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Ausgabe Nr. 15/2017 vom 11.04.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Ohne Kiersten Miles würde die kleine Talia nicht mehr leben.
Dank ihres Kindermädchens haben George und Farra Rosko ein gesundes Kind.
Die kleine Talia heute.
Kinder-Mädchen spendet ihrem Schützling Leber
Erst acht Wochen war die kleine Talia alt, als Ärzte bei ihr eine Missbildung des Gallenganges diagnostizierten. Das Baby benötigte dringend eine Lebertransplantation, doch kein Familienmitglied kam als Spender infrage. Dann traf ihr Kindermädchen eine selbstlose Entscheidung.
Mit dem Baby stimmt etwas nicht. Die Haut ist zu gelb.“ Mit diesen Worten beendete die Kinderärztin Dr. Sheena Mayer nur acht Wochen nachdem Farra Rosko ihr Töchterchen Talia zur Welt brachte, das scheinbar perfekte Mutterglück der 29jährigen Geschäftsfrau.

„Die Hautfarbe könnte auf ein Leberproblem hinweisen“, sagte die Medizinerin. Mit dem Einverständnis von Talias Eltern organisierte sie eine sofortige Ultraschall-Untersuchung. Tags darauf fuhr Roskos Mann George, 36, das Baby ins Spital von Jackson (US-Staat New Jersey). Spezialisten stellten fest, dass Talia an einer lebensgefährlichen Leberatresie leidet, einer seltenen Missbildung, die ableitende Gallenwege verschließt und den Gallenabfluss in den Darm unterbricht. „Das Problem könnte zu einer tödlichen Leberzirrhose führen“, erklärte der Chefarzt mit ernster Miene. „Ihre Tochter benötigt eine Lebertransplantation.“ Farra und George Rosko sahen einander erschrocken an. „Mit Medikamenten ist ihr nicht zu helfen?“, fragte Talias Mutter, den Tränen nahe. Der Arzt schüttelte den Kopf. So blieb den Eltern als einziger Ausweg, Talia auf eine Liste für Leber-Empfänger setzen zu lassen und auf den Anruf des Arztes zu warten.

Schon nach zwei Wochen verschlechterte sich der Zustand des Babys dramatisch. Talia verfärbte sich noch stärker und verweigerte das Essen. Wieder mit ihrem Kind im Spital, erfuhren die Eltern, dass es höchste Zeit für eine Transplantation sei. Die folgenden Wochen entwickelten sich zu einem Rennen um Talias Leben. Außer den Eltern ließen sich alle Familienmitglieder testen. Aber niemand eignete sich als Spender. „Unser Kind wurde stündlich schwächer“, erinnert sich die 29jährige an jene schwere Zeit. „Talias Haut verfärbte sich immer stärker. Ihr Bauch war geschwollen. Jeden Tag riefen wir im Krankenhaus an. Vergeblich.“

Durch die Sorge um das Baby blieb den Eltern wenig Zeit für Tea, 5, und Trey, 4, die beiden anderen Kinder des Paares. Deshalb suchte die Mutter nach einem Kindermädchen. So kam Kiersten Miles ins Haus, eine freundliche Lehramt-Studentin. „Sie kümmerte sich nicht nur rührend um Tea und Trey“, erzählt die Mutter. „Sie begann auch bald, Talia zu füttern und deren Windeln zu wechseln. Gewissenhaft gab sie ihr mit Vitaminen angereichertes Joghurt, um Talia zu stärken.“

Während all der Aufregung wirkte Miles wie ein Fels in der Brandung. „Sie hatte die Ruhe weg und war immer für die Kinder da“, erinnert sich Farra Rosko. Die kleine Talia hatte sich rasch an Miles gewöhnt. Sobald das Kindermädchen den Raum betrat, wurde das schwach wirkende Kind wach und aktiv.

Eines Tages sagte Kiersten Miles plötzlich: „Talia darf nichts passieren. Ich werde dafür sorgen.“ Farra Rosko war überrascht. „Wie denn?“, wollte die Mutter wissen. „Ich habe die Blutgruppe 0. Ich kann Talia ein Stück meiner Leber geben.“ Rosko sah ihr Kindermädchen mit großen Augen an. „Kiersten“, sagte sie, „das ist eine schwere Operation. Willst du das wirklich für Talia machen?“ Die 22jährige wirkte fest entschlossen. „Ich habe mich im Internet informiert“, sagte Miles. „Es ist nicht zu riskant. Es ist kein zu großes Opfer für ein Kind, das ich lieb habe.“ Da öffnete Farra Rosko ihre Arme, drückte Miles fest an sich und sagte mit leiser Stimme: „Du bist wunderbar.“

Eine Untersuchung bestätigte Miles als ideale Spenderin. Im Spital der Universität von Pennsylvania entnahmen ihr Chirurgen ein Stück Leber. Eine Ambulanz raste damit zur Kinderklinik. Ein paar Stunden später wurde die Transplantation erfolgreich abgeschlossen. Spenderin und Baby waren außer Gefahr.

Als das Kind aufwachte, hatte es seine gelbe Hautfarbe verloren, sah wieder rosa aus. Drei Tage später stand Miles neben den Eltern an Talias Bettchen. Das Kind strahlte die 22jährige an. „Du bist ihr Engel“, sagte Farra Rosko zur Studentin.

Talia ist nun 17 Monate alt und kerngesund. Miles kommt immer noch zum Babysitten. Einmal beobachtete Farra Rosko, wie Miles ihre Bluse lüftete und zu Talia sagte: „Schau, wir haben hier am Körper dieselbe Narbe.“

In einer stillen Minute nahm Farra Rosko die junge Frau zur Seite. „Ich weiß nicht, wie wir dir danken können“, sagte sie in der Hoffnung, dass ihr die 22jährige einen Hinweis gibt, womit ihr eine Freude zu machen wäre. „Talias Lächeln ist der schönste Dank“, antwortete Miles.
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