Mireille Mathieu:
„Beim Singen fühle ich mich jung“
Sie hat nach wie vor viele Auftritte und wird stets von einer Schwester begleitet. Die Familie ist der französischen Künstlerin Mireille Mathieu immens wichtig. Ihren kranken Bruder ruft sie täglich an.
Im Kreis der Familie feiert sie bald ihren 80. Geburtstag.
Frau Mathieu, Sie stehen nun bereits seit
mehr als sechzig Jahren auf der Bühne.
Was geht in Ihnen vor, wenn Sie hinausgehen
und anfangen, vor den Menschen zu singen?


Das ist nicht so leicht in Worte zu fassen. Wenn ich oben auf der Bühne stehe, geht mir das Herz auf. Das Publikum trägt mich förmlich. Das ist ein wunderbares Gefühl. Es ist wie eine große Liebe mit dem Publikum. Absolut wunderbar.

Es kommen viele jüngere Menschen zu Ihren Konzerten. Bedeutet es Ihnen viel, auch den Nachwuchs für Ihre Musik gewinnen zu können?

Natürlich. Das berührt mich stark. Dass meine Lieder für Junge und Alte auf der ganzen Welt so einen hohen Stellenwert haben, gibt mir ein starkes Glücksgefühl. Ich freue mich immer, wenn ich junge Menschen im Konzert sehe. Ich weiß dann natürlich nie, ob die zum ersten Mal kommen oder ob sie mich schon länger kennen. Manche Anhänger waren ja schon als Kinder dabei (lacht).

Fühlen Sie sich selbst noch jung?

Wenn ich singe, dann ja. Beim Singen fühle ich mich wundervoll. Auf der Bühne zu stehen, ist wahrlich das größte Glück meines Lebens.

Jetzt haben Sie ja bald einen runden Geburtstag. Am 22. Juli werden Sie 80 Jahre alt.
Freuen Sie sich darauf?


Ja, sogar sehr. Ich werde den Tag mit einem Teil meiner Familie feiern, mit meinen Brüdern und Schwestern. Das ist immer eine große Freude. Natürlich sind auch immer einige traurige Gedanken dabei, für die Menschen, die ich liebe und die nicht mehr da sind – Menschen wie meine Mutter und mein Vater. Aber insgesamt soll mein Geburtstag ein großer Freudentag werden und voller Emotionen.

Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

Natürlich in Avignon, meiner Heimatstadt. In einem Hotel, das ich mag und in dem ich schon oft zu Gast gewesen bin. Praktisch meine ganze Familie lebt in Avignon. Wir sind vierzehn Geschwister – und der Großteil ist Avignon treu geblieben. Meine Schwester Monique, die auch meine Managerin ist, und ich leben in Neuilly bei Paris, eine andere Schwester von mir wohnt in der Pariser Innenstadt. Aber alle anderen würden Avignon nie verlassen.

Wie wichtig ist Ihnen die Familie?

Immens wichtig. Die Familie ist überhaupt das Allerwichtigste für mich. Ich habe immer meine Schwester bei mir. Und ich telefoniere jeden Tag mit meinen Geschwistern – vor allem mit einem meiner Brüder. Nach dem Tod meiner Mutter ist er sehr krank geworden. Der Schock und die Trauer haben ihn getroffen, er hätte wahrscheinlich diese Krankheit sowieso bekommen, aber es ist schneller und schlimmer gekommen. Ich rufe jeden Tag an. Es ist wichtig, immer mit seiner Familie in Verbindung zu bleiben.

Wie sehr hat diese Kindheit mit dreizehn Geschwistern Ihr Leben und Ihre Karriere geprägt?

Wir haben in einfachsten Verhältnissen gelebt, in einem kleinen, baufälligen Haus, eigentlich mehr einer Baracke aus Faserzement. Es gab kein Wasser. Wir mussten das Wasser immer auf dem Herd aufwärmen. Ich habe schöne Erinnerungen an meine Zeit als junges Mädchen, aber das war wirklich ein ganz anderes Leben damals. Man kann sich das heute kaum noch vorstellen.

Heute leben Sie weitaus luxuriöser, aber was ist von diesen Erfahrungen hängengeblieben?

