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Ausgabe Nr. 27/2017 vom 04.07.2017, Fotos: zeitungsfoto.at/Daniel Liebl
Elf Sorten Paradeiser, vier Melanzani, sechs Zucchini, ein Marillen- und ein Kirschbaum, dazu diverse Zupfsalate, Sprossenkohl und Blumen wachsen auf fünf Quadratmetern.
Franz Koch ist nicht im Dschungelcamp, sondern auf seinem Balkon in Innsbruck (T).
Die Melanzani kann bald geerntet werden.
Zucchini reifen bei Koch am Balkon.
Auf dem Computer dokumentiert Dr. Koch seine Erfolge.
Zu Besuch beim Balkonwinzer
Manche Menschen haben einen „grünen Daumen“. Der Innsbrucker Dr. Franz Koch hat zwei „grüne Hände“. Auf seinem Balkon in der Amraser Straße gedeihen Gemüsepflanzen, Weintrauben und Obst in rauen Mengen. Von der gegenüberliegenden Straßenseite bewundern Passanten seine grüne Oase, wie Urlauber das „Goldene Dachl“.
Zuerst bleibt der Mund offen. Und zwar dann, wenn Dr. Franz Koch erzählt. Denn er war in seiner aktiven Zeit an der Universitätsklinik in Innsbruck (T) Zellbiologe und hat auch an der Erforschung von Krebszellen mitgearbeitet. Wie sie sich beispielsweise verstecken, damit sie von der Immunabwehr des Körpers nicht gefunden werden, kann der Naturwissenschaftler auch für einen Laien wie den Streifzügler verständlich erklären. Und dann werden bei Besuchern seiner Wohnung in Innsbruck auch noch die Augen groß, wenn er die Tür zu seinem Balkon öffnet. Dort hat sich der 66jährige eine grüne Insel geschaffen, wie es sie wohl kein zweites Mal in unserem Land gibt.

„Elf verschiedene Sorten Paradeiser, vier Melanzani, sechs Zucchini, ein Marillen- und ein Kirschbaum, dazu diverse Zupfsalate, Sprossenkohl und natürlich Blumen“, zählt Koch auf, was alles auf nur fünf Quadratmetern bei ihm gedeiht. Auf den ersten Blick hat sein Beruf wenig mit seiner Leidenschaft zu tun. Und doch gebe es das eine nicht ohne das andere. „Ich habe mir immer gewünscht, den halben Tag im Labor und die andere Hälfte in der Natur zu verbringen“, sagt der gebürtige Innviertler (OÖ), der schon seit mehr als 40 Jahren in Innsbruck lebt. „Leider hab‘ ich die meiste Zeit in einem fensterlosen Keller ins Mikroskop geschaut“, lacht Koch. So holte er sich vor etwa 15 Jahren die Natur zu sich nach Hause. „Ich hab‘ zwei Pflanzen in die leeren Blumenkisterl gesetzt. Basilikum und einen Weinstock.“ Das Basilikum ist Geschichte, aber den Weinstock gibt es noch immer. Und der liefert ihm mittlerweile jedes Jahr zwischen 15 und 18 Kilo Trauben. „Die presst mir ein bekannter Weinbauer.“ Den Saft veredelt der Pensionist in seinem Keller zu Rotwein. „Ich bin wahrscheinlich der einzige Balkonwinzer in unserem Land. Aber mit den sieben 0,7-Liter-Flaschen bin ich keine Konkurrenz für die großen Weinbauern“, sagt Koch mit einem Schmunzeln.

Auch die weiteren Ernteerträge sind beachtlich, wie aus seinen handschriftlichen Notizen zu ersehen ist. Im „Rekordjahr“ 2015 erntete Koch 26 Kilo Paradeiser und fast 20 Kilo Melanzani. Wohlgemerkt, nicht aus einem Garten, nicht von einem Feld, wir sprechen noch immer von einem kleinen Balkon. Und auch in diesem Jahr scheint es botanisch gut zu laufen. „1,30 Kilo. Nicht schlecht“, sagt Koch zufrieden, als er auf einer Küchenwaage eine Zucchini abwiegt, die er von der Pflanze geschnitten hat.
Die außergewöhnlichen Erträge verdankt er einerseits dem Saatgut. „Es sind meist alte Sorten, die ich von einem ‚Arche Noah‘-Betrieb hole.“ Aber das alleine ist es nicht. Seine Pflanzen wachsen allesamt auf einem ganz besonderen Substrat, das er ganz unwissenschaftlich gefunden hat. „Durch Versuch und Irrtum“, lacht Koch. „Als unterste Schicht im Blumenkisterl kommt eine Lage normale Blumenerde. Darauf gebe ich etwa drei Zentimeter dicke Schafwolle. Unbehandelt, je dreckiger, desto besser. Darauf kommt wieder Erde und für die oberste Lage vermische ich Erde mit Eselsmist.“ Der Biologe zieht die Äpfel des Esels den Ausscheidungen der größeren Verwandten vor. „Weil ich weiß, dass der Bauer, von dem ich den Mist bekomme, den Eseln sicher kein Kraftfutter füttert.“ Den wissenschaftlichen Beweis kann der Wissenschaftler nicht antreten. „Aber solange die Resultate passen, mache ich so weiter.“

Auch sein Bewässerungssystem ist, wenn auch nicht von ihm erfunden, so doch ausgeklügelt. „An den Wasserkreislauf angeschlossene, poröse Tonkegel geben Wasser ab, wenn die Erde trocken ist. Ein Ventil regelt den Nachfluss. Da alles mechanisch abläuft, muss ich mir keine Sorgen machen, dass die Pflanzen verdursten, sollte einmal der Strom ausfallen“, erklärt der Biologe. Und wenn Probleme mit irgenwelchen Schädlingen auftreten, verlässt er sich weitgehend auf alte Hausmittel. Eines davon hat der leidenschaftliche Raucher stets auf Lager – Tabak. Denn mit Tabaksud lassen sich etliche Pflanzenschädlinge beseitigen.

Natürlich wird alles verwertet, was der Balkon abwirft. „Die Paradeiser verkoche ich zu Mark und Sugo, das Basilikum wird zu Pesto verarbeitet“, sagt Koch. Den Salat teilt er sich mit seiner Landschildkröte und mit den Fröschen sowie Unken seines Terrariums.

Der restliche Überschuss wird verschenkt. „Wobei ich schon einen gewissen Rückgang der Begeisterung bemerke, wenn ich meine Freunde und Bekannten mit Melanzani und Zucchini beglücke“, sagt Koch lachend.
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