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Ausgabe Nr. 41/2017 vom 10.10.2017, Fotos: duty
Die Pensionisten haben nur fünf Minuten, um sich kennenzulernen.
Moderator Bernhard Horn hatte seinen Spaß. Als „Gong“ benützte er einen Kochtopf.
Fünf Minuten für die Liebe
Zum alten Eisen gehören sie noch lange nicht. Und dass sie keine Scheu haben, jemanden kennenzulernen, bewiesen mehr als 200 Frauen und Männer ab 45 Jahren bei einem Kennenlern-Abend in Wien. Beim sogenannten „Speed Dating“ hatten die Männer und Frauen fünf Minuten Zeit, sich näherzukommen. Reihum. Weil die Veranstaltung so gut ankam, gibt es am Donnerstag, 19. Oktober, bereits die nächste.
Hallo, ich bin der Walter, ich freue mich, dich kennenzulernen“, sagt der 70jährige zur Frau, die ihm beinahe Knie an Knie gegenübersitzt. „Und ich bin die Inge aus der Steiermark“, antwortet die 66jährige mit einem Lächeln. Das Eis ist gebrochen, die beiden Senioren plaudern drauflos. Doch Eile ist geboten, denn sie haben nur fünf Minuten Zeit, um zu erforschen, ob sie gemeinsame Interessen haben und daher in Folge Freundschaft oder gar Liebe zwischen ihnen entstehen kann. Sie haben Zeit, bis ein Gong-Schlag vom Moderator Bernhard Horn ertönt. Ein einfacher Kochtopf dient ihm als „Krach-Macher“. Niemanden stört‘s. Schon rücken die Männer um einen Sessel weiter und das Gespräch beginnt von vorne. „Hallo, ich bin der Walter …“

Walter und Ingrid sind Teilnehmer des ersten großen Kennenlern-Abends für Senioren, des sogenannten „Speed Dating“. Er hat Anfang September im Pensionistenklub, im Haus Sperrgasse 17, im 15. Wiener Gemeindebezirk stattgefunden. Luftballons und duftende Rosen zieren die Räume und deuten schon darauf hin, worum es geht. Es gilt, der Einsamkeit zu entfliehen. Um die Hemmschwelle herabzusetzen, können die rund 220 Teilnehmer ein Gläschen Sekt trinken oder bei einem kleinen Imbiss schon ins Gespräch kommen. Die Damen haben zudem die Möglichkeit, vor den Gesprächen mit den Männern ihre Weiblichkeit von einer Visagistin mit flinken Lidstrichen, ein wenig Lippenstift und Rouge betonen zu lassen. Zum Preis von fünf Euro.

Das „Speed Dating“, also das rasche Kennenlernen, lässt den Geräuschpegel ordentlich anschwellen. Im großen Gemeinschaftsraum haben die Männer auf der einen Sesselreihe Platz genommen, die Frauen ihnen gegenüber auf der anderen. Ein Gong wird geschlagen, dann beginnen die fünf Minuten, um sich dem Gegenüber zu präsentieren. Nervöses Lachen, aufgeregtes Kichern, ein paar verhaltene Blicke werden ausgetauscht, zuweilen auch konkrete Fragen gestellt. „Guten Tag, suchen Sie jemanden für eine Beziehung?“ Fünf Minuten sind schnell vorbei, da muss rasch gehandelt werden, wer ans Ziel kommen möchte. Wie der 72jährige Heinz Koutney. „Ich suche eine Frau“, gibt er unumwunden zu. „Wir sollten einander sympathisch sein und dann kommt ein bisschen Liebe“, schmunzelt der Senior, der gern mit einer 30jährigen anbandeln würde, an diesem Nachmittag jedoch mit älteren Semestern vorliebnehmen muss. „Ich hatte auch schon was mit einer 70jährigen“, meint er schmunzelnd. Ein Mann ohne viele Worte, dafür mit starken Gesten, auch im Alltag. „Wenn mir eine Frau gefällt, gebe ich ihr meine Visitenkarte. Verbunden mit den Worten, „Sie haben Chancen bei mir. Nein“, lacht Koutney, „an Selbstvertrauen mangelt es mir nicht.“