Wenn ich heute in ein Hotelzimmer oder in eine Suite komme, schaue ich mir als Allererstes das Badezimmer an. Eben weil ich früher keines hatte.

Wirklich?

Ja, jedes Mal. Ich gehe ins Bad und drehe das Wasser auf, im Waschbecken und in der Dusche. Dann warte ich, bis es warm wird. Das klingt vielleicht seltsam, aber das ist seit vielen Jahren mein Ritual. Es erinnert mich daran, woher ich komme.

Sie sind also trotz aller Erfolge bescheiden geblieben?

Ich glaube, es ist ganz entscheidend, sich selbst treu zu bleiben. Ich habe durch meinen Beruf viele reiche Menschen kennengelernt, aber auch viele arme. Und ich denke, es ist wichtig, mit beiden zu sprechen – gerade auch mit denen, die wenig haben. Ich danke dem lieben Gott, dass er mir diesen Beruf gegeben hat und diese Möglichkeiten. Aber ich darf darüber nicht vergessen, wer ich bin. Eines meiner Lieder heißt „Mille Colombes“ (dt. „Tausend Tauben“), und es ist ein klares Bekenntnis für den Frieden. Gerade jetzt, wo es überall Kriege gibt und so vieles aus dem Lot geraten ist, ist es für mich wichtiger denn je, an den Frieden zu glauben und auf den Frieden zu hoffen. Wir Menschen sehnen uns nach Frieden.

Sie singen täglich?

Oh ja. Ich singe jeden Tag. So übe und trainiere ich meine Stimme. Das ist für mich ein Muss. Ich kann gar nicht anders. Das Singen ist für mich lebenswichtig wie die Luft, die ich atme.

Waren Sie immer so diszipliniert?

Ja, das war ich. Ich hatte das große Glück, eine ausgezeichnete Gesangslehrerin zu finden. Sie hieß Janine Reiss und war eine außergewöhnliche Frau. Sie hat die größten Opernsänger unterrichtet, Plácido Domingo, Maria Callas, nur die Größten und die Allerbesten. Mit Chansons oder Schlager kannte sie sich zuerst nicht so gut aus, aber ich habe sie überzeugt. Danach wurden wir gute Freundinnen.

Wie haben Sie sie überzeugt?

Ich habe ihr gesagt: Wenn wir auftreten, spielen die ersten Geiger der Pariser Oper mit uns. Also musste alles sitzen. Sie hat mir alle Kniffe gezeigt, auf die es beim Singen ankommt. Ich habe mich dafür an ihren Zeitplan angepasst, bin sogar sonntags zu ihr gegangen. Ich habe alles aufgenommen, alles umgesetzt. Und ich habe es nie bereut, so unermüdlich mit ihr gearbeitet zu haben.

Sie singen heute noch zweieinhalb Stunden auf der Bühne. Wie schützen Sie Ihre Stimme?

Ich singe niemals tagsüber, wenn ich abends auftreten muss. Ich spreche auch nicht zu viel am Tag. Normalerweise ziehe ich mich nach einem Konzert um und gehe dann sofort ins Hotel. Schlafen ist äußerst wichtig für die Stimme. Schlafen ist eigentlich wichtig für alles.

Wie lange wollen Sie weitersingen?

Keine Ahnung. Schauen wir, was die Zukunft bringt.


Zur Person:

Mireille Mathieu wurde am 22. Juli 1946 in Avignon (Frankreich) geboren. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater arbeitete als Steinmetz.

Im Alter von vier Jahren hat Mathieu zum ersten Mal öffentlich gesungen. Sie ging vorzeitig von der Schule ab, um Geld zu verdienen und so die Eltern finanziell zu unterstützen. Sie ist die älteste von 14 Geschwistern.

Die Sängerin gilt heute als eine der erfolgreichsten Künstlerinnen, die Schlager und Chansons im Repertoir hat. Sie hat fast 200 Millionen Tonträger verkauft.

„Der Spatz von Avignon“, wie sie auch genannt wird, geht wieder auf Tournee, in unserem Land wird sie allerdings nicht gastieren. In München (D) tritt sie am 16. November auf.