Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 37/2017 vom 12.09.2017, Fotos: Natallia Vintsik/Fotolia, Agenda Austria, APA, picturedesk.com, Ludwig Schedl
Wir werden immer älter, verbringen daher mehr Zeit in der Pension. Die Kosten für den Staat werden daher zunehmen.
Chris Lohner, 74, Schauspielerin, Moderatorin und Autorin sagt: „Hausfrauen und Mütter haben ein Recht auf eine gute Pension“„Ich bin der Meinung, dass eine Frau, die zuhause war, um ihre Kinder zu erziehen und für sie da war, auch eine angemessene Pension kriegen müsste. Hausfrau und Mutter zu sein ist ein Beruf und harte Arbeit. Dafür wird ihnen zu wenig gezahlt, meist nicht einmal gedankt und dann gibt es dafür nicht einmal Pensionsjahre? Das ist ungerecht. Der Staat sagt, die Menschen sollen Kinder kriegen, aber die Arbeit, sich auch um die Kinder – die Steuerzahler von morgen – zu kümmern, wird nicht honoriert.“
Karl Blecha, SPÖ-Pensionistenverband: „Die 0,6 Prozentpunkte zusätzlich zur Inflationsabgeltung für die Mehrheit sind ein gutes Ergebnis.“
Die verratene Generation
Ein Leben lang arbeiten oder Kinder erziehen und dann mit einer niedrigen Pension abgespeist werden. Pensionisten in unserem Land fühlen sich verraten, während sich die Politiker der Regierungsparteien wenige Wochen vor der Nationalratswahl am 15. Oktober auf die Schultern klopfen und die bis zu 2,2-prozentige Pensionserhöhung als großen Wurf feiern.
Schon als Schulmädchen musste Gerda Leitinger, 81, mit anpacken. Ihre alleinerziehende Mutter – der Vater war im Krieg gefallen – war auf ihre nachmittägliche Hilfe angewiesen. Ob im Haushalt, im Weingarten oder im Stall. „Zeit zum Spielen blieb kaum“, sagt Leitinger. Später verdingte sie sich als Servierkraft und in einer Putzerei, dabei hätte sie gern Friseurin gelernt, doch die Mutter konnte die Jugendliche nicht entbehren.

Als Leitinger 20 Jahre alt war, kam das erste Kind, einige Jahre blieb sie deswegen zuhause. Auch beim zweiten Kind machte sie es so, denn sonst hätte sich niemand um ihren Nachwuchs kümmern können. Nach dem dritten Kind, das erst 20 Jahre nach dem ersten zur Welt kam, suchte sich die Steirerin keine Arbeit mehr, sondern widmete sich ihrer Jüngsten, machte den Haushalt und versorgte oft auch die kleine Familie der ersten, schon erwachsenen Tochter mit.

Für ihre jahrzehntelangen Mühen erhält die 81jährige heute eine Pension von 470 Euro. Es fehlt ihr aufgrund der langen Kinderbetreuungszeiten und ihrer Tätigkeit als Hausfrau an Beitragsmonaten. Da ihr zweiter Mann 1.530 Euro brutto Pension bezieht, kommen die beiden über die Runden. Große Sprünge lassen sich damit freilich nicht machen.

Daran ändert die gerade beschlossene Pensionserhöhung ab 2018 nichts. Für die Regierungsparteien ist es ein großer Wurf, dass sie sich – wahlkampfbedingt – ohne viel Diskussion einigen konnten, die kleinen Renten mehr als üblich anzuheben.

Zur Abgeltung der Inflation hätten 1,6 Prozent gereicht, doch nun werden Pensionen bis zu einer Höhe von 1.500 Euro brutto um 2,2 Prozent angehoben. Davon sind mehr als 1,7 Millionen Menschen in unserem Land betroffen. Gestaffelt wird die Erhöhung dann geringer. Jene, die mehr als 4.980 Euro brutto im Monat Pension erhalten, gehen diesmal leer aus. Eine Tatsache, die bei der Präsidentin des ÖVP-Seniorenbundes, Ingrid Korosec, Bedauern auslöst. Die Erhöhung der kleinen Pensionen wertet Korosec aber als Erfolg. „Die Inflationsrate spiegelt nicht die ständigen Teuerungen für Pensionisten wider, der ‚Warenkorb des täglichen Lebens‘ hingegen schon. Er weist aktuell eine 2,5-prozentige Preissteigerung aus. Ich bin froh, dass es für die meisten Rentner eine Erhöhung gibt, die zumindest in die Richtung geht.“

