Sings“ auf, eine Sammlung von Broadway-Liedern. Ich war 27 Jahre alt, als ich nach New York kam, das war damals relativ jung. Heute sind die Menschen ja früher erwachsen. Für mich als junge Frau, die aus Griechenland kam und zuvor in Deutschland und Europa Erfolge feiern durfte, war es schön in Amerika, eine aufregende Zeit.

In den Sechzigern wandelte sich die Gesellschaft. Wie haben Sie das empfunden?
Als einen Ruck. Bob Dylan, Joan Baez, die „Beatles“, die „Rolling Stones“, die Zeiten waren wild, und ich war mittendrin. Zugleich passierten so schrecklich traurige Dinge wie die Rassenunruhen in den USA, die Ermordung von Martin Luther King sowie der beginnende Vietnamkrieg. Ich habe dagegen angesungen, ich wollte gegen den Krieg singen, die Menschen zum Lächeln bringen. Die Welt war hin- und hergerissen, es gab eine große Aufbruchsstimmung und zugleich eine große Traurigkeit. Mich erinnert jene Epoche stark an unsere Zeit jetzt. Die Menschen sind so traurig im Moment.

Und Sie singen weiterhin gegen die Traurigkeit an?
Ja. Ich möchte den Menschen mit meinen Liedern Hoffnung geben. Ich selbst spreche mir beim Singen Zuversicht zu, und ich hoffe, dass es allen, die mir zuhören, ähnlich ergeht.

Wollen Sie mit Ihren Liedern ablenken und die Sorgen wegdrücken?
Nein, ich sage nicht, dass wir vergessen und verdrängen sollen, was um uns herum geschieht. Im Gegenteil. Doch grundsätzlich entspricht es meinem Wesen, Optimismus zu haben. Selbst in Amerika. Der Rassismus der Sechziger konnte ein gutes Stück zurückgedrängt werden, und auch hier in Europa wird sich vieles wieder bessern. Wir sollten nicht in Angst und Panik verfallen. Die Welt wird schon nicht kaputtgehen.

Sie haben in Athen Gesang und Klavier studiert und waren in Griechenland bereits bekannt, als Sie 1960 das Land verließen, um in Deutschland Karriere zu machen. Das war nicht üblich damals für ein junges Mädchen, oder?
Stimmt, aber was hätte ich denn machen sollen? Ich liebe meine griechische Heimat, ich liebe die Griechen, aber ich wollte die Welt kennenlernen. Ich war neugierig, sang unterschiedliche Stile und konnte durchs Fernsehen, da in Griechenland nicht synchronisiert wurde, schon ganz ordentlich Englisch. Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich für die Kultur interessiert und versucht, die Sprache zu lernen. Das hat aber nicht so gut geklappt (lacht).

„Weiße Rosen aus Athen“ singen Sie aber ziemlich akzentfrei …
Ich habe immer hart gearbeitet und war ehrgeizig. Ich wollte das gut singen. Und im deutschsprachigen Raum schlossen mich die Menschen schnell ins Herz. Sie begannen zu reisen und meine Musik verkörperte Sehnsucht. Für die Menschen war Griechenland ein Traumland, und das nur 15 Jahre nach Ende des Krieges.

Sie haben die „Weißen Rosen“ auch auf Englisch, Italienisch, Französisch oder Spanisch gesungen. Funktioniert das Lied überall auf der Welt?
So ist es. Die verschiedensten Kulturen fühlten sich davon angesprochen. Die griechische Musik war mein Türöffner, doch ich wollte mehr über die unterschiedlichen Länder und deren Musik wissen. Also sang ich überall Folksongs, nur dass sie in Deutschland Schlager, in Frankreich Chanson und in England Country heißen.

Wollten Sie schon einmal aufhören zu singen?
Ella Fitzgerald, mein großes Idol, sang noch, als sie schon im Rollstuhl saß. Das werde ich nicht tun. Als ich 70 Jahre alt wurde, dachte ich, ich höre besser auf, also ging ich noch einmal auf Tour, und diese Tour dauerte acht Jahre. Dann war sie zu Ende und mir war langweilig. Ich hatte nichts zu tun. Und so kehrte ich drei Jahre nach meinem Abschied auf die Bühne zurück (lacht). Die Bühne ist der Ort, an den ich gehöre.

Nana Mouskouri wurde am 13. Oktober 1934 in Chania auf der Insel Kreta geboren. Sie hat eine Ausbildung in klassischem Gesang, im Klavierspiel und in Harmonielehre. In den 60er und 70er Jahren feierte die Griechin weltweit Erfolge. Heute gilt sie mit rund 300 Millionen verkauften Tonträgern hinter Madonna als die erfolgreichste Sängerin der Welt. Mouskouri lebt in zweiter Ehe mit André Chapelle vorwiegend in Genf (Schweiz) und in Paris (Frankreich). Aus erster Ehe mit dem Musiker und Komponisten Georgios Petsilas stammen ihre beiden Kinder Nicolas, 49, und Helene, 47. Sie sind ebenfalls künstlerisch tätig. Über ihren Beruf sagt Mouskouri: „Solange ich auf beiden Beinen stehen kann, werde ich singen.“
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