Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 31/2017 vom 01.08.2017, Fotos: ingo-bartussek.de/Fotolia, duty
Der Pflegeregress soll 2018 abgeschafft werden.
Das Ehepaar Kasafirek fühlt sich im Pensionisten-Wohnhaus wohl.
Das Dilemma mit der Pflege
Im nächsten Jahr soll der sogenannte Pflegeregress abgeschafft werden. Der Staat darf dann nicht mehr zur Deckung der Pflegekosten auf das Privatvermögen der zu betreuenden Person zugreifen. Doch Experten befürchten, dass dann viel mehr Menschen in Heimen untergebracht werden wollen. Dafür reichen jedoch die Plätze nicht aus. Es gibt aber auch Senioren, die nichts dagegen haben, ihr Vermögen für einen schönen Platz im Heim herzugeben.
Das Ehepaar Kasafirek aus Wien hat es sich gemütlich gemacht. Die 74jährige Margarete und ihr 81jähriger Mann Walter genießen einen guten Kaffee in ihren eigenen vier Wänden. Das Zimmer ist hell und freundlich und von Frau Kasafirek mit kleinen persönlichen Gegenständen eingerichtet. Das Paar lebt seit drei Jahren im Wiener Pensionisten-Wohnhaus Rosenberg und wird rund um die Uhr betreut.

„Ich bin in der Pflegestufe zwei, mein Mann in der Pflegestufe vier“, erzählt die Seniorin. „Mein Mann hatte vor 23 Jahren einen Schlaganfall. Walter ist seitdem
halbseitig gelähmt und braucht Pflege. Er bekommt alles mit, kann aber nicht sprechen.“ Bis zum Jahr 2007 hat sie ihn noch selbst im gemeinsamen Haus betreut.

„Aber dann wurde ich selbst krank. Ich habe Probleme mit der Wirbelsäule und tue mir schwer beim Gehen. Ich habe große Schmerzen im Rücken.“

Zunächst holte sich das Paar Hilfe nach Hause. Dabei gingen schon die meisten Ersparnisse drauf. Vor dem Umzug ins Pflegeheim verkauften die Kasafireks dann ihr Haus um 90.000 Euro und überwiesen das Geld an den Fonds Soziales Wien, um die Kosten für ihren Aufenthalt im Haus Rosenberg zu decken. „Von meiner Rente in Höhe von 1.139 Euro im Monat könnte ich das Heim nie finanzieren“, sagt die Seniorin, deren Kosten nun bei 2.233 Euro im Monat liegen, die Pflege ihres Mannes kostet sogar 3.462 Euro im Monat. Dem Ehepaar bleibt ein Taschengeld von 550 Euro übrig. Das reiche, meint die 74jährige, pflegebedürftige Frau. „Davon leisten wir uns manchmal ein Getränk ohne Zucker oder einen guten Kaffee. Hin und wieder kaufe ich mir auch eine Creme. Sonst ist ja alles im Heim vorhanden. Wir bekommen fünf Mahlzeiten am Tag und es gibt kostenlose Veranstaltungen. Es ist ein schönes, helles Haus und das Personal ist äußerst nett.“

Dass die Politiker darüber streiten, wer die Kosten für ihren Aufenthalt tragen soll, sieht sie mit einigem Unverständnis. „Ich habe mein ganzes Leben lang hart als Friseurin gearbeitet. Warum sollte ich das verdiente Geld an Enkerl abtreten? Für mich ist es selbstverständlich, dass ich für gute Pflege und Betreuung auch Geld investieren muss. Gute Pflege und Betreuung sind nun einmal teuer.“ Dennoch scheint es beschlossene Sache, dass mit Beginn des nächsten Jahres die Pflegebedürftigen ihr Privatvermögen, also Ersparnisse, Lebensversicherungen und Eigenheim, nicht mehr hergeben müssen. Der sogenannte Pflegeregress wird abgeschafft. Wiewohl die Finanzierung weiter Stoff für Konflikte bietet. SPÖ-Sozialminister Alois Stöger will zwar in Zukunft 50 Prozent der Kosten für mobile Pflegedienste übernehmen, doch er will auch eine Milliarde Euro in die Qualitätsverbesserung der Pflegeberufe investieren. Ohne die von der SPÖ geforderte Erbschaftssteuer ist das jedoch nicht finanzierbar. Die ÖVP stemmt sich gegen dieses Vorhaben.

Es geht um viel Geld. Und um eine immer größer werdende Zahl von Hilfsbedürftigen. Derzeit sind in unserem Land 75.000 Menschen in Pflegeheimen untergebracht. Weitere 455.000 sind in häuslicher Betreuung und erhalten Pflegegeld. Den Staat kostet das jährlich 2,5 Milliarden Euro. Fällt der Pflegeregress weg, müssen zusätzlich 100 Millionen Euro pro Jahr aufgewendet werden, um die Beiträge aus den privaten Bereichen zu ersetzen. Doch Politiker bezweifeln, dass es mit diesen 100 Millionen getan sein wird. „Es ist unverantwortlich, die Pflege für wahltaktische Spielchen zu missbrauchen und ohne irgendein Konzept der Gegenfinanzierung ein Finanzloch für künftige Generationen aufzureißen“, erklärt NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker in Anspielung auf die vorgezogene Nationalratswahl am 15. Oktober.

Die Pflegekosten könnten nach Ansicht von Experten auch deshalb steigen, weil nach dem Wegfall des Regresses zu erwarten ist, dass zahlreiche Menschen, die derzeit in häuslicher Betreuung stehen, dann in Heime abgegeben werden. Weil der Staat dann schon dafür zahlen wird. Derzeit leisten sich Angehörige die im Vergleich zum Heim noch billigeren Hilfskräfte aus Rumänien, Ungarn oder Polen. „Solche Pflegerinnen aus dem Osten verlangen für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung lediglich 1.500 Euro im Monat. Das ist natürlich viel billiger als die Pflege im Heim oder eine heimische Fachkraft, die das Doppelte kostet. Das war auch der Grund, warum ich meine Pflegetätigkeit aufgegeben habe und mich zur Sekretärin umschulen ließ. Ich konnte mit dem Billigpersonal nicht mehr mithalten“, erzählt eine 45jährige Kärntnerin. Eine Stelle in einem Heim wollte sie auch nicht annehmen, denn die Bezahlung dort ist nicht besser. Ein Dilemma unserer Pflege-Politik. Seit Jahren kämpfen die Mitarbeiter in den Heimen um bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne. Sie sind chronisch überlastet und unterbezahlt. Behalten die Experten Recht, wird sich ihre Situation dramatisch zuspitzen.

Der Großteil der Pflegebedürftigen, die noch ihr Erspartes hergeben müssen, freut sich jedoch über die neue Regelung. Darunter die 97jährige Monika Kuhar, die seit zehn Jahren im Volkshilfe Seniorenzentrum Graz Eggenberg untergebracht ist. „Vorher lebte ich in meinem Haus mit vielen Stufen. Da ich schwer gehe, war das für mich nicht mehr machbar. Das Haus gehörte mir und meinem Mann, der aber leider schon verstorben ist. Das Pflegeheim kostet mich 3.000 Euro im Monat und mein Haus deckt die Kosten ab, weil ich eine geringe Pension habe. Ich finde es wirklich gut, dass der Pflegeregress nun abgeschafft wird und dass ich das noch erleben darf. Meine Tochter könnte das Geld gut gebrauchen und es ist mir eine Freude, wenn ich ab 2018 meinem Kind und meinen Enkerln finanziell unter die Arme greifen kann.“
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung