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Ausgabe Nr. 31/2017 vom 01.08.2017, Fotos: nadezhda1906/Fotolia, Medienservice/Wilke
Nicht nur Urlaub machen, auch entspannen. So funktioniert‘s:
• Stopfen Sie nicht jeden Tag mit Aktivitäten voll.
• Liegen Sie nicht nur auf der faulen Haut, suchen Sie lieber auch nach neuen Eindrücken. Die Abwechslung zwischen Ruhe und Beschäftigung ist ideal.
• Fahren Sie lieber kürzer, aber dafür unter dem Jahr öfter auf Urlaub.
• Planen Sie Ihren Urlaub so, dass Sie jeweils noch einen Tag vor der Abreise und einen nach der Heimkehr frei haben.
• Legen Sie Mobiltelefon-Pausen ein. Sie müssen nicht ständig erreichbar sein.
Psychologe Dr. Gerhard Blasche: „Die meisten Herzinfarkte im Urlaub passieren während der ersten zwei bis vier Ferientage.“
Erholen Sie sich
Wir haben verlernt, uns im Urlaub zu erholen. Dabei ist nicht die Länge der Ferien entscheidend, sondern wie wir sie verbringen. Studien belegen aber, dass es den Schülern gar nicht gut tut, zwei Monate auf der faulen Haut zu liegen. Am meisten leidet ihr Gehirn.
Neun Wochen Urlaub, das ist derzeit nur den etwa 120.000 Lehrern unseres Landes vorbehalten. Der Rest muss sich mit fünf Wochen pro Jahr zufriedengeben. Um eine sechste
Urlaubswoche für alle wird seit Jahren gestritten. Dass ein längerer Urlaub aber gleich mit mehr Erholung einhergeht, ist nicht gesagt.

Wissenschaftler gehen nach neuesten Erkenntnissen sogar davon aus, dass weniger mehr ist. Vor allem, was den Zustand unseres Gehirnes betrifft. Experten wie der Psychologe und Urlaubsforscher Dr. Gerhard Blasche von der Medizinischen Universität Wien fanden heraus, dass wir knapp zwei Wochen brauchen, um uns von den Strapazen des Alltages zu erholen.

„Dabei sind die ersten Urlaubstage am wirkungsvollsten. Alles, was nach 14 Tagen geschieht, trägt dagegen nur noch unwesentlich zur weiteren Regeneration bei.“

Vielmehr würden nach Ansicht des Experten weitere Urlaubstage eher zum Abbau geistiger Fähigkeiten führen.
Gleiche Beobachtungen machte die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Dr. Iris Hauth. „Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass bei Schülern nach den zweimonatigen Sommerferien geistige Leistungen verloren gingen. Vor allem jene Fertigkeiten, die regelmäßig trainiert werden müssen, wie Kopfrechnen oder Buchstabieren, lassen dann nach. Das gilt vor allem für Kinder, weil sich ihr Gehirn noch im Wachstum befindet. Allerdings habe ich Ähnliches auch bei Erwachsenen beobachtet.“

Ob es zu einem geistigen Leistungsverfall kommt oder nicht, hängt aber maßgeblich von der Gestaltung unseres Urlaubes ab. Schließlich können wir auch in der Freizeit unseren Denkapparat fit halten, meint Dr. Hauth. „Das Gehirn will beschäftigt werden. Das geschieht am besten
über neue Eindrücke. Wenn wir eine andere Sprache hören, Bücher lesen oder kleinen Denkspielen wie Kreuzworträtsel-Lösen nachgehen, aber ebenso regelmäßig Bewegung machen.“

Unter diesen Bedingungen kann dann auch ein längerer Urlaub von Vorteil sein. Vor allem, wenn wir etwa nach großen Belastungen einen längeren Abstand zum Alltag benötigen. Das ist auch unserer Kreativität zuträglich. „Oft kommen wir dann auf neue Ideen, die wir in der Verengung des Alltages gar nicht gehabt hätten“, erklärt Urlaubsforscher Blasche. Das Stichwort lautet demnach Balance – zwischen Aktivität und Faulenzen.

Die beiden Wissenschaftler Hauth und Blasche beobachten jedoch mit Sorge, dass unsere Freizeit zunehmend durchstrukturiert und mit Programm vollgestopft ist. Auf diese Weise können wir nie richtig abschalten, gibt Dr. Hauth zu bedenken.

„Ein gewisses Maß an Ruhe braucht aber jedes Gehirn.“ Ansonsten kommt es zu chronischem Stress.

Und der bringt erhebliche gesundheitliche Folgen mit sich. „Das reicht von körperlichen Symptomen wie Bluthochdruck, Verspannungen und Schlafstörungen, bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzuständen“, erklärt die Ärztin. Laut Dr. Blasche gilt dies ebenso für die freien Wochenenden.

„Menschen, die am Sonntag nicht erholt sind, haben ein höheres Risiko, eine Herz-Kreislauferkrankung zu bekommen.“ Der daraus folgende Herzinfarkt schlägt nicht selten im Urlaub zu. „Weil die ersten zwei bis vier Ferientage für einen Großteil der Menschen die stressigsten sind. Eine Studie ergab, dass die meisten Herzinfarkte im Urlaub während dieser Zeit stattfinden. Das heißt nicht, dass wir mehr Herzinfarkte in den Ferien als während der Arbeitszeit haben, aber im Vergleich sind die ersten Urlaubstage die anstrengendsten“, erklärt der Psychologe Blasche. Das liegt einerseits daran, dass wir uns mit dem Kopf noch halb im Büro sowie bei den alltäglichen Verpflichtungen befinden, also nicht abschalten können, und andererseits zusätzlich durch die Reisestrapazen gestresst sind.

Dr. Blasche rät daher, „Lassen Sie sich beim Urlaubsantritt Zeit. Am besten nehmen Sie sich bereits den Tag vor der Reise und ebenfalls jenen danach frei.“ Einen wesentlichen Punkt fügt seine Kollegin Dr. Hauth hinzu. „Legen Sie Ihr Mobiltelefon zur Seite. Denn die ständige Erreichbarkeit belastet zusätzlich. Gönnen Sie sich bewusst Ruhepausen und haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie ein oder zwei Stunden gar nichts tun. Das haben wir bis zu einem gewissen Grad leider verlernt.“

Wobei sich freilich Erholung weder erzwingen noch speichern lässt. Unabhängig davon, wie entspannend die Ferien waren, nach wenigen Wochen bis höchstens zwei Monate sind wir eigentlich wieder urlaubsreif. „Unter diesen Umständen wäre es günstiger, drei Mal im Jahr zehn bis vierzehn Tage Urlaub zu machen, als bloß einen langen“, rät Dr. Hauth.
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