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Ausgabe Nr. 15/2017 vom 11.04.2017, Fotos: Tom Nulens/Fotolia, picturedesk.com, Hans-Christian Gruber
Politiker können sich nicht zu einem generellen Schulfach „Ethik“ durchringen. Jetzt wagt die überparteiliche Plattform „Ethikunterricht für alle“ einen neuerlichen Vorstoß.
SPÖ-Unterrichtsministerin Hammerschmid will nichts am Ethik-Schulversuch ändern.
Prof. Anton A. Bucher: „Mit dem Geld, das in die Hypo-Alpe-Adria gesteckt wurde, könnte der Ethik-Unterricht über Jahrzehnte finanziert werden.“
Ethik für alle
Zu Ostern sind die Kirchenbänke voll. Sonst herrscht oft gähnende Leere. Auch im Religionsunterricht. Mit 14 Jahren können sich die Kinder abmelden. Jetzt gibt es einen neuen Vorstoß für einen Ethik-Unterricht für alle.
In Lisas Klasse gehen noch zwei Kinder in den katholischen Religionsunterricht. Vor einem Jahr waren es deutlich mehr. Aber mit 14 Jahren können sich die Kinder selbst von „Reli“ abmelden. Und so lichten sich die Reihen.

Jeder vierte der rund 152.000 katholischen Oberstufen-Schüler kehrt der Religionsstunde den Rücken. Von den insgesamt knapp 36.000 evangelischen Schülern haben sich heuer rund 5.000 abgemeldet. Keine offiziellen Zahlen gibt es für den islamischen Religionsunterricht.

Die Abmeldung ist für die älteren Schüler attraktiv. Denn die Alternative ist in den meisten Fällen eine Freistunde. Abgesehen von jenen rund 200 Schulen, in denen „Ethik“ als Ersatzfach besucht werden muss. Dieser Schulversuch existiert seit 20 Jahren. Es gibt Schulbücher, verschiedene Lehrpläne und Studien über die positiven Auswirkungen des Ethik-Unterrichtes. Doch die Politiker können sich nicht zu einem generellen Schulfach „Ethik“ durchringen.

Jetzt wagt die überparteiliche Plattform „Ethikunterricht für alle“ einen neuerlichen Vorstoß. Zusammen mit dem Religionspädagogen Anton Bucher von der Universität Salzburg wollen die Freidenker und die Konfessionsfreien aus dem endlosen Schulversuch ein reguläres Pflichtfach machen.

„Ethikunterricht für alle ist ein permanenter Werteunterricht für Kinder wie die verpflichtenden Wertekurse für Erwachsene im Integrationspaket“, heißt es im Forderungspaket etwa. „Gemeinsamer Ethikunterricht fördert das Verständnis für den anderen.“ Und das ist in Zeiten der Flüchtlingskrise oft dringend notwendig.

Der Ethikunterricht sei „pädagogisch überfällig“, stellte Anton Bucher schon vor Jahren fest. Der Salzburger Universitätsprofessor hat den Schulversuch bereits in den Anfangsjahren in einer Studie beurteilt. Er stellte dem Fach ein gutes Zeugnis aus.

„Ethik ist zu wichtig, als dass es nicht allen Schülerinnen und Schülern angeboten werden soll“, sagt der gebürtige Schweizer heute. „Und nach wie vor ist es den Religionsgemeinschaften unbenommen, auch Religionsunterricht anzubieten.“ Im Fach „Ethik und Religionen“ sollten aber alle verschiedenen Religionen Platz haben.

Ethik ist die Lehre vom richtigen Handeln. In den Schulstunden werden Fragen zu Moral und Gewissen behandelt. Über Abtreibung und Sterbehilfe wird ebenso diskutiert wie über den verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt oder andere Religionen. „Der Ethikunterricht hat ein enorm bildendes Potenzial. Er kann dazu führen, dass sich heranwachsende und später erwachsene Menschen moralischer verhalten. Das ist im Gesamtinteresse der Gesellschaft“, erklärt Anton Bucher.

Die bisherigen Schulversuche haben „nachweislich zu wünschenswerten Veränderungen in den Einstellungen und im Verhalten von Schülern geführt“, weiß der Universitätsprofessor. Die Jugendlichen seien toleranter gewesen, konnten besser miteinander reden und legten mehr Zivilcourage an den Tag.

Denn auch für moralisches Verhalten gilt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Bei Erwachsenen sind die Überzeugungen relativ stabil. Weshalb im Paragraph 2 des Schulorganisationsgesetzes auch festgelegt ist, dass es die Aufgabe der Schule ist, den Jugendlichen „sittliche, religiöse und soziale Werte“ zu vermitteln.

90 Millionen Euro jährlich würde die Einführung des Pflichtgegenstandes Ethik mit zwei Stunden pro Woche kosten. Das haben die Experten des Unterrichtsministeriums vor fünf Jahren veranschlagt. Wird „Ethik“ nur als Pflicht-Alternative zum Religionsunterricht eingeführt, sind es rund 40 Millionen Euro pro Jahr.

„Es ist alles eine Frage des politischen Willens“, sagt der Ethik-Vorkämpfer Bucher zur Kosten-Frage. „Für die Hypo-Alpe-Adria sind plötzlich Milliarden Euro dagewesen. Und zwar letztlich auch, um unethische Betrügereien zu zahlen. Wenn der Staat es nicht für wert befindet, in die ethische Bildung der nachrückenden Generation zu investieren, dann ist es eine politische Entscheidung, die hingenommen werden muss, aber kritisiert werden darf.“ Allerdings rechnet der Professor vor: „Mit dem Geld, das in die Hypo-Alpe-Adria gesteckt wurde, könnte der Ethik-Unterricht über Jahrzehnte finanziert werden.“

Doch der Ethik-Unterricht scheiterte bisher nicht nur am Geld. Zu weit sind die Positionen von Rot und Schwarz auseinander. Zu sehr fürchten die Kirchen, dass ihnen das Wasser abgegraben wird.

Die frühere SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied plädierte für „Ethik“ für alle. Die ÖVP und die Religionsgemeinschaften wollen einen verpflichtenden Ethikunterricht für jene, die nicht in Religion gehen. Die derzeitige SPÖ-Unterrichtsministerin Sonja Hammerschmid hält sich aus der Diskussion heraus. Derzeit sei „nicht geplant“, etwas am Ethik-Schulversuch zu ändern, erklärte sie zuletzt.

Obwohl der Rechnungshof schon im Jahr 2015 darauf hinwies, dass Schulversuche, die „bereits hinreichend erprobt“ seien, entweder „zu beenden oder ins Regelschulwesen zu übernehmen wären.“


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