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Ausgabe Nr. 46/2017 vom 14.11.2017, Fotos: All mauritius, zVg
Traurige Familienschicksale.
Der Schlosser Michael Bübl wird zum Türöffnen gerufen.
Der Tod wartet hinter der Tür
Der Wiener Michael Bübl, 52, ist Schlosser. Er öffnet Türen, wenn jemand seinen Schlüssel vergessen hat. Oder wenn es keine andere Möglichkeit gibt, in eine Wohnung zu kommen, weil der Bewohner Selbstmord begangen hat. Was er dabei erlebte, hat er nun im Buch „Endlich bin ich erlöst“ aufgeschrieben.
Ich höre über den Beruf des Schlossers nur Schlechtes. Er sei zu teuer zum Beispiel. Dabei ist das einer der schwersten Berufe. Es bedenkt niemand, dass ich tote Menschen sehe, zudem muss ich rund um die Uhr auf Abruf sein. Und es gibt immer Streitereien wegen des Geldes“, erzählt der 52jährige Michael Bübl. Dabei erfülle er einen ebenso wichtigen wie traurigen Dienst, erklärt der Wiener. Was er damit meint, hat er im Buch „Endlich bin ich erlöst“ (Eigenverlag, 10,10 Euro, erhältlich unter www.buebl.at, in Buchhandlungen oder über Amazon) festgehalten. Es sind bizarre Geschichten über Selbstmorde in unserer Bundeshauptstadt.

„Denn ich werde als Schlüsseldienst zur Türöffnung gerufen“, sagt der Schlosser. „Im Laufe meiner 30jährigen Tätigkeit habe ich etwa 100 Tote gesehen. Zumeist“, weiß Bübl, „ist die miese finanzielle Situation der Grund für den Selbstmord.“ Wie damit von der Polizei umgegangen wird, stört ihn. „Niemand soll erfahren, wie die Seele des Volkes tickt. Ist doch die Selbstmordrate ein Hinweis auf die Volksgesundheit. Also geben die Behörden wenig bis gar keine Informationen bezüglich dieser ,Unpässlichkeit‘ preis. Nichts wird so verheimlicht wie die Selbsttötung.“

Dabei sind die Fälle dramatisch. Wie jener an einem eisigen Tag im Jänner. Es war sechs Uhr in der Früh, als Bübl im Beisein des Gerichtsvollziehers und von Polizisten die Wohnungstür öffnete. „Ein See von geronnenem Blut war zu sehen“, schreibt der Schlosser in seinem Buch. „Viel Blut, mehr als von einem Menschen. Keiner der Männer sprach ein Wort, sie sahen einander nur an. Im Schein einer Taschenlampe drangen wir vor. In eine Substandardwohnung ohne Strom und ohne Wasser. Der Lichtkegel fiel auf eine Gruppe sitzender Personen. Im hinteren Teil des kleinen Raumes saß eine Frau. Links und rechts von ihr kauerten zwei kleine Kinder. Die Gesichter fest in der Seite ihrer Mutter begraben. Die Mutter breitete ihre Hände wie schützende Flügel über sie aus. Die Kinder wiesen tiefe Schnittwunden an der Unterseite beider Handgelenke auf. Die Hände waren den Kindern beinahe abgetrennt, mit solcher Kraft wurden die
Pulsadern durchgeschnitten. Die Mutter wies ähnliche Verletzungen auf.“

Die Ermittlungen ergaben später, dass die 31jährige Frau zunächst ihre fünf Jahre alte Tochter und dann den sieben Jahre alten Sohn getötet hatte, ehe sie Selbstmord beging. Der Grund für die Tat war mit hoher Wahrscheinlichkeit die bevorstehende Räumung. Es wurde ein Abschiedsbrief gefunden, in dem die Frau dies angedeutet hat. Die Kinder sollten ihr weggenommen werden. Das hat sie nicht verwunden.

Sein schlimmster Fall betrifft jedoch eine befreundete Familie, die Michael Bübl seit Kindertagen kennt.„Der Sohn rief mich eines Tages an und bat mich, die Wohnung seiner Mutter zu öffnen. Sie würde sich nicht melden, meinte er, doch er wisse, dass sie daheim sei. Also fuhr ich zur Wohnung der Mutter. Der Sohn wohnte in der Nachbarwohnung, die Tochter im Nebenhaus. Die Familie stand sich ziemlich nah. Mit Drahtwerkzeug konnte ich die Wohnung der Mutter rasch öffnen. Sie hing wenige Meter von uns entfernt an einem Heizungsrohr. Der Sohn war offensichtlich schwer geschockt. Er sagte zu mir, er wolle kurz in seine Wohnung gehen und die Schwester anrufen. In der Zwischenzeit verständigte ich die Polizei. Kaum hatte ich das getan, erschien die Schwester, völlig aufgelöst und angespannt. Noch ehe ich es verhindern konnte, stürmte sie in die Wohnung und sah die hängende Mutter. ‚Und was ist mit meinem Bruder‘, fragte sie. Sie ging die wenigen Meter zu dessen Wohnung und trommelte gegen die Tür. ‚Mach auf‘, schrie sie. Doch ohne Erfolg. Sie bat mich, die Tür zu öffnen und das tat ich. Der Anblick, der sich uns bot, war unfassbar. Im Vorzimmer der Wohnung verlief an der Decke eine Wasserleitung, ein massives Eisenrohr. An diesem Rohr hing der Bruder und baumelte hin und her. Das machte mir derart zu schaffen, dass ich das Verschwinden der Schwester gar nicht bemerkte. Erst als die eingetroffenen Polizisten mich nach der Schwester fragten, wurde mir die Situation wieder bewusst. Ich führte den Beamten zu ihrer Wohnung. Wieder öffnete auf unsere Rufe niemand. Der Polizist meinte, ich solle ihm helfen, die Tür aufzubrechen. ,Ich glaube, da ist was im Gange‘, sagte er. Tatsächlich hatte sich auch die Schwester erhängt. Der Polizist stürmte noch zu ihr, um sie zu retten, doch es war zu spät. Die gesamte Familie hatte sich an einem Tag selbst gerichtet.“
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