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Ausgabe Nr. 32/2017 vom 08.08.2017, Fotos: ddp images, Kolarik Andreas
Medizinisches Cannabis wird in Kapseln oder als Tropfen verabreicht.
Dr. Karl Wohak, Schmerzarzt: „Durch die Tabuisierung von Cannabis sind viele Patienten stark verunsichert, wenn sie Cannabis als Medikament verschrieben bekommen.“
Hanf hilft in der Medizin
Die Hanfpflanze galt über Jahrtausende bis zur Erfindung synthetischer Medikamente als Heil- und Arzneipflanze. Sie half bei Migräne, epilepsieähnlichen Krämpfen und Schlafstörungen. Heute ist Cannabis als Genussmittel bei uns verboten. Medizinisches Cannabis hilft jedoch bei vielen Leiden.
Drogen, „Junkie“ oder Sucht sind die ersten Worte, die uns in den Sinn kommen, wenn die Rede auf den Hanf oder Cannabis (= wissenschaftlicher Name) kommt. Zu dieser drastischen Beurteilung trägt auch der Gesetzgeber seinen Teil bei, denn Cannabis wird in unserem Land als Suchtmittel geführt. Wer ein Pflänzchen zu Hause hat, läuft leicht Gefahr, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, denn aus den Blüten der weiblichen Hanfpflanze können berauschende Substanzen gewonnen werden. Das ist strafbar.

Immer mehr Experten und Ärzte kritisieren diese strenge Haltung. Cannabis mache nicht abhängig, das zeigen mittlerweile zahlreiche Untersuchungen. Es berausche wie Alkohol und der ist auch nicht verboten, argumentieren sie. Doch der Gesetzgeber bleibt (noch) hart und gewährt nur eine Ausnahme. Die Anwendung von medizinischem Cannabis. Dieses ist rezept- sowie chefarztpflichtig und wird von den Krankenkassen bezahlt.

Das (Vor-)Urteil gegenüber Cannabis verunsichert viele, auch Patienten, die von ihrem Arzt Cannabis als Therapie angeboten bekommen. Dr. Karl Wohak, stv. Ärztlicher Direktor der Privatklinik Wehrle-Diakonissen Salzburg und Leiter des Interdisziplinären Schmerzzentrums in Aigen, kennt das Problem. Er tritt für eine Enttabuisierung von Cannabis ein.

Dr. Wohak, was ist medizinisches Cannabis? Was ist der Unterschied zu herkömmlichem Cannabis?
Cannabis ist eine Pflanze mit bewusstseinsverändernden Bestandteilen. Es wirkt, je nach Dosis, wie Alkohol für eine bestimmte Zeit berauschend, bewusstseinsverändernd. Medizinisches Cannabis besteht aus Cannabinoiden. Das sind im Labor hergestellte Verwandte des Wirkstoffes THC, denen die berauschende Komponente fehlt.

Das vom Arzt verschriebene Cannabis macht also nicht abhängig?
Cannabinoide machen nicht abhängig. Es gibt Studien, die bestätigen, dass auch natürliches Cannabis nicht abhängig macht. Cannabis ist von seiner Wirkung kein Suchtmittel, auch wenn das Gesetz vorschreibt, dass wir Medikamente mit Cannabinoiden als Suchtmittel kennzeichnen müssen.

Wie wirken Cannabinoide in der Therapie?
Sie wirken gegen Übelkeit, appetitanregend, krampflösend und obwohl sie kein Schmerzmittel sind, empfinden Menschen mit chronischen Schmerzen ihre Schmerzen weniger stark.

Bei welchen Krankheiten kann medizinisches Cannabis helfen?
Es hilft Tumorpatienten, die aufgrund der Chemotherapie an Übelkeit und Appetitlosigkeit leiden. Seine krampflösende Wirkung kommt Epileptikern, Parkinsonpatienten und jenen mit Multipler Sklerose zugute. Menschen mit chronischen Schmerzen, die trotz Basistherapie an Schmerzen leiden, können mit einem Cannabispräparat andere Schmerzstiller wie Opioide herabsetzen. Patienten fühlen sich wohle und schlafen besser.

Wie nehmen Patienten das ihnen verschriebene Cannabis ein?
Als Tropfen, Tabletten und als Mundspray.

Gibt es Patienten, die auch bei entsprechender Erkrankung kein Cannabis bekommen sollten?
Menschen mit Psychosen und psychischen Auffälligkeiten. Beschwerden, wie Wahnvorstellungen oder Selbstmordgedanken, können sich verstärken. Vorsicht ist in der Schwangerschaft, Stillzeit und bei Herzkreislauferkrankungen geboten.

Hat Cannabis zur therapeutischen Nutzung Nebenwirkungen?
Nein, weder auf den Magen, noch auf Leber oder Nieren. Es gibt keine Veränderung der Blutgerinnung oder Einschränkung der Lungenfunktion. Manche spüren Müdigkeit, Schwindel, Schlafstörungen, doch die klingen bald ab. Cannabis zu therapeutischen Zwecken ist langfristig gut verträglich.

Wird Hanf in Zukunft bei Krebs zum Einsatz kommen? Einzelfälle gibt es ja schon…
Cannabinoide mit Wirkung über CB2 -Rezeptoren können vermutlich einen stärkenden Einfluss auf das Immunsystem nehmen. Einzelfälle wie beim Prostatakarzinom lassen wissenschaftliche Forschung sinnvoll erscheinen, wie weit Canbabinoide bösartige Erkrankungen positiv beeinflussen können. Derzeit besteht aber keine empfohlene Indikation für solche Therapien.

Wäre Cannabis legal, könnten sich Patienten selbst behandeln?
Theoretisch ja, aber Cannabis als Therapie sollte nur unter ärztlicher Aufsicht genommen werden. Bei einem Cannabinoid weiß der Arzt, wie viel Milligramm der Wirkstoffe THC oder CBD enthalten sind. Bei der Pflanze ist das nicht so. Cannabis entfaltet oft erst in Kombination mit anderen Medikamenten die gewünschte Wirkung.


Was ist …
Hanf: Pflanze, Produkte aus der Pflanze (Fasern)
Cannabis: wissenschaftlicher Name für Hanf
Gras, Marihuana: umgangssprachlich, getrocknete Blüten und die blütennahen, kleinen Blätter der weiblichen Hanfpflanze
Haschisch: aus Pflanzenteilen der weiblichen Hanfpflanze gewonnenes und zu Platten oder Blöcken gepresstes Harz.
Cannabinoide: Gruppe von Substanzen, die im Hanf natürlich vorkommen oder (semi-)synthetisch hergestellt werden können.
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