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Ausgabe Nr. 47/2017 vom 21.11.2017, Fotos: Fotolia, picturedesk.com
Obst oder Kalorienbombe? Vor allem in Städten und im Osten bringen Kinder zu viele Kilos auf die Waage.
Hans Hauner, Ernährungsmediziner:
„Die Bürger wollen durchaus mehr
gesunde Lebensmittel kaufen, scheitern bisher aber auch am Preis.“
Kurt Widhalm, ÖAIE-Präsident:
„Wir wissen, dass sich Kinder im
Turnunterricht nicht mehr als zehn, zwölf Minuten tatsächlich bewegen.“
Keine Steuer auf Obst und Gemüse
Jeder dritte Volksschüler schleppt zu viele Kilos mit sich herum. Fast jeder zweite Erwachsene ist zu dick. Deutsche Forscher wollen deshalb die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse streichen. Gesundes soll billiger werden.
Wenn bei uns Salat, Äpfel oder Karotten im Einkaufswagerl landen, sind dafür zehn Prozent Mehrwertsteuer fällig. So wie für die meisten Lebensmittel. In Deutschland sind es in der Regel sieben Prozent.

Nach dem Willen von Ernährungsexperten soll das anders werden. Sie wollen die Steuer auf Obst und Gemüse streichen. Denn eine jüngste Studie zeigt, „dass die Bürger durchaus mehr gesunde Lebensmittel kaufen wollen, bisher aber auch am Preis scheitern“, sagt der Münchener (D) Ernährungsmediziner Hans Hauner.

Ein Zehntel weniger Fettleibige gäbe es, wenn die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse wegfällt. Und im Gegenzug ungesunde Lebensmittel teurer werden.

Auch die Konsumentenschützer von „foodwatch“ fordern von Angela Merkel und einer neuen Regierung, „mit steuerpolitischen Maßnahmen eine gesunde Ernährung zu erleichtern. Die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse muss abgeschafft werden“, sagt „foodwatch“-Geschäftsführer Martin Rücker.

Der Preis hat Einfluss darauf, was wir essen. „Die Wissenschaft sagt ganz eindeutig, dass mit Preisgestaltung das Verhalten geändert werden kann“, erklärt Professor Kurt Widhalm, der Präsident des Österreichischen Akademischen Institutes für Ernährungmedizin (ÖAIE). „Ob das jetzt eine Verteuerung oder eine Verbilligung ist, das ist ziemlich egal. Von meinem Gefühl her wäre ich dafür, dass Produkte wie Obst und Gemüse günstiger werden. Und der Abstand zu anderen Produkten größer wird.“

In unserem Land ist fast jeder zweite Bürger übergewichtig. Schon jeder dritte achtjährige Bub und jedes vierte Mädchen wiegen zu viel. Das kann die Gesundheit gefährden.„Die Frage ist, wollen wir etwas tun gegen die Ausbreitung der Übergewichtigkeit und der entsprechenden Folgen wie Diabetes, Gelenks- und Kreislauferkrankungen, oder nicht“, sagt Kurt Widhalm. „Das ist eine politische Frage und eine Frage, die die Gesellschaft beantworten muss.“ Doch Maßnahmen bleiben aus.

Dabei wirkt die Steuerung über das Geldbörsel, wie Beispiele aus anderen Ländern zeigen. In Mexiko gibt es seit dem Jahr 2014 eine zehnprozentige Zusatzsteuer auf Limonade. Der Verkauf der Kalorienbomben sank fast um ein Zehntel. Vor allem ärmere Familien kauften sie seltener. In der kalifornischen Stadt Berkeley (USA) führten die Stadtväter vor zwei Jahren eine „Zuckerwasser“-Steuer ein. Jetzt gehen dort weniger Cola und ähnliches über den Ladentisch, aber mehr Wasser.

In das Säckel des Finanzministers würde die Steuerfreiheit für Obst und Gemüse ein ordentliches Loch reißen. Geschätzte 2,1 Milliarden Euro haben wir im Vorjahr für Obst und Gemüse ausgegeben. „In diesem Betrag sind etwa 200 Millionen Euro Umsatzssteuer enthalten“, heißt es aus dem Finanzministerium. Das Geld würde fehlen, wenn Früchte und „Grünzeug“ steuerfrei sind. Auf der anderen Seite fallen weniger Krankheitskosten an.

Die Ernährungsexperten möchten nicht nur Obst und Gemüse billiger, sondern auch zuckerhaltige Limonaden teurer machen. Sie gehören zu den Hauptverursachern von Fettleibigkeit, mehr noch als Süßigkeiten. In Deutschland wird ein Steuersatz von 29 Prozent vorgeschlagen, statt bisher 19 Prozent. Bei uns schlägt der Staat derzeit 20 Prozent auf solche Getränke auf. Bei Milch und Wasser sind es hingegen nur zehn Prozent.

Hierzulande sind vor allem Kinder in Städten und im Osten anfällig für zu hohes Gewicht. In Wien sind sogar drei von 200 Kindern extrem übergewichtig. Volksschüler mit 80 oder 90 Kilo sind keine Seltenheit.

Allerdings zeigt das Projekt „EDDY-young“ in der Bundeshauptstadt, dass der Nachwuchs lernwillig ist. „Die Kinder bekommen eine Ernährungsschulung sowie eine Erziehung hinsichtlich der körperlichen Tätigkeit. Wir wissen, da gibt es auch Studien aus unserem Land, dass sich Kinder im normalen Turnunterricht nicht mehr als zehn, zwölf Minuten tatsächlich bewegen“, erklärt Professor Widhalm. „Die körperliche Aktivität ist ein ganz wichtiger Faktor. Das dürfen wir auch nie vergessen, wenn wir über Preisgestaltung reden.“ Aber wenn die Kinder am Wochenende nur vor dem Bildschirm hocken und Süßes in sich hineinstopfen, helfen die Schulaktivitäten wenig.

Insgesamt 160 Kinder haben bei „EDDY-young“ teilgenommen, 72 in der sogenannten „Interventionsgruppe“. Sie konnten nach einem Jahr deutlich besser rennen, balancieren und springen. Der Körperfett-Anteil sank, die Muskelmasse stieg.

Der Überfluss, die andauernde Verfügbarkeit von Essen setzt aber uns allen zu. „Es muss einfach wieder modern werden, einmal weniger zu essen“, weiß Kurt Widhalm, „nicht überall zuzugreifen oder weniger Schokolade zu essen. Deswegen braucht kein einziges Produkt verboten werden. Verbieten ist völlig sinnlos und kontraproduktiv. Sondern wir müssen den vernünftigen Umgang mit Lebensmitteln wieder lernen. Den haben viele Menschen verlernt.“
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