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Ausgabe Nr. 38/2017 vom 19.09.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Melissa Kayser (links) machte ihrer Schwester Lisa ein großes Geschenk.
Die Umstandskleidung der Leihmutter kauften die zukünftigen Eltern.
Melissa und Curt Kayser bei der Geburt ...
... und als glückliche Eltern.
„Ich brachte die Kinder meiner Schwester zur Welt“
Nach neun Fehlgeburten war Melissa Kayser der Verzweiflung nahe. Ein eigenes Kind schien für sie unerreichbar. Ihrer Schwester Lisa brach es fast das Herz, sie so leiden zu sehen und sie bot sich ihr als Leihmutter an.
Müde, aber glücklich hält Melissa Kayser ihre knapp vier Monate alten Zwillingstöchter Ashlynn und Tierney im Arm. „Die beiden halten mich ganz schön auf Trab“, lächelt die Mutter. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal durchgeschlafen habe.“ Aber die 33jährige nimmt diese Unannehmlichkeit gerne in Kauf. Bedeuten die beiden Mädchen für sie doch das, was sie sich jahrelang sehnlichst gewünscht hatte. Ihre Ehe blieb viele Jahre kinderlos. Und wäre es wohl noch immer, wenn sie von ihrer Schwester Lisa nicht ein selbstloses Geschenk erhalten hätte.

„Ich hatte neun Fehlgeburten. Die Arztrechnungen häuften sich, und wir waren immer noch kinderlos“, erzählt die Sekretärin aus Omaha im US-Staat Nebraska, wo ihr Mann Curt als Polizist für Ordnung sorgt.Nach den ersten drei Fehlgeburten unterzog sich Kayser in einer Fruchtbarkeits-Klinik verschiedenen Behandlungen, einschließlich vier künstlichen Befruchtungen. Alles vergeblich. „Ich fühlte mich wie ein Versager. Mit jedem verlorenen Kind verlor ich ein bisschen von meiner Seele“, erzählt sie.

„Wenn du so weitermachst, ruinierst du deine Gesundheit“, sagte eines Tages Kaysers Schwester Lisa Auten, der es fast das Herz brach, deren scheiternde Bemühungen zu sehen. „Warum versuchst du es nicht mit einer Ersatzmutter?“
Die Antwort von Melissa Kayser war eindeutig. „Ich will nicht, dass mein Baby im Körper einer fremden Frau heranwächst. Wir könnten die 85.000 Euro, die so etwas kostet, ohnehin nicht aufbringen.“

Die unverheiratete Geschäftsfrau ließ ein paar Monate verstreichen, bis sie das Thema wieder anschnitt. „Würdest du ein Baby lieben, wenn ich es für dich zur Welt gebracht hätte?“, fragte die 35jährige ihre Schwester. Kayser war zunächst sprachlos. „Du, eine Ersatzmutter?“, entfuhr es ihr. „Du magst doch Kinder überhaupt nicht.“ Doch ihre Schwester lächelte nur. „Für dich würde ich es tun. Ich kann dich nicht länger leiden sehen. Es tut mir weh. Ich werde dir helfen, eine richtige Familie zu gründen. Es ist ganz einfach“, lachte sie. „Ich leihe dir meine Gebärmutter.“

Die beiden Schwestern waren einander immer nahe. Ihre Beziehung wurde noch enger, nachdem Lisa Auten zwei von Curt befruchtete Embryonen Melissas eingepflanzt wurden. Nach fünf Tagen machte die Leihmutter einen Test. „Als sich der Streifen rosa verfärbte, sprang ich vor Freude durch die Wohnung“, erinnert sich Auten. „Ich fotografierte die Probe und schickte das Bild Melissa“, erzählt sie. Von nun an sahen sich die Schwestern jeden Tag. Sie gingen zusammen zu den medizinischen Tests. Melissa Kayser redete Lisa Auten gut zu, wenn diese unter Übelkeit litt. Neben ihr sitzend, spielte Kayser Musik für ihr ungeborenes Baby und spielte auch Kinderbücher vor, die Curt auf Band gesprochen hatte. „Meine Babys sollten die Stimme ihres Vaters so früh wie möglich hören.“

Im September 2016, in der sechsten Woche, erfuhr Lisa Auten, dass sie Zwillinge erwartete. Die ganze Zeit über sagte sie allen Menschen, die ihr zur Schwangerschaft gratulierten, dass sie nicht ihre eigenen Babys austrug, sondern jene ihrer Schwester. „Ich wollte Melissa nicht ihre Babys rauben“, lacht sie.

Kurz vor der Geburt entwickelte Lisa Auten einen gefährlich hohen Blutdruck. Deshalb rieten ihr die Ärzte zu einem Kaiserschnitt. Tierney kam drei Minuten vor Ashlynn zur Welt. „Als Melissa ihre Zwillinge endlich in den Armen hielt, zitterte sie vor Aufregung“, erzählt Lisa Auten.

„Ja, ich war völlig aus dem Häuschen“, bestätigt die Schwester. „Ich konnte nicht glauben, dass ich doch noch Mutter geworden war. Und obendrein von Zwillingen. Es wird mir zwar immer leid tun, dass ich meine Kinder nicht selber austragen konnte“, sagt Melissa Kayser. „Aber ich fühle mich trotzdem als ihre Mutter. Was Lisa für meine Familie getan hat, verbindet uns für immer.“

Und Lisa, die nie Kinder haben wollte, ist auch glücklich, nun Tante zu sein. „Ich habe zu meinen Nichten eine besondere Beziehung. Ich brachte die Kinder meiner Schwester schließlich zur Welt“, lacht sie.
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