Weniger auf Körperliches, dafür auf Intellekt ist Irene Kalle aus. „Ich bin zirka 65“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Die Betonung liegt auf „zirka“. Die in Wien lebende Italienerin ist seit drei Jahren Witwe. Davor war sie 40 Jahre verheiratet. „Ich finde das ‚Speed Dating‘ interessant. Es ist etwas Neues für mich. Ich würde gerne einen Mann kennenlernen, der mit mir auf einer Wellenlänge liegt. Er muss gebildet und gepflegt sein. Ich bin schon alt. Da ist Freundschaft in einer Beziehung besonders wichtig. Wenn ich mit einem Mann einen Kaffee trinken und gute Gespräche führen kann, ist das nett. Wenn du jung bist, suchst du einen Prinzen. Ich bin mir nicht sicher, ob es Liebe in meinem Alter noch gibt. Auch Freundschaft ist Liebe.“

Ähnlich sieht es die 79jährige Gerda Chechak, die bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung da war, um sich schminken zu lassen. Mit einem zarten Rosaton auf den Lippen und einem gewinnenden Lächeln weiß sie in den Gesprächen zu überzeugen. „Es wäre schön, jemanden zu haben, mit dem ich ins Theater gehen kann“, sagt die Seniorin.

Wieder ertönt der Gong, wieder sind fünf Minuten vorüber. Wieder sitzt sie einem anderen Mann gegenüber. Es ist ein netter Herr mit Brille, der zunächst ein wenig zurückhaltend wirkt, aber rasch „auftaut“. Kein Wunder, die 79jährige strahlt mit ihren blauen Augen und ihrem Lächeln Freundlichkeit und ein Wohlfühlen aus. Ein Blick über die Besucher zeigt, dass sich bereits nach wenigen Gesprächs-Runden erste Kontakte anbahnen. Erika Maier und Adolf Zehetner (wir haben die Namen der beiden geändert, weil sie nicht genannt werden möchten) sind eines der ersten Paare, die sich gefunden haben. Während die anderen noch „Sesselrücken“, bleiben die beiden nebeneinander sitzen und plaudern angeregt, danach tauschen sie ihre Telefonnummern aus, mit dem Versprechen, sich bald wieder zu treffen. Auch dem Moderator des geselligen Beisammenseins, Bernhard Horn, ist das Pärchen nicht entgangen. „Aha“, meint er lachend, „hier bahnt sich was an.“ Die Steirerin und der Waldviertler (NÖ) sehen sich an und lachen ebenfalls. „Du“, sagt Zehetner zu seiner „Eroberung“. „Wie wäre es, wenn wir am Wochenende gemeinsam zum Erntedankfest gehen?“ – er musste nicht lange auf die Zustimmung warten. Auch Gerda Chechak tauscht ihre Telefonnummer aus. Das „Speed Dating“ hat sich für die 79jährige gelohnt. „Es war eine schöne Erfahrung und hat Spaß gemacht“, sagt sie. „Bis zum letzten Gong.“ Der ertönt um 19 Uhr. Fünf Stunden nach dem Beginn der Veranstaltung, die gezeigt hat, dass es die Männer leichter haben, eine Frau zu finden als umgekehrt. Gut zwei Drittel der Anwesenden waren Damen.

Dennoch ist Moderator Horn zufrieden. „Einige Freundschaften sind entstanden, mehrere Treffen wurden vereinbart und ich glaube, das eine oder andere Pärchen hat sich ebenfalls gefunden.“ Zur Bestätigung dieser Worte ruft gleich eine gutsituierte Frau, „Den gebe ich nicht mehr her. Er ist Fotograf. Und so lustig und unterhaltsam“, schwärmt sie von ihrem neuen Freund. „Morgen machen wir einen Ausflug nach Schönbrunn.“

Aussagen wie diese lassen das Herz von Elisabeth Müllerhöher schlagen und bestätigen sie in ihren Bemühungen. Denn die Leiterin der Pensionistenklubs der Wiener Bezirke 15 bis 19 ist die Initiatorin dieser Kennenlern-Methode.

„Weil dieses ,Speed Dating‘ so gut geklappt hat, findet am 19. Oktober ab 15.30 Uhr die nächste Veranstaltung statt“, sagt sie. Und zwar im Seniorenhaus an der Türkenschanze, im 18. Bezirk. Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird jedoch unter Tel.: 01/313 991 70 112 gebeten.
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