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Ausgabe Nr. 26/2017 vom 27.06.2017, Foto: picturedesk.com
Sonja Hammerschmied möchte auch in der nächsten Regierung Ministerin sein.
„Kein Kopftuch-Verbot in der Schule“
Sonja Hammerschmid, 49, war immer gut in der Schule. Einen Nachzipf hatte sie nie. „Ich bin gern in die Schule gegangen“, erzählt die SPÖ-Bildungsministerin. „Ich hatte brillante Lehrer, die Schulkultur war hervorragend. Und genau das wünsche ich mir für alle Schulen“, sagt sie im Gespräch mit der WOCHE-Redakteurin Bibiana Kernegger. Einen Lehrer-Streik gegen die jetzt beschlossene Bildungsreform fürchtet die Molekularbiologin nicht.
Frau Ministerin, sind Sie schon „ferienreif“?
Nein, wir haben noch einiges zu tun. An Ferien ist zur Zeit nicht zu denken. Wir machen den parlamentarischen Prozess für die Bildungsreform fertig und auch der Bundesrat ist noch zu absolvieren. Uns wird nicht fad, wir haben alle Hände voll zu tun.

Wie haben Sie denn als Kind Ihre Ferien verbracht?
Ich bin am Land aufgewachsen, Ferien bedeutete das Treffen der Dorfkinder. Wir hatten Spaß auf den einzelnen Bauernhöfen oder im Wald. Dort waren wir als Kinder immer unterwegs. Meine Eltern haben mit uns gern Campingurlaub gemacht, was ich genossen habe. Und als Jugendliche, schon in meiner Schulzeit, hatte ich Ferialjobs in verschiedenen Laboren.

Ihnen ist nie langweilig geworden in den Ferien?
Nein.

Für viele Eltern sind neun Wochen Sommerferien schwer zu organisieren, dafür ist das Schuljahr oft dicht gedrängt. Sollten wir die Ferien verkürzen oder anders ordnen?
So trivial ist die Sache nicht. Denn einige Schulsysteme und Schultypen brauchen diese Ferien auch für Praktika. Zum anderen habe ich auch im Zuge des Bildungsreform-Paketes immer wieder mit den Beteiligten gesprochen, mit den Eltern, den Pädagoginnen und Pädagogen, den Schülerinnen und Schülern. Ich habe sie gebeten, legt mir eine Lösung auf den Tisch, die von allen getragen wird. Nur diese Lösung gibt es offensichtlich nicht, so gesehen ist es ein bisschen schwierig.

Sie sind im Mühlviertel (OÖ) in die Schule gegangen. Würden Sie jetzt in Wien Ihre Kinder in die nächste öffentliche Schule geben?
Ich würde meine Kinder jedenfalls in eine öffentliche Schule geben. Weil es wichtig ist, dass sie das soziale Umfeld auch entsprechend wahrnehmen und in solchen Umgebungen leben lernen. Deswegen würde es mir nicht einfallen, mein Kind in die Privatschule zu geben.

Vor Kurzem berichtete eine Volksschullehrerin, dass ein Drittel ihrer Kinder dem Unterricht wenig oder nicht folgen könne, dass die guten Schüler auf der Strecke blieben …
Wir wissen, dass wir gerade in Städten und hier vor allem in Wien natürlich besondere Herausforderungen in den Schulen haben. Wir reagieren auch, wir versuchen entsprechend Personal bereitzustellen, damit diesen Schulen geholfen werden kann. Aber ich habe in meinem Jahr als Bildungsministerin so viele hervorragende Schulen gesehen, teilweise auch solche mit großen Herausforderungen, in denen bis zu 85 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben.

Die Lehrergewerkschaft meint, die Bildungsreform sei vor allem ein Strukturpaket und werde ihnen nicht bei den pädagogischen Herausforderungen helfen …
Jeder, der das Autonomiepaket im Detail gelesen hat, kann erkennen, was hier pädagogisch drinnensteckt. Wir haben 36 Gesetze angegriffen, wir haben Hunderte Verordnungen aufgemacht, weil die Pädagogik in Fesseln gelegen ist. Die Lehrer konnten nicht frei am Standort entscheiden, wie sie ihre Kinder unterrichten, etwa welche Lernmaterialien sie einsetzen oder ob sie Groß- oder Kleingruppen machen. Jetzt sagen wir: ,Liebe Pädagoginnen und Pädagogen, ihr kennt eure Kinder am besten. Ihr wisst genau, was sie brauchen. Erkennt die Talente und Potenziale eurer jungen Menschen und unterrichtet sie so, wie ihr das für richtig haltet.‘ Das ist die Ermächtigung der Lehrer, selbst zu entscheiden, selbst zu gestalten.

Sie fürchten keinen Lehrer-Streik?
Wir haben 22 Runden lang verhandelt, es waren Tage und Nächte, in denen wir mit einer Vielzahl von Gewerkschaftern gesessen sind und das Paket diskutiert haben. Und wir haben eine Einigung mit der Gewerkschaft erzielt. Handschlagqualität ist hier das Thema, davon gehe ich aus.

Jeder weiß, mit den Lehrern steht und fällt alles. Es gibt aber nach wie vor nicht die Möglichkeit, dass Direktoren Lehrer, die besser nicht unterrichten sollten, loswerden können. Warum ist das noch immer nicht passiert?
Zum einen glaube ich, dass Menschen immer eine zweite Chance verdienen. Ich erwarte mir von den künftigen Clustern, dass, wenn ein Lehrer in Team A nicht passt, er eine zweite Chance in Team B bekommen kann. Was dann vielleicht besser funktioniert. Aber die Steuerung, welche Lehrerinnen und Lehrer wir an unseren Schulen haben, muss über die pädagogischen Hochschulen und vor allem mit dem Aufnahmeverfahren geschehen. Wir brauchen die Besten. Wir brauchen jene Menschen im Schulsystem, deren Leidenschaft es ist, mit Kindern zu arbeiten.

Ein ganz anderes Thema: Hat das Kopftuch bei Schülerinnen und Lehrerinnen tatsächlich etwas in der Schule verloren?
Ich bin immer ein Mensch gewesen, der sich stark für Vielfalt und vor allem Selbstbestimmung eingesetzt hat. Wir sind seit Jahrhunderten ein Staat, in dem viele Kulturen und viele Religionen zuhause sind. Wichtig ist, dass wir gut miteinander kommunizieren und umgehen. Dass wir gemeinsam ein Wertesystem definieren, das dieser Vielfalt Rechnung trägt, und wir ein gutes Miteinander haben.

Aber kein Kopftuch-Verbot in der Schule?
Nein, anstelle der Verbotsdebatte braucht es viel mehr eine Diskussion darüber, wie man Frauen mit Migrationshintergrund zu einem selbstbestimmten Leben verhelfen kann. Hier braucht es Beratung und Unterstützung.

Am 15. Oktober wird gewählt. Wollen Sie in der neuen Regierung auch noch Ministerin sein?
Natürlich, ich habe gerade erst angefangen.

Auch wenn es eine rot-blaue Koalition wäre?
Darüber denke ich jetzt, ehrlich gesagt, nicht nach. Mir geht es darum, die Bildungsreform umzusetzen, endlich Schwung ins Bildungssystem zu bringen. Denn Gesetze zu machen ist ein großer Teil meiner Arbeit, aber nicht die gesamte Arbeit.
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