Auch der Präsident des SPÖ-Pensionistenverbandes, Karl Blecha, ist mit der Erhöhung zufrieden. „Ich hätte mehr wollen“, meint er, „aber 0,6 Prozentpunkte zusätzlich zur Inflationsabgeltung für die Mehrheit ist ein gutes Ergebnis.“ Die Erhöhung noch vor der Wahl war wichtig. „Wer weiß, was nachher ist. Wir hatten schon einmal eine schwarz-blaue Regierung, die die Renten gekürzt hat.“
Dass unterm Strich Kleinpensionäre wieder weniger bekommen als jene mit höherer Rente, lässt der Seniorenvertreter nicht gelten. „Ein 1.000-Euro-Pensionist kriegt im nächsten Jahr 2,2 Prozent, also brutto 22 Euro monatlich mehr. Netto bleiben ihm davon rund 21 Euro, weil er keine Lohnsteuer zahlen muss. Ein 2.000-Euro-Pensionist wiederum erhält 1,6 Prozent, also 33 Euro brutto mehr. Da dieser aber lohnsteuerpflichtig ist, beträgt sein Netto-Plus 19 Euro. Der 1.000-Euro-Pensionist erhält netto also mehr als jemand mit einer doppelt so hohen Pension. Und das ist in Ordnung, denn kleine Pensionen spüren die Teuerung stärker.“

Für Gerda Leitinger ist es trotzdem nur ein Wahlzuckerl, das „Rot“ und „Schwarz“ den Rentnern jetzt noch schnell vor dem Urnengang unter die Nase halten – ein ungerechtes. „Es sind nur zehn Euro im Monat mehr, aber Lebensmittel, Heizung und Strom werden für mich genauso teurer wie für jemanden, der das Zig-fache bekommt. Das ist unfair. Heute wird Frauen zum Glück etwas mehr angerechnet, wenn sie drauf schauen, dass künftige Steuerzahler gut aufwachsen, aber auf uns Alte wird nicht geschaut. Dabei waren wir es, die halfen, dieses Land wieder aufzubauen – ich fühle mich verraten.“

Pensionsexperten wie Michael Christl von der Agenda Austria wiederum vermissen in der Renten-Erhöhung die Nachhaltigkeit. „Derzeit steigen zwar die Ausgaben für Pensionen nicht so schnell wie prognostiziert, weil das Pensionsantrittsalter etwas gestiegen ist. Trotzdem wäre es klug, die Ausgaben nicht gleich wieder zu erhöhen, denn wir haben bei den Pensionen ohne Zweifel ein Finanzierungsproblem – allein schon durch den demografischen Wandel. Wir werden immer älter, verbringen daher mehr Zeit in der Pension. Die Kosten für den Staat werden also zunehmen. Schon jetzt brauchen die Renten einen Zuschuss von zehn Milliarden Euro pro Jahr, dazu werden weitere zehn Milliarden für die Beamtenpensionen aufgewendet. Die gerade beschlossene Erhöhung schlägt mit zusätzlichen 110 Millionen zu Buche. Kosten, die jährlich anfallen.“ Als Ausweg bleibt nur, länger zu arbeiten. Derzeit liegt das gesetzliche Pensionsantrittsalter in unserem Land bei 65 Jahren für Männer und bei 60 Jahren für Frauen, wobei Frauen bis zum Jahr 2033 an das Pensionsantrittsalter der Männer herangeführt werden sollen.

Nur ist es damit nicht getan, sagt Christl. „Der Bundeszuschuss für Pensionen wird bis 2045 auf das Dreifache steigen oder die Beiträge der Arbeitnehmer klettern um mehr als die Hälfte auf gut 36 Prozent des Bruttolohnes – oder die Pensionisten erhalten um ein Drittel weniger. All diese Szenarien sind kaum wünschenswert.“ Die einzige Lösung wäre laut Christl, die steigende Lebenserwartung bei den Renten zu berücksichtigen. „In Schweden zahlt jeder auf sein eigenes Pensionskonto ein und kann im Grunde selbst entscheiden, wann er in Rente geht. Beim Pensionsantritt wird der Betrag auf dem Konto durch die Zahl der statistisch noch zu erwartenden Lebensjahre dividiert. Die Rentenhöhe hängt also davon ab, wie lange sie voraussichtlich bezogen wird. Automatismen, die die Lebenserwartung berücksichtigen, werden schon vielfach in Europa angewandt, bei uns noch nicht.“

Rein rechnerisch wäre das Finanzierungsproblem zu lösen, meint der Ökonom. „Indem das gesetzliche Pensionsantrittsalter von nun an schrittweise um zwei Monate pro Jahr bis zum Alter von 67 hinaufgesetzt wird.“ Theoretisch, denn aus juristischen Gründen ist dies nicht von heute auf morgen möglich, sondern benötigt fünf Jahre Vorlaufzeit.

Eine weitere Möglichkeit, Geld einzusparen wäre, die Beamtenpensionen, die im Schnitt deutlich über jenen der im Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz (ASVG) Versicherten liegen, schneller anzugleichen. „Derzeit orientiert sich die Pensionshöhe im ASVG an den Einkommen der vergangenen 40 Jahre, für die Berechnung der Bundesbeamten-Renten werden aktuell die letzten 19 Jahre herangezogen. Bei den Beamten wird die volle Durchrechnung erst 2028 erreicht, in Wien gar erst 2042 – das dauert viel zu lange. Die Umstellung sollte bis 2021 abgeschlossen sein“, sagt Christl.
